Woran erkennt man eine bipolare Störung?
Nicht jede Stimmungsschwankung ist bipolar. Typisch sind abgrenzbare Phasen über Tage bis Wochen, in denen Stimmung, Antrieb und Schlafbedürfnis deutlich vom gewohnten Zustand abweichen.
Phasen, keine Launen
Eine bipolare Störung erkennt man nicht an einzelnen Stimmungsschwankungen, sondern an Phasen: Zeiträume von Tagen bis Wochen, in denen Stimmung, Antrieb und Verhalten deutlich anders sind als sonst. Neben depressiven Phasen treten manische oder abgeschwächte, hypomanische Phasen auf. Dazwischen kann es lange stabile Zeiten geben. Laut S3-Leitlinie sind etwa 3 Prozent der Menschen im Laufe ihres Lebens betroffen.
Anzeichen einer Manie
Nach den Kriterien der ICD-10 ist die Stimmung in einer Manie mindestens eine Woche lang auffällig gehoben, übersteigert oder gereizt. Dazu kommen mehrere dieser Merkmale:
- deutlich vermindertes Schlafbedürfnis
- Rededrang, Gedankenrasen, ständig neue Pläne
- überhöhte Selbsteinschätzung bis zu Größenideen
- Verlust üblicher Hemmungen, riskantes Verhalten, hohe Geldausgaben
- starke Ablenkbarkeit
Eine Manie beeinträchtigt Beruf und Alltag erheblich. In schweren Fällen können Wahnideen hinzukommen.
Die leisere Form: Hypomanie
Eine Hypomanie ist eine abgeschwächte Manie über mindestens vier aufeinanderfolgende Tage. Betroffene fühlen sich oft besonders leistungsfähig und gesellig und brauchen weniger Schlaf. Die Leitlinie weist darauf hin, dass Hypomanien selten als belastend, sondern eher als angenehm erlebt werden. Deshalb werden sie leicht übersehen, und Beobachtungen von Angehörigen sind für die Diagnose wertvoll.
Warum die Diagnose oft spät kommt
Viele Betroffene suchen erst in einer depressiven Phase Hilfe. Werden frühere Hochphasen nicht erkannt, kann zunächst eine unipolare Depression angenommen werden. Laut Leitlinie vergehen in der Regel 5 bis 10 Jahre bis zur richtigen Diagnose. Die erste Phase tritt meist zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr auf.
Was es auch sein kann
Nicht jede Hochphase ist bipolar. Drogen wie Kokain oder Amphetamine, Schilddrüsenerkrankungen und manche Medikamente, etwa Kortison, können manieähnliche Zustände auslösen. Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung dauern Stimmungseinbrüche dagegen gewöhnlich nur einige Stunden, selten mehr als einige Tage. Die Diagnose gehört deshalb in psychiatrische Hände, Selbsttests aus dem Internet ersetzen sie nicht.
Wann ärztliche Hilfe nötig ist
Ein Termin in der hausärztlichen oder psychiatrischen Praxis ist sinnvoll, wenn sich deutliche Hoch- und Tiefphasen wiederholen, das Schlafbedürfnis über Tage stark sinkt oder Schulden, Konflikte und riskante Entscheidungen zunehmen.
Und Entspannungsverfahren?
Hypnose ist keine Behandlung der bipolaren Störung. Die Grundlage bilden Medikamente und Psychotherapie. Die Leitlinie hält Entspannungsverfahren innerhalb einer Behandlung für sinnvoll, etwa bei Unruhe oder Schlafproblemen. Von einer alleinigen Anwendung vom Tonträger seien aber kaum anhaltende Wirkungen zu erwarten. Eine akute Manie gehört in ärztliche Behandlung.
Bei Suizidgedanken: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 (Deutschland), Die Dargebotene Hand 143 (Schweiz), rund um die Uhr. Bei akuter Gefahr: Notruf 112.
Hypnose behandelt keine bipolare Störung. Das Audio-Hypnose-Programm kann in stabilen Phasen und begleitend zur psychiatrischen Behandlung bei Anspannung und Schlafproblemen unterstützen, nicht in einer akuten Manie und nicht als Ersatz für Medikamente oder Psychotherapie. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Bipolar I und Bipolar II?
Bei Bipolar I tritt mindestens eine voll ausgeprägte manische Phase auf, meist zusätzlich depressive Phasen. Bei Bipolar II wechseln depressive Phasen mit abgeschwächten, hypomanischen Phasen, eine volle Manie gibt es nicht.
Kann man eine bipolare Störung selbst erkennen?
Hinweise ja, eine Diagnose nein. Gerade Hochphasen werden von Betroffenen oft als positiv erlebt und nicht als Krankheit wahrgenommen. Die Diagnose stellen Fachleute aus Psychiatrie oder Psychotherapie, oft mit Hinweisen von Angehörigen.
Ist jede starke Stimmungsschwankung ein Zeichen für bipolar?
Nein. Stimmungsschwankungen im Tagesverlauf oder als Reaktion auf Ereignisse sind normal. Bei einer bipolaren Störung geht es um abgrenzbare Phasen über mehrere Tage bis Wochen, die sich deutlich vom gewohnten Zustand unterscheiden.
Ist eine bipolare Störung behandelbar?
Ja. Sie verläuft meist langfristig, lässt sich aber mit Medikamenten und Psychotherapie behandeln. Eine vorbeugende Behandlung, die sogenannte Phasenprophylaxe, soll neue Krankheitsphasen verhindern oder abschwächen.
Ist eine bipolare Störung vererbbar?
Teilweise. Zwillingsstudien schätzen den erblichen Anteil auf etwa 60 bis 85 Prozent, damit gehört sie zu den psychischen Erkrankungen mit der stärksten genetischen Komponente. Vererbt wird aber eine Veranlagung, kein festes Schicksal: Die meisten Kinder eines betroffenen Elternteils erkranken nicht. Ob die Störung ausbricht, hängt auch von Stress, Schlafmangel und Lebensereignissen ab.
Ist eine bipolare Störung heilbar?
Im Sinne eines endgültigen Verschwindens meist nicht, sie gilt als langfristige Erkrankung. Gut behandelbar ist sie aber: Mit Phasenprophylaxe, etwa mit Lithium, und Psychotherapie bleiben viele Betroffene über Jahre stabil, arbeiten und leben in Beziehungen. Wichtig sind ein regelmäßiger Schlafrhythmus und das frühe Erkennen von Warnzeichen.
Ist bipolar dasselbe wie manisch-depressiv?
Ja. „Manisch-depressive Erkrankung“ ist die ältere Bezeichnung. Heute spricht man von bipolarer affektiver Störung, weil die Stimmung zwischen zwei Polen wechselt: Manie oder Hypomanie auf der einen Seite, Depression auf der anderen.
Ist eine bipolare Störung eine Persönlichkeitsstörung?
Nein. Sie zählt zu den affektiven Störungen, also den Erkrankungen der Stimmung. Persönlichkeitsstörungen wie Borderline sind dauerhafte Muster im Erleben und in Beziehungen. Ein Unterschied im Alltag: Bipolare Phasen dauern Tage bis Wochen, Stimmungswechsel bei Borderline oft nur Stunden und hängen meist an Ereignissen in Beziehungen.
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Quellen (Auswahl)
- DGBS/DGPPN: S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen, AWMF 038-019
- WHO: ICD-10 Forschungskriterien F30.0 Hypomanie und F30.1 Manie
- DGPPN: S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung, AWMF 038-015
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).