Tinnitus nach Alkohol schlimmer: Warum?
Alkohol ist kein allgemeiner Tinnitus-Auslöser, kann das Ohrgeräusch bei manchen aber lauter machen. Meist wirken Schlaf, Lärm und Anspannung mit.
Bei manchen ja, bei vielen nicht
Tinnitus kann nach Alkohol lauter wirken, weil Alkohol den Schlaf stört, den Kreislauf verändert und oft mit Lärm und langen Abenden zusammenfällt. Das betrifft aber längst nicht alle: In einer Befragung von Menschen mit chronischem Tinnitus berichtete gut ein Fünftel, dass Alkohol das Ohrgeräusch verstärkt. Die meisten bemerkten keinen Unterschied.
Was die Forschung zeigt
In der britischen Klinikbefragung von 100 Betroffenen gaben 22 Prozent eine Verschlimmerung an, 62 Prozent keinen Effekt und 16 Prozent sogar eine Besserung. In einer großen Auswertung der UK Biobank mit über 168.000 Erwachsenen hatten Menschen, die Alkohol tranken, etwas seltener Tinnitus als Abstinente. Das beweist keinen Schutz, zeigt aber: Alkohol ist kein allgemeiner Tinnitus-Auslöser. Es kommt auf die einzelne Person an. Die Autoren der Biobank-Auswertung fanden insgesamt nur wenige Hinweise darauf, dass Lebensstilfaktoren den Verlauf eines Tinnitus deutlich verändern.
Warum es bei manchen lauter wird
Der unruhige Schlaf
Alkohol macht zwar müde, stört aber besonders die zweite Nachthälfte. Nach schlechtem Schlaf filtert das Gehirn Reize schlechter heraus, und das Ohrgeräusch wirkt aufdringlicher.
Lärm am selben Abend
Getrunken wird selten in Stille. Bar, Feier, Konzert: Laute Umgebungen können den Tinnitus für Stunden bis Tage verstärken. Manchmal ist es der Lärm, nicht das Getränk. Gehörschutz für Konzerte und Pausen an ruhigeren Orten können hier vorbeugen.
Kreislauf und Flüssigkeit
Alkohol erweitert die Blutgefäße und wirkt harntreibend. Manche Betroffene nehmen danach ein pulsierendes oder lauteres Geräusch wahr. Wie stark dieser Effekt ist, wurde wissenschaftlich kaum untersucht.
Anspannung am Tag danach
Nach einem Abend mit Alkohol fühlen sich manche Menschen gereizt, unruhig oder ängstlich. Wer angespannt ist, hört genauer hin, und was man beobachtet, wird lauter.
Tinnitus nach Alkohol besser oder schlimmer: Woran liegt das?
Alkohol dämpft das Nervensystem und kann kurzfristig entspannen. Manche nehmen ihr Ohrgeräusch deshalb nach ein, zwei Gläsern leiser wahr. Lässt die Wirkung nach, können unruhiger Schlaf und Anspannung folgen, und am nächsten Morgen wirkt der Tinnitus lauter. So erleben manche beides: erst besser, dann schlimmer.
Diese Abfolge erklärt, warum Erfahrungen so weit auseinandergehen. Es kommt auch darauf an, wann man hinhört: am Abend oder am Morgen danach. In der erwähnten Befragung tranken ausgerechnet diejenigen, die eine Besserung bemerkten, seit Beginn ihres Tinnitus mehr. Alkohol gezielt gegen das Ohrgeräusch einzusetzen, ist deshalb riskant: Die Erleichterung hält nicht an, und die Menge steigt leicht. Wenn Sie merken, dass Sie trinken, um das Geräusch nicht zu hören, ist das ein guter Anlass für ein Gespräch mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt.
Selbst herausfinden, was stimmt
Ein einfaches Tagebuch hilft: Wie viel wurde getrunken, wie laut war die Umgebung, wie war der Schlaf, und wie stark war der Tinnitus am nächsten Tag? Auch die Art des Getränks und die Uhrzeit lassen sich notieren. Nach einigen Wochen zeigt sich oft ein Muster. Wer keinen Zusammenhang findet, muss nicht wegen des Ohrgeräuschs verzichten. Unabhängig davon gelten die allgemeinen Empfehlungen für einen risikoarmen Umgang mit Alkohol.
Statt des Feierabendbiers kann eine ruhige Entspannungsübung beim Abschalten helfen. Was Hypnose bei Tinnitus leisten kann und wo die Grenzen liegen, lesen Sie im Überblick.
Wann zum HNO-Arzt
Ein Tinnitus, der plötzlich neu auftritt, nur ein Ohr betrifft, im Takt des Herzschlags pulsiert oder mit Hörverlust oder Drehschwindel einhergeht, gehört zeitnah in HNO-ärztliche Hände, unabhängig vom Alkohol.
Die S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“ setzt auf Aufklärung und tinnitusspezifische kognitive Verhaltenstherapie. Entspannungsverfahren wie Hypnose können begleitend helfen, die Anspannung rund um das Geräusch zu senken.
Das Audio-Hypnose-Programm bei Tinnitus ist als begleitende Entspannungsroutine gedacht. Eine bestimmte Wirkung ist nicht zugesichert, und es ersetzt keine HNO-ärztliche Behandlung. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Kann Alkohol einen Tinnitus auslösen?
Für einen allgemeinen Zusammenhang gibt es keine klaren Belege, in einer großen britischen Studie hatten Trinkende sogar etwas seltener Tinnitus. Einzelne Menschen erleben aber, dass ihr bestehendes Ohrgeräusch nach Alkohol lauter wird.
Warum ist mein Tinnitus nach dem Trinken leiser?
In einer Befragung berichteten 16 Prozent der Betroffenen von einer Besserung durch Alkohol. Auffällig war, dass diese Gruppe seit Beginn des Tinnitus mehr trank, weshalb Alkohol als Mittel gegen das Ohrgeräusch keine gute Idee ist.
Hilft es, ganz auf Alkohol zu verzichten?
Wenn ein persönlicher Zusammenhang besteht, kann weniger Alkohol die schlechten Tage seltener machen. Ein chronischer Tinnitus verschwindet dadurch aber in der Regel nicht.
Was bedeutet es, wenn der Tinnitus pulsiert?
Ein Ohrgeräusch im Takt des Herzschlags sollte ärztlich abgeklärt werden, besonders wenn es neu oder einseitig ist. Dahinter können Ursachen in den Blutgefäßen stecken, die eine gezielte Untersuchung brauchen.
Wie lange ist der Tinnitus nach Alkohol schlimmer?
Verlässliche Zahlen gibt es dazu nicht. Liegt es am Alkohol, pendelt sich das Ohrgeräusch meist wieder auf das gewohnte Maß ein, sobald Schlaf und Kreislauf sich erholt haben. Bleibt es dauerhaft lauter oder kommt eine Hörminderung dazu, ist eine HNO-ärztliche Abklärung sinnvoll.
Ist es bedenklich, Alkohol zu trinken, um den Tinnitus nicht zu hören?
Ja, das ist ein Warnzeichen. Die Erleichterung hält nur kurz, und die Menge kann unbemerkt steigen. Besser ist, mit der Hausärztin oder dem Hausarzt über die Belastung zu sprechen. Nachhaltiger helfen Aufklärung und tinnitusspezifische Verhaltenstherapie, wie sie die Leitlinie empfiehlt.
Ist Rotwein oder Bier bei Tinnitus schlechter?
Belastbare Vergleiche gibt es dazu nicht. Manche Betroffene beobachten, dass sie auf bestimmte Getränke stärker reagieren. Ob das bei Ihnen so ist, zeigt am ehesten ein Tagebuch mit Getränk, Menge, Umgebung und Schlaf.
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Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- Pugh, Budd & Stephens (1995): Patients reports of the effect of alcohol on tinnitus, British Journal of Audiology 29(5) Quelle lesen →
- Dawes et al. (2020): Natural history of tinnitus in adults: a cross-sectional and longitudinal analysis, BMJ Open 10(12) Quelle lesen →
- DGHNO-KHC: S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus, AWMF 017-064 Quelle lesen →
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wenden Sie sich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).