Freundin ist bipolar: Wie die Freundschaft hält und wo die eigenen Grenzen liegen
In einer Freundschaft mit einer bipolaren Freundin hilft vor allem Verlässlichkeit: in ruhigen Zeiten reden, in Phasen Grenzen halten und die Behandlung den Fachleuten überlassen.
Die kurze Antwort
Hat eine Freundin eine bipolare Störung, hilft vor allem Verlässlichkeit: in ruhigen Zeiten offen reden, in manischen und depressiven Phasen eigene Grenzen halten und die Behandlung den Fachleuten überlassen. Als Freundin muss man weder Therapeutin noch Aufpasserin sein. Wer früh bespricht, was sich die Freundin in einer Krise wünscht, nimmt beiden viel Druck.
Was die Freundschaft so fordernd macht
Eine bipolare Störung verläuft in Phasen. In einer Manie oder Hypomanie wirkt die Freundin vielleicht rastlos, gereizt oder euphorisch, schläft kaum, gibt viel Geld aus oder schmiedet große Pläne. In depressiven Phasen zieht sie sich zurück, sagt Treffen ab und meldet sich kaum. Dazwischen ist sie oft wieder ganz die Alte. Gerade dieser Wechsel verunsichert und lässt manche Freundschaft zerbrechen.
Anders als Familie oder Partner sind Freundinnen selten in die Behandlung eingebunden. Von Klinikaufenthalten oder Medikamenten wissen sie nur, was die Freundin erzählt. Das schützt ihre Privatsphäre, lässt aber viel Raum für Unsicherheit. Hilfreich ist, offen zu fragen, wie viel sie teilen möchte, und das zu respektieren.
Auch Freundinnen tragen mit
Perlick und Kollegen (2016) begleiteten 500 Bezugspersonen von Menschen mit bipolarer Störung ein Jahr lang, darunter Familie und Freunde. Wer stärker belastet war, entwickelte im Verlauf häufiger depressive Beschwerden. Laut den Autorinnen und Autoren berichtet mehr als ein Drittel solcher Bezugspersonen deutliche depressive Symptome. Eigene Grenzen sind deshalb kein Verrat an der Freundschaft.
Was konkret hilft
- In ruhigen Phasen sprechen: Fragen, woran die Freundin selbst merkt, dass eine Phase beginnt, und was sie sich dann von Freunden wünscht.
- Beobachtungen behutsam ansprechen: Kaum Schlaf, große Pläne oder plötzlicher Rückzug lassen sich als Beobachtung benennen, nicht als Diagnose.
- Kein Geld verleihen, keine Großprojekte: In einer Hochphase vereinbarte Käufe, Reisen oder Geschäftsideen besser auf später verschieben.
- Verletzendes begrenzen: Gereizte Sätze nicht persönlich nehmen, aber stoppen: „Ich mag dich, aber so rede ich nicht weiter.“
- Erreichbarkeit ehrlich klären: Wer nachts nicht ans Telefon gehen kann, darf das sagen. Ehrliche Grenzen sind verlässlicher als Versprechen, die man nicht halten kann.
- Den Kreis erweitern: Andere Freunde oder Angehörige einbeziehen, damit nicht eine Person alles auffängt.
Hinweis zur Einordnung
Die S3-Leitlinie zu bipolaren Störungen empfiehlt Psychoedukation, in der Betroffene Frühwarnzeichen erkennen lernen und Bezugspersonen einbezogen werden können. Die Behandlung selbst bleibt Sache von Ärztinnen und Psychotherapeuten. Bei Suizidgedanken oder Gefahr: Notruf 112, TelefonSeelsorge 0800 111 0 111 (DE), Dargebotene Hand 143 (CH). Für Familie und Partner passt Bipolare Störung: Wie gehen Angehörige damit um?.
Das Audio-Programm bei bipolarer Störung richtet sich an Betroffene selbst und ist nicht dafür gedacht, die Freundin zu behandeln. Für die eigene Belastung als Freundin passen eher Programme wie Stress, Schlafstörungen und Selbstwertgefühl: aufeinander aufbauende Hypnosen à 75 Minuten für zu Hause, sofort nach dem Kauf verfügbar, von Ingo Michael Simon geschrieben und professionell eingesprochen, ohne KI. Alle sind im Jahresabo mit allen 115 Programmen enthalten. Begleitend gedacht, kein Ersatz für Beratung, ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.
Häufige Fragen
Soll ich meine Freundin ansprechen, wenn ich eine Manie vermute?
Ja, am besten ruhig und unter vier Augen, mit konkreten Beobachtungen wie „Du schläfst seit Tagen kaum“. Diskussionen über die Diagnose führen selten weiter. Hat sie für solche Fälle Absprachen mit ihrer Ärztin oder ihrem Therapeuten, kann man freundlich daran erinnern.
Meine bipolare Freundin meldet sich wochenlang nicht. Was tun?
In depressiven Phasen fehlt oft die Kraft für Kontakt. Kurze Nachrichten ohne Antwortdruck zeigen, dass die Freundschaft bleibt, etwa: „Ich denke an dich, du musst nicht antworten.“ Hinweise auf Hoffnungslosigkeit sollte man dabei direkt ansprechen.
Darf ich die Freundschaft mit einer bipolaren Freundin beenden?
Ja. Eine Erkrankung verpflichtet niemanden, wiederholte Kränkungen, Schulden oder Übergriffe auszuhalten. Oft hilft schon eine Pause oder ein klarer Rahmen, bevor die Freundschaft ganz endet.
Sollte ich ihre Familie informieren, wenn es ihr schlecht geht?
In ruhigen Zeiten lässt sich vereinbaren, wen man in einer Krise anrufen darf. Ohne Absprache ist Zurückhaltung angebracht. Bei akuter Gefahr für sie oder andere geht Sicherheit vor, dann ist der Notruf 112 richtig.
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Quellen (Auswahl)
- Perlick et al. (2016): Caregiver burden as a predictor of depression among family and friends who provide care for persons with bipolar disorder, Bipolar Disorders 18(2) Quelle lesen →
- DGBS, DGPPN: S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen, AWMF 038-019 Quelle lesen →
- TelefonSeelsorge Deutschland: Kostenlose und anonyme Beratung rund um die Uhr, 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 und 116 123 Quelle lesen →
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).