Tinnitus lauter bei Wetterumschwung: Was ist dran?
Wetterfühligkeit beim Tinnitus ist keine Einbildung, aber auch kein gut erforschtes Feld. Erste Studien deuten auf Luftdruck und Luftfeuchtigkeit.
Die kurze Antwort
Viele Betroffene berichten, dass ihr Tinnitus bei Wetterwechsel lauter wird. Erste Studien stützen einen Zusammenhang mit Luftdruck und Luftfeuchtigkeit, belegen aber keine Ursache. Am besten untersucht ist der Wettereffekt bei Morbus Menière, einer Innenohrerkrankung mit Schwindelanfällen.
Was die Forschung zeigt
Notfallbesuche in Wien
Eine Wiener Klinik verglich 526 Notfallbesuche wegen Tinnitus mit den täglichen Wetterdaten. An Tagen mit sehr hoher Luftfeuchtigkeit stieg das Risiko für einen solchen Besuch. Sowohl sehr niedriger als auch sehr hoher Luftdruck ging mit einigen Tagen Verzögerung mit mehr Besuchen einher. Die Autoren betonen, dass ihre Studie keinen ursächlichen Zusammenhang beweisen kann und nur Wetterextreme betrachtete.
App-Daten
In der App „TrackYourTinnitus“ wurde Tinnitus im Sommer etwas häufiger angegeben als im Winter. In einigen Ländern hing das mit der Temperatur zusammen, in Deutschland dagegen nicht. Mehr dazu steht im Beitrag zu Tinnitus bei Hitze.
Morbus Menière
Eine britische Studie verknüpfte die täglichen App-Angaben von 397 Menschen mit Morbus Menière mit Wetterdaten. Bei niedrigem Luftdruck und hoher Luftfeuchtigkeit traten Beschwerden und Anfälle häufiger auf. Auf den gewöhnlichen chronischen Tinnitus lässt sich das nicht ohne Weiteres übertragen.
Warum Wetter wirken könnte
Gesichert sind die Mechanismen nicht. Diskutiert werden mehrere Wege:
- Druck im Mittelohr: Schnelle Luftdruckänderungen muss die Ohrtrompete ausgleichen. Gelingt das schlecht, entsteht ein Druckgefühl, das das Ohrgeräusch betonen kann.
- Schlaf und Befinden: Schwüle oder stürmische Nächte stören bei manchen den Schlaf, und nach schlechten Nächten wirkt der Tinnitus oft aufdringlicher.
- Erwartung: Wer mit einem schlechten Tag rechnet, hört genauer hin. Das macht den Effekt nicht eingebildet, kann ihn aber verstärken.
Selbst prüfen, was dran ist
Ein kurzes Tagebuch über einige Wochen hilft: Lautstärke des Tinnitus auf einer Skala von 0 bis 10, dazu Wetter, Schlaf und Stress. Viele Wetter-Apps zeigen auch den Luftdruck an. Manchmal bestätigt sich der Zusammenhang, manchmal zeigt sich, dass eher die schlechte Nacht davor den Ausschlag gab. Beides ist hilfreich, denn es nimmt dem Wetter etwas von seiner Unberechenbarkeit.
Wann zum Arzt
Treten zusammen mit dem lauteren Tinnitus Drehschwindel, ein Druckgefühl und eine schwankende Hörminderung auf, sollte eine HNO-Praxis prüfen, ob eine Innenohrerkrankung wie Morbus Menière vorliegt. Zeitnah abklären lassen sollte man auch einen plötzlichen Hörverlust sowie einen einseitigen oder pulssynchronen Tinnitus.
Gegen das Wetter lässt sich wenig tun, gegen die Anspannung schon. Die S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“ setzt auf Aufklärung und tinnitusspezifische kognitive Verhaltenstherapie. Entspannungsverfahren können begleitend helfen, gelassener durch wechselhafte Tage zu kommen.
Das Audio-Hypnose-Programm bei Tinnitus setzt auf Entspannung und einen gelasseneren Umgang mit dem Ohrgeräusch, begleitend zur HNO-ärztlichen Behandlung. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Kann Tiefdruck den Tinnitus verstärken?
Eine Wiener Klinikstudie fand nach sehr niedrigem, aber auch nach sehr hohem Luftdruck mehr Notfallbesuche wegen Tinnitus. Ob der Luftdruck selbst die Ursache ist, bleibt bislang offen.
Ist Wetterfühligkeit bei Tinnitus eingebildet?
Nein, die Wahrnehmung ist echt, auch wenn der Mechanismus noch nicht geklärt ist. Aufmerksamkeit, Erwartung und Schlaf spielen dabei vermutlich mit.
Was hat Morbus Menière mit dem Wetter zu tun?
Bei Morbus Menière kommt es zu Anfällen mit Drehschwindel, Ohrgeräusch, Druckgefühl und Hörminderung. Eine britische Studie zeigte, dass die Beschwerden bei niedrigem Luftdruck und hoher Luftfeuchtigkeit häufiger auftraten.
Hilft es, bei Wetterwechsel drinnen zu bleiben?
Dafür gibt es keine Hinweise. Hilfreicher sind ein regelmäßiger Schlafrhythmus, Bewegung und ein leises Hintergrundgeräusch, wenn das Ohrgeräusch abends stärker auffällt.
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Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- Haas et al. (2023): Meteorological extremes and their impact on tinnitus-related emergency room visits: a time-series analysis, European Archives of Oto-Rhino-Laryngology 280(9)
- Schmidt et al. (2017): The weather and Ménière’s disease: a longitudinal analysis in the UK, Otology & Neurotology 38(2)
- Allgaier, Schlee, Probst & Pryss (2022): Prediction of tinnitus perception based on daily life mHealth data using country origin and season, Journal of Clinical Medicine 11(15)
- DGHNO-KHC: S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus, AWMF 017-064
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).