Ist Kaffee schlecht bei Tinnitus?
Viele Menschen mit Tinnitus hören den Rat, auf Kaffee zu verzichten. Die Studien zeigen ein anderes Bild. Hier lesen Sie, was belegt ist und wie Sie Ihre eigene Reaktion herausfinden.
Ist Kaffee schlecht bei Tinnitus? Die kurze Antwort
Kaffee ist bei Tinnitus für die meisten Menschen kein Problem. In einer kontrollierten Studie veränderte Koffeinverzicht das Ohrgeräusch nicht, führte aber zu Entzugsbeschwerden. Eine große Beobachtungsstudie fand bei Frauen mit höherem Koffeinkonsum sogar seltener einen neuen Tinnitus. Achten Sie auf Ihre eigene Reaktion, statt pauschal zu verzichten.
Woher der Rat zum Kaffeeverzicht kommt
Lange galt Koffein als Tinnitus-Verstärker. Die Idee dahinter: Koffein regt das Nervensystem an, erhöht kurzfristig Puls und Blutdruck und kann unruhig machen. Daraus wurde in Ratgebern oft die Empfehlung, ganz auf Kaffee zu verzichten. Viele Betroffene haben das ausprobiert, oft ohne spürbare Wirkung, aber mit Kopfschmerzen und schlechter Laune.
Was die Forschung zeigt
Der Verzichtsversuch: St Claire und Kollegen (2010) untersuchten 66 Menschen mit Tinnitus, die täglich mindestens 150 Milligramm Koffein zu sich nahmen, etwa ein bis zwei Tassen Kaffee. In einer doppelblinden Crossover-Studie über 30 Tage tranken alle entkoffeinierten Kaffee und nahmen dazu Kapseln ein, in einem Zeitraum mit Koffein, im anderen ohne. Weder die Teilnehmenden noch die Forschenden wussten, wann welche Kapsel an der Reihe war. Zwischen den Tagen mit und ohne Koffein zeigte sich kein Unterschied in der Stärke des Tinnitus. Dafür traten beim Verzicht deutliche Entzugsbeschwerden auf. Die Forschenden folgerten, dass es keine Grundlage gibt, Koffeinverzicht als Tinnitus-Behandlung zu empfehlen.
Die Langzeitbeobachtung: Glicksman, Curhan und Curhan (2014) werteten Daten von mehr als 65.000 Frauen aus der amerikanischen Nurses Health Study II über 18 Jahre aus. Frauen mit höherem Koffeinkonsum entwickelten seltener einen neuen Tinnitus als Frauen, die wenig Koffein zu sich nahmen. Das ist eine Beobachtung, kein Beweis, dass Kaffee schützt. Andere Unterschiede zwischen den Gruppen könnten eine Rolle spielen, und untersucht wurden nur Frauen. Die Ergebnisse sprechen aber dagegen, dass Kaffee ein wichtiger Tinnitus-Auslöser ist.
Warum Kaffee Ihren Tinnitus trotzdem lauter wirken lassen kann
Auch wenn Kaffee den Tinnitus nicht direkt verstärkt, kann er bei manchen Menschen auf Umwegen eine Rolle spielen:
- Unruhe: Wer auf Koffein mit Nervosität oder Herzklopfen reagiert, nimmt das Ohrgeräusch oft stärker wahr. Anspannung lenkt die Aufmerksamkeit auf den Tinnitus.
- Schlaf: Kaffee am Nachmittag oder Abend kann den Schlaf verschlechtern. Nach einer schlechten Nacht empfinden viele den Tinnitus als lauter.
- Puls: Bei einem pulsierenden Tinnitus, der im Takt des Herzschlags klopft, kann alles, was den Puls kurz anhebt, das Geräusch deutlicher machen. Ein pulsierender Tinnitus gehört aber unabhängig vom Kaffee ärztlich abgeklärt.
- Entzug: Wer plötzlich ganz aufhört, bekommt oft Kopfschmerzen und fühlt sich gereizt. Auch das kann den Tinnitus belastender machen.
Wie viel Kaffee ist in Ordnung?
Für gesunde Erwachsene hält die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA, 2015) eine Koffeinmenge von bis zu 400 Milligramm pro Tag für unbedenklich, einzelne Portionen bis 200 Milligramm. Für Schwangere gelten bis zu 200 Milligramm am Tag als unbedenklich. Wie viel Koffein in einer Tasse steckt, hängt stark von Sorte und Zubereitung ab. Ein Espresso enthält meist weniger als ein großer Becher Filterkaffee.
Diese Werte sind keine Tinnitus-Grenzen, sondern allgemeine Orientierungswerte. Wer deutlich darüber liegt, schläft oft schlechter und ist unruhiger, und beides kann das Ohrgeräusch belastender machen. Wer darunter liegt und sich wohlfühlt, hat aus Tinnitus-Sicht keinen Grund zum Verzicht.
Und Tee, Cola oder Energy-Drinks?
Für sie gilt dasselbe wie für Kaffee: Entscheidend ist die Gesamtmenge an Koffein und wie Sie persönlich darauf reagieren. Schwarzer und grüner Tee enthalten Koffein, Kräutertees in der Regel nicht. Energy-Drinks liefern oft viel Koffein in kurzer Zeit, was bei empfindlichen Menschen Herzklopfen und Unruhe auslösen kann.
So finden Sie Ihren eigenen Weg
- Beobachten: Notieren Sie zwei Wochen lang, wie viel Kaffee, Tee, Cola oder Energy-Drinks Sie trinken, wann und wie laut sich der Tinnitus auf einer Skala von 0 bis 10 anfühlt.
- Zeitpunkt prüfen: Wenn Sie schlecht schlafen, verlegen Sie Kaffee auf den Vormittag.
- Nicht abrupt aufhören: Wenn Sie reduzieren möchten, dann schrittweise, zum Beispiel jeden dritten Tag eine Tasse weniger.
- Energy-Drinks im Blick behalten: Sie enthalten oft viel Koffein und Zucker auf einmal.
- Genuss zulassen: Wenn Sie keinen Zusammenhang bemerken, dürfen Sie Ihren Kaffee ohne schlechtes Gewissen trinken. Der Morgenkaffee ist für viele ein Stück Lebensqualität.
Wie andere Alltagsfaktoren das Geräusch schwanken lassen, erklärt Warum ist Tinnitus mal laut, mal leise? Auch zum Thema Alkohol gibt es einen eigenen Beitrag: Tinnitus nach Alkohol schlimmer.
Ist der Tinnitus morgens nach dem Kaffee lauter?
Viele Betroffene bemerken ihren Tinnitus morgens besonders deutlich und bringen das mit dem ersten Kaffee in Verbindung. Oft liegt es aber eher an der Tageszeit: Nach dem Aufwachen ist es still, der Kopf ist noch nicht abgelenkt, und manche haben nachts mit den Zähnen gepresst. Probieren Sie aus, ob es einen Unterschied macht, wenn Sie den Kaffee eine Stunde später trinken. Mehr zu diesem Muster lesen Sie unter Warum ist Tinnitus morgens lauter?
Was bei Tinnitus wirklich zählt
Die deutsche S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus sieht eine gründliche Beratung als Grundlage jeder Behandlung. Dazu gehört, das Geräusch zu verstehen, Ängste abzubauen und Mythen auszuräumen. Bei starker Belastung empfiehlt sie psychotherapeutische Verfahren, vor allem die kognitive Verhaltenstherapie, und bei Schwerhörigkeit eine Hörgeräteversorgung. Viel wichtiger für den Alltag sind Schlaf, Stressabbau und ein gelassener Umgang mit dem Geräusch.
Wann Sie zur HNO-Praxis sollten
- Der Tinnitus ist neu und hält länger als ein paar Tage an.
- Sie hören plötzlich auf einem Ohr schlechter oder das Ohr fühlt sich wie in Watte an.
- Ihnen ist schwindelig.
- Das Geräusch pulsiert im Takt des Herzschlags, besonders wenn es nur auf einer Seite auftritt.
Ein plötzlicher einseitiger Hörverlust kann ein Hörsturz sein und sollte zeitnah untersucht werden.
Wo ein Audio-Programm ergänzen kann
Viele Betroffene merken, dass der Tinnitus mit der inneren Anspannung lauter und leiser wird. Eine regelmäßige Entspannungsübung kann helfen, gelassener mit dem Geräusch umzugehen und besser in den Schlaf zu finden. Das Audio-Hypnose-Programm bei Tinnitus läuft online im Browser und setzt am Umgang mit dem Geräusch an. Es ersetzt keine ärztliche Abklärung und keine Behandlung.
Strenge Verzichtsregeln helfen bei Tinnitus selten, ein ruhigerer Umgang mit dem Geräusch oft mehr. Das Audio-Hypnose-Programm bei Tinnitus setzt auf Entspannung und Gelassenheit, begleitend zur ärztlichen Abklärung. Es ersetzt keine Behandlung. Einzeln oder im Jahresabo, online im Browser.
Häufige Fragen
Kann Kaffee Tinnitus auslösen?
Dafür gibt es keine guten Belege. In einer großen Langzeitbeobachtung entwickelten Frauen mit höherem Koffeinkonsum sogar seltener einen neuen Tinnitus. Das beweist keinen Schutz, spricht aber gegen Kaffee als Auslöser.
Sollte ich bei Tinnitus auf Kaffee verzichten?
Nicht pauschal. In einer kontrollierten Studie änderte Koffeinverzicht den Tinnitus nicht, führte aber zu Entzugsbeschwerden. Wenn Sie bemerken, dass Kaffee Sie unruhig macht oder Ihren Schlaf stört, kann es sinnvoll sein, ihn zu reduzieren oder früher am Tag zu trinken.
Ist entkoffeinierter Kaffee besser bei Tinnitus?
Wenn Sie empfindlich auf Koffein reagieren, kann er eine Alternative sein, etwa am Nachmittag. Eine besondere Wirkung auf den Tinnitus ist nicht belegt.
Warum ist mein Tinnitus nach dem Kaffee lauter?
Möglich sind Unruhe, ein schnellerer Puls oder einfach mehr Aufmerksamkeit für das Geräusch. Beobachten Sie über zwei Wochen, ob es einen festen Zusammenhang gibt. Pulsiert das Geräusch im Takt des Herzschlags, lassen Sie es ärztlich abklären.
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Quellen (Auswahl)
- St Claire, Stothart, McKenna & Rogers (2010): Caffeine abstinence: an ineffective and potentially distressing tinnitus therapy, International Journal of Audiology 49(1), 24-29 Quelle lesen →
- Glicksman, Curhan & Curhan (2014): A prospective study of caffeine intake and risk of incident tinnitus, The American Journal of Medicine 127(8), 739-743 Quelle lesen →
- Mazurek, Hesse, Sattel et al. (DGHNO-KHC): S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus, AWMF 017-064 (2021) Quelle lesen →
- EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies (2015): Scientific Opinion on the safety of caffeine, EFSA Journal 13(5), 4102 Quelle lesen →
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wenden Sie sich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).