Warum ritzen sich Menschen?
Hilfe sofort: Telefonseelsorge 0800 111 0 111, Die Dargebotene Hand 143, für Jugendliche Nummer gegen Kummer 116 111 oder in der Schweiz 147. Selbstverletzung ist meist kein Suizidversuch, sondern ein Versuch, mit überwältigenden Gefühlen fertigzuwerden.
Hilfe sofort: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (Deutschland) und Die Dargebotene Hand 143 (Schweiz), rund um die Uhr, kostenfrei und anonym. Für Kinder und Jugendliche: Nummer gegen Kummer 116 111 (Deutschland) und Pro Juventute 147 (Schweiz). Bei Lebensgefahr: Notruf 112.
Meist ein Versuch, Gefühle auszuhalten
Ritzen ist eine Form der nicht-suizidalen Selbstverletzung: Menschen verletzen sich absichtlich, ohne sterben zu wollen. Der häufigste Grund ist, unerträgliche innere Anspannung, Wut, Leere oder Verzweiflung zu verringern. Eine Übersichtsarbeit des Psychologen E. David Klonsky fand in 18 Studien übereinstimmende Belege: Vor der Selbstverletzung stehen meist starke negative Gefühle, danach berichten Betroffene Erleichterung.
Weitere Gründe
- Selbstbestrafung: aus Wut auf sich selbst oder Schuldgefühlen, auch diese Funktion ist gut belegt
- Taubheit durchbrechen: sich wieder spüren, wenn innerlich alles leer oder unwirklich wirkt
- Not zeigen: ausdrücken, wofür die Worte fehlen
Das Vorurteil, es gehe um Aufmerksamkeit, greift zu kurz. Die Wirkung auf andere spielt laut Studienlage eine deutlich kleinere Rolle als die Regulation eigener Gefühle.
Wie häufig ist das?
Häufiger als viele denken. In deutschen Schulstudien gaben 25 bis 35 Prozent der Jugendlichen an, sich mindestens einmal selbst verletzt zu haben. Am häufigsten ist das Verhalten um das 15. und 16. Lebensjahr, danach nimmt es wieder ab. Erwachsene sind deutlich seltener betroffen. Zu den Risikofaktoren zählen unter anderem Mobbing, psychische Erkrankungen und belastende Erfahrungen in der Kindheit.
Warum es ernst genommen werden muss
Auch ohne Todeswunsch ist Selbstverletzung ein Warnsignal. Jugendliche, die sich selbst verletzen, haben häufiger Suizidgedanken, und ihr Risiko für spätere Suizidversuche ist erhöht, vor allem bei wiederholtem Verhalten. Wunden sollten ärztlich angesehen werden. Nach einer ersten Selbstverletzung ohne weitere Auffälligkeiten raten Fachleute zu einer Beratungsstelle, bei wiederholtem Verhalten zeitnah, etwa innerhalb einer Woche, zu einer kinder- und jugendpsychiatrischen oder psychotherapeutischen Behandlung.
Was Angehörige tun können
- ruhig bleiben, auch wenn der erste Schreck groß ist
- ohne Vorwürfe fragen, wie es der Person geht und was vorher so schwer war
- auf Verbote und Ultimaten verzichten, denn der innere Druck bleibt dadurch bestehen
- gemeinsam fachliche Hilfe suchen und begleiten
- die eigene Belastung ernst nehmen, Eltern erreichen das Elterntelefon unter 0800 111 0 550
Was hilft
Psychotherapie ist das Mittel der ersten Wahl. Für Jugendliche zeigten die Dialektisch-Behaviorale und die Mentalisierungsbasierte Therapie in Studien kleine bis mittlere Effekte. Dabei werden andere Wege erlernt, starke Anspannung zu regulieren. Entspannungsverfahren wie Hypnose können das begleitend unterstützen, ersetzen aber keine Therapie und sind in akuten Krisen nicht das richtige Mittel.
In einer akuten Krise ist ein Audioprogramm nicht das richtige Mittel, der erste Schritt ist ein Anruf bei der Telefonseelsorge 0800 111 0 111, der Dargebotenen Hand 143 oder im Notfall 112. Begleitend zu einer Therapie kann das Audio-Hypnose-Programm helfen, die Grundanspannung in ruhigeren Phasen zu senken. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
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Ist Ritzen ein Suizidversuch?
In der Regel nicht. Die meisten Menschen, die sich ritzen, wollen nicht sterben, sondern unerträgliche Gefühle aushalten. Trotzdem ist das Risiko für spätere Suizidgedanken und Suizidversuche erhöht, deshalb muss Selbstverletzung immer ernst genommen werden.
Geht es beim Ritzen um Aufmerksamkeit?
Das ist selten der Hauptgrund. Studien zeigen vor allem eine Funktion: starke Anspannung, Wut oder Leere zu verringern. Wer sich verletzt, braucht Hilfe, keine Bewertung.
Was sage ich, wenn ich Verletzungen bei meinem Kind entdecke?
Ruhig und ohne Vorwürfe ansprechen, etwa: „Ich habe die Verletzungen gesehen und mache mir Sorgen. Magst du mir erzählen, wie es dir geht?“ Danach gemeinsam eine Beratungsstelle oder die Kinder- und Jugendpsychiatrie kontaktieren und Wunden ärztlich ansehen lassen.
Hört Selbstverletzung von allein wieder auf?
Bei vielen Jugendlichen nimmt das Verhalten ab etwa 17 Jahren ab. Darauf zu warten, ist aber keine gute Strategie, denn die zugrunde liegende Belastung bleibt oft bestehen. In einer Psychotherapie lassen sich neue Wege finden, mit Anspannung umzugehen.
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Quellen (Auswahl)
- Plener et al. (2018): Nonsuicidal self-injury in adolescents, Deutsches Ärzteblatt International 115(3)
- Klonsky (2007): The functions of deliberate self-injury: a review of the evidence, Clinical Psychology Review 27(2)
- DGKJP: S2k-Leitlinie Nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten (NSSV) im Kindes- und Jugendalter, AWMF 028-029
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).