Tinnitus bei niedrigem Blutdruck: Was steckt dahinter?
Kurzes Ohrensausen beim Aufstehen ist meist eine Kreislaufreaktion. Ein Pochen im Herzschlag hat dagegen oft eine eigene Ursache und gehört abgeklärt.
Die kurze Antwort
Ein Beleg, dass niedriger Blutdruck einen dauerhaften Tinnitus verursacht, fehlt. Gute Studien zu diesem Zusammenhang gibt es kaum. Häufig ist dagegen ein kurzes Rauschen oder Sausen in den Ohren beim schnellen Aufstehen, zusammen mit Schwindel oder Schwarzwerden vor den Augen. Das deutet auf eine kurze Kreislaufreaktion hin. Ein Pochen im Takt des Herzschlags gehört dagegen immer ärztlich abgeklärt.
Ohrensausen beim Aufstehen
Beim Aufstehen sackt Blut in die Beine. Normalerweise gleicht der Körper das in Sekunden aus. Gelingt das nicht schnell genug, wird das Gehirn kurz schlechter durchblutet. Viele spüren dann Benommenheit, Schwindel oder Sehstörungen, manche beschreiben auch ein Rauschen in den Ohren. Im Sitzen oder Liegen klingen die Beschwerden meist rasch ab.
Fachgesellschaften sprechen von orthostatischer Hypotonie, wenn der obere Blutdruckwert innerhalb von drei Minuten nach dem Aufstehen um mindestens 20 mmHg oder der untere um mindestens 10 mmHg fällt. Das lässt sich in der Hausarztpraxis mit einem einfachen Steh-Test prüfen.
Wenn ein Pochen im Pulstakt dazukommt
Ein Rauschen oder Wummern im Herzschlag nennt man pulssynchronen Tinnitus. Anders als der gewöhnliche Tinnitus hat er häufig eine fassbare Ursache. Laut einer Übersicht im Deutschen Ärzteblatt findet sich bei etwa drei Vierteln der Betroffenen ein Auslöser. Eine mögliche Ursache ist Blutarmut: Der veränderte Blutfluss kann ein hörbares Strömungsgeräusch erzeugen. Bei Müdigkeit und Schwindel lohnt sich deshalb auch ein Blutbild.
Zur weiteren Abklärung gehören neben Blutdruckmessung und Hörtest meist das Abhören von Hals und Kopf, ein Ultraschall der Halsgefäße und eine Bildgebung. Einige der gefundenen Ursachen lassen sich gezielt behandeln.
Die Abgrenzung zum hohen Blutdruck und die Rolle von Blutdruckmitteln beschreibt der Beitrag über Tinnitus bei Bluthochdruck.
Was im Alltag hilft
- Langsam aufstehen: erst aufsetzen, die Beine bewegen, dann aufstehen.
- Genug trinken: Zu wenig Flüssigkeit verstärkt Kreislaufbeschwerden, gerade bei Hitze.
- Werte notieren: Blutdruck und Puls in Situationen messen, in denen das Ohrensausen auftritt.
- Medikamente prüfen lassen: Einige Arzneimittel senken den Blutdruck als Nebenwirkung. Nicht eigenmächtig absetzen, sondern ärztlich besprechen.
Ist das Ohrgeräusch dauerhaft da und unabhängig vom Kreislauf, folgt die Behandlung der S3-Leitlinie zum chronischen Tinnitus: Hörtest, Aufklärung und bei starker Belastung kognitive Verhaltenstherapie. Entspannungsverfahren wie Hypnose können begleitend helfen, gelassener zu bleiben.
Wann sofort handeln
Zeitnah abklären lassen sollte man einen pulssynchronen, plötzlich neuen oder einseitigen Tinnitus, Hörverlust oder Drehschwindel. Eine Ohnmacht, Brustschmerz, Herzrasen, Atemnot oder Lähmungen sind ein Notfall: dann sofort den Notruf 112 wählen.
Das Audio-Programm bei Tinnitus kann helfen, nach der ärztlichen Abklärung zur Ruhe zu kommen und gelassener auf das Ohrgeräusch zu reagieren: aufeinander aufbauende Hypnosen à 75 Minuten für zu Hause, sofort nach dem Kauf verfügbar. Es ist auch im Jahresabo mit allen 115 Programmen enthalten, etwa zusammen mit Stress und Schlafstörungen. Begleitend gedacht, kein Ersatz für ärztliche Abklärung. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Ist niedriger Blutdruck mit Ohrensausen gefährlich?
Niedrige Werte ohne Beschwerden gelten meist als harmlos. Tritt das Ohrensausen jedoch häufig zusammen mit Schwindel, Sehstörungen oder Stürzen auf, sollte der Kreislauf hausärztlich geprüft werden. Eine Ohnmacht gehört immer abgeklärt.
Warum rauscht es im Ohr, wenn ich schnell aufstehe?
Beim Aufstehen fällt der Blutdruck kurz ab, bis der Körper gegensteuert. In diesen Sekunden kann das Gehirn etwas schlechter durchblutet sein, was sich als Benommenheit, Schwarzwerden vor den Augen oder Rauschen zeigt. Langsames Aufstehen beugt dem vor.
Wird der Tinnitus besser, wenn der Blutdruck steigt?
Tritt das Rauschen nur beim Aufstehen auf, bessert es sich oft, wenn der Kreislauf stabiler wird. Ein dauerhafter Tinnitus hängt dagegen meist mit dem Gehör zusammen. Ob höhere Blutdruckwerte ihn verändern, ist nicht untersucht.
Was wird bei Tinnitus und niedrigem Blutdruck untersucht?
In der Hausarztpraxis werden Blutdruck und Puls im Liegen und Stehen gemessen, ein Blutbild bestimmt und die Medikamente geprüft. Die HNO-Praxis untersucht Ohren und Gehör. Bei einem Pochen im Herzschlag kommen das Abhören von Hals und Kopf, Ultraschall und meist eine Bildgebung hinzu.
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Quellen (Auswahl)
- Freeman et al. (2011): Consensus statement on the definition of orthostatic hypotension, neurally mediated syncope and the postural tachycardia syndrome, Clinical Autonomic Research 21(2) Quelle lesen →
- Hofmann et al. (2013): Pulsatile tinnitus: imaging and differential diagnosis, Deutsches Ärzteblatt International 110(26) Quelle lesen →
- Hesse, Kastellis & Mazurek (2022): S3-Leitlinie zu chronischem Tinnitus überarbeitet, HNO Nachrichten 52(5), AWMF 017-064 Quelle lesen →
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).