Woher kommt eine bipolare Störung?
Den größten Anteil haben die Gene, den Ausbruch beeinflussen Lebensereignisse und Schlaf. Wer die Auslöser kennt, kann vorbeugen.
Die kurze Antwort
Eine bipolare Störung entsteht nicht durch eine einzelne Ursache. Den größten Anteil haben die Gene: Zwillingsstudien schätzen den erblichen Anteil auf 60 bis 90 Prozent. Ob und wann die Erkrankung ausbricht, beeinflussen zusätzlich belastende Lebensereignisse, Schlafmangel, Drogen und andere Umweltfaktoren. Niemand ist an der Erkrankung schuld, weder die Betroffenen noch ihre Familien.
Die Rolle der Gene
Eine Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift The Lancet fasst zusammen, dass die bipolare Störung zu den am stärksten erblich geprägten psychischen Erkrankungen gehört. Die Familiengeschichte ist der stärkste bekannte Risikofaktor. Dabei gibt es nicht das eine „Bipolar-Gen“. Viele Genvarianten mit jeweils kleiner Wirkung tragen gemeinsam zum Risiko bei. Auch Menschen mit erkrankten Eltern bleiben in den meisten Fällen gesund.
Was den Ausbruch beeinflusst
Belastende Lebensereignisse
Trennungen, Verluste, Konflikte oder große Veränderungen können bei Menschen mit erhöhter Anfälligkeit eine erste Episode auslösen.
Schlaf und Rhythmus
Schlafmangel, Schichtarbeit und Reisen über Zeitzonen gelten als wichtige Auslöser, besonders für manische Phasen. Deshalb gehört ein regelmäßiger Tagesrhythmus zur Vorbeugung.
Drogen und Alkohol
Cannabis, Kokain, Amphetamine und Alkohol können Episoden auslösen oder den Verlauf verschlechtern.
Hormonelle Umbrüche
Die Zeit nach einer Geburt ist für Frauen mit bipolarer Störung eine besonders gefährdete Phase.
Bipolar I und Bipolar II
Fachleute unterscheiden zwei Hauptformen. Bei der Bipolar-I-Störung treten mindestens eine voll ausgeprägte manische Phase und meist auch depressive Phasen auf. Bei der Bipolar-II-Störung wechseln depressive Phasen mit abgeschwächten Hochphasen, sogenannten Hypomanien. Weil Hypomanien oft als gute Zeit erlebt werden, wird die Bipolar-II-Störung häufig erst spät erkannt und zunächst als Depression behandelt.
Was im Gehirn passiert
Bei bipolaren Störungen ist die Regulation von Stimmung, Antrieb und Schlaf gestört. Beteiligt sind Botenstoffsysteme und Netzwerke im Gehirn, die Gefühle und Aktivität steuern. Die genauen Mechanismen sind noch nicht vollständig verstanden, deshalb gibt es bisher keinen Bluttest oder Hirnscan zur Diagnose.
Warum diese Erkenntnisse helfen
- Entlastung: Die Erkrankung ist keine Charakterschwäche und keine Folge falscher Erziehung allein.
- Vorbeugung: Wer seine Auslöser kennt, kann gezielt gegensteuern, etwa mit regelmäßigem Schlaf, wenig Alkohol und einem Plan für Frühwarnzeichen.
- Behandlung: Die S3-Leitlinie empfiehlt eine Kombination aus Medikamenten zur Stimmungsstabilisierung, Psychotherapie und Psychoedukation. Ergänzend können Entspannungsverfahren wie Hypnose helfen, mit Stress umzugehen, sie ersetzen aber keine Behandlung.
Wann Hilfe wichtig ist
Wer bei sich oder Angehörigen auffällige Stimmungsschwankungen bemerkt, sollte eine psychiatrische Abklärung anstreben. Bei Suizidgedanken hilft die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111, in der Schweiz die Dargebotene Hand unter 143. Im Notfall 112.
Das Audio-Hypnose-Programm bei bipolarer Störung setzt auf Entspannung und einen ruhigeren Umgang mit Stress in stabilen Phasen, begleitend zur ärztlichen Behandlung. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Woher kommt eine bipolare Störung?
Aus einem Zusammenspiel von Veranlagung und Umwelt. Der erbliche Anteil wird auf 60 bis 90 Prozent geschätzt. Belastende Ereignisse, Schlafmangel und Drogen können den Ausbruch begünstigen.
Ist eine bipolare Störung erblich?
Sie gehört zu den am stärksten erblich geprägten psychischen Erkrankungen, und die Familiengeschichte ist der stärkste bekannte Risikofaktor. Trotzdem bleiben die meisten Kinder erkrankter Eltern gesund.
Kann Stress eine bipolare Störung auslösen?
Stress allein verursacht sie nicht. Bei Menschen mit erhöhter Anfälligkeit können belastende Lebensereignisse aber eine Episode auslösen, ebenso wie Schlafmangel.
Ist man selbst schuld an einer bipolaren Störung?
Nein. Die Erkrankung ist überwiegend biologisch bedingt. Man kann aber selbst viel tun, um den Verlauf zu stabilisieren, etwa mit Behandlung, Schlafrhythmus und dem Erkennen von Frühwarnzeichen.
Verwandte Themen
Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- Craddock & Sklar (2013): Genetics of bipolar disorder, The Lancet 381(9878)
- DGBS, DGPPN: S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen, AWMF 038-019
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).