Tinnitus nach Corona: Was bekannt ist und was hilft
Ein Tinnitus kann nach einer Corona-Infektion auftreten oder lauter werden. Oft klingt er wieder ab, eine HNO-Abklärung gehört trotzdem dazu.
Die kurze Antwort
Ja, ein Tinnitus kann nach einer Corona-Infektion auftreten oder lauter werden. Eine systematische Übersicht früher Studien (Almufarrij und Munro 2021) schätzte auf Basis überwiegend selbstberichteter Angaben, dass rund 15 Prozent (Spanne 6 bis 26 Prozent) der Erkrankten über Ohrgeräusche berichteten; die Autoren hielten das selbst für wahrscheinlich zu hoch. Spätere Auswertungen, die nur neu aufgetretene Ohrgeräusche zählten, kamen auf etwa 4 bis 8 Prozent (Jafari u. a. 2022), und eine große Vergleichsstudie aus 61 Einrichtungen fand nach einer Infektion nur ein leicht erhöhtes Tinnitus-Risiko von etwa dem 1,3-Fachen (Africa u. a. 2023). Zum Vergleich: Auch ohne Infektion berichten rund 14 Prozent der Erwachsenen über Ohrgeräusche (Jarach u. a. 2022). Als Ursachen werden Entzündungsreaktionen, Durchblutung des Innenohrs, Stress, Schlafmangel und die Belastung der Erkrankung selbst diskutiert. Im Labor kann das Virus menschliche Innenohrzellen infizieren (Jeong u. a. 2021); ob das bei Erkrankten tatsächlich Ohrgeräusche auslöst, ist nicht nachgewiesen. Wichtig: Ein neuer Tinnitus nach einer Infektion sollte zeitnah in der HNO-Praxis abgeklärt werden, besonders wenn gleichzeitig das Hören schlechter geworden ist.
Was über Tinnitus nach Corona bekannt ist
- Häufigkeit: Die Zahlen schwanken stark zwischen den Studien, weil viele Befragungen keine Vergleichsgruppe hatten und Tinnitus auch ohne Infektion häufig ist. Sicher ist nur: Ein Teil der Betroffenen bemerkt nach der Infektion erstmals ein Ohrgeräusch oder eine Verschlechterung.
- Verlauf: Nach Studienberichten bildet sich das Geräusch bei etwa der Hälfte der Betroffenen ganz oder teilweise zurück; verlässliche Verlaufsdaten fehlen. Bleibt das Geräusch länger als drei Monate, gilt es als chronisch.
- Stress und Schlaf: Eine Infektion mit Fieber, Isolation und Sorgen ist für viele eine Stressphase. Stress und Schlafmangel können das Ohrgeräusch verstärken. Siehe Warum ist Tinnitus bei Stress lauter? und Tinnitus nach wenig Schlaf.
- Hörminderung: Tritt gleichzeitig eine Hörminderung oder ein Druckgefühl auf, kann ein Hörsturz vorliegen. Dann sollte innerhalb von ein bis zwei Tagen eine HNO-Praxis entscheiden, ob eine Behandlung nötig ist. Siehe Tinnitus nach Hörsturz.
Was Sie jetzt tun können
- HNO-Abklärung: Hörtest und Untersuchung des Ohrs, besonders bei Hörminderung, Schwindel oder einseitigem Geräusch. Siehe Hörtest bei Tinnitus: Was erwartet mich?
- Erholung ernst nehmen: Nach einer Infektion braucht der Körper Schlaf und Ruhe. Beides kann helfen, dass das Geräusch weniger stört.
- Nicht in die Stille: Leise Hintergrundgeräusche, etwa Regen oder Musik, machen das Geräusch weniger präsent. Siehe Tinnitus nur bei Stille.
- Die Angst vor dem Geräusch abbauen: Die Bewertung „Das bleibt für immer“ hält die Anspannung hoch. Was die Leitlinie empfiehlt (Beratung, Verhaltenstherapie) und was über Hypnose als ergänzendes Entspannungsverfahren bekannt ist, lesen Sie unter Hilft Hypnose bei Tinnitus?
Das Audio-Hypnose-Programm Tinnitus richtet sich an Erwachsene, die mit regelmäßiger Entspannung gelassener mit dem Ohrgeräusch umgehen möchten. Es ersetzt keine ärztliche Abklärung. Online im Browser.
Häufige Fragen
Kann Corona Tinnitus auslösen?
Ja, ein Teil der Erkrankten berichtet nach einer Infektion über ein neues oder lauteres Ohrgeräusch. Wie häufig das ist, ist unklar, weil viele Studien keine Vergleichsgruppe hatten; Vergleichsstudien zeigen nur ein leicht erhöhtes Risiko. Als Ursachen werden Entzündung, Durchblutung, Stress und Schlafmangel diskutiert.
Geht Tinnitus nach Corona wieder weg?
Nach Studienberichten bildet sich das Geräusch bei etwa der Hälfte der Betroffenen ganz oder teilweise zurück. Bleibt es länger als drei Monate, gilt es als chronisch und sollte wie jeder Tinnitus mit Beratung und bei Belastung mit Verhaltenstherapie behandelt werden.
Wann muss ich mit Tinnitus nach Corona zum Arzt?
Zeitnah in die HNO-Praxis, wenn das Geräusch neu ist, wenn das Hören schlechter geworden ist, bei Schwindel oder wenn das Geräusch nur auf einem Ohr auftritt.
Verwandte Themen
Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- Almufarrij & Munro (2021): One year on: an updated systematic review of SARS-CoV-2, COVID-19 and audio-vestibular symptoms, International Journal of Audiology 60(12), 935-945
- AWMF (2021): S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus, Registernummer 017-064, Stand 09/2021 (Journalfassung Mazurek u. a., HNO 2022)
- Jafari u. a. (2022): Hearing Loss, Tinnitus, and Dizziness in COVID-19: A Systematic Review and Meta-Analysis, Canadian Journal of Neurological Sciences 49(2), 184-195
- Africa u. a. (2023): Evaluation of Disturbances in Hearing, Tinnitus, and Dizziness as Signs of COVID-19 Infection, Otology & Neurotology 44(2), 126-133
- Jarach u. a. (2022): Global Prevalence and Incidence of Tinnitus: A Systematic Review and Meta-analysis, JAMA Neurology 79(9), 888-900
- Jeong u. a. (2021): Direct SARS-CoV-2 infection of the human inner ear may underlie COVID-19-associated audiovestibular dysfunction, Communications Medicine 1, 44
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wenden Sie sich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).