Wie lange ist Daumenlutschen normal?
Für Babys und Kleinkinder ist der Daumen ein wichtiger Tröster. Ab etwa drei Jahren lohnt es sich aber, das Lutschen behutsam abzugewöhnen, bevor sich Zähne und Kiefer verändern.
In den ersten Jahren völlig normal
Daumenlutschen beruhigt, tröstet und hilft beim Einschlafen. Die American Academy of Pediatric Dentistry, die Fachgesellschaft für Kinderzahnheilkunde in den USA, bezeichnet es bei Babys und kleinen Kindern als normal. In ihren Empfehlungen heißt es aber, Eltern sollten früh beraten werden, damit Kinder das Lutschen bis zum Alter von drei Jahren aufgeben. Viele Kinder hören ohnehin von selbst oder mit etwas Unterstützung auf.
Warum ab drei Jahren?
Je länger gelutscht wird, desto eher wirkt sich das auf Kiefer und Zahnstellung aus. Entscheidend ist dabei weniger die Kraft als die Dauer. Mögliche Folgen sind:
- offener Biss: Die Schneidezähne treffen beim Zubeißen nicht aufeinander.
- Kreuzbiss: Der Oberkiefer wird schmaler, die Seitenzähne greifen falsch ineinander.
- vergrößerte Frontzahnstufe: Die oberen Schneidezähne stehen weiter vor.
Eine Langzeitstudie aus Iowa untersuchte Kinder im Alter von vier bis fünf Jahren. Wer bis zum Alter von 48 Monaten oder länger gelutscht hatte, zeigte deutlich häufiger einen offenen Biss, einen Kreuzbiss und einen schmaleren Oberkiefer. Auch kürzere Gewohnheiten hinterließen messbare, wenn auch kleinere Unterschiede. Manche Veränderungen können auch nach dem Aufhören bestehen bleiben.
Besonders wichtig wird das Aufhören, wenn die bleibenden Zähne durchbrechen, denn dann kann das Lutschen zu dauerhaften Fehlstellungen beitragen.
Sanft abgewöhnen
Eine Cochrane-Übersicht fand Hinweise, dass Belohnungssysteme und zahnärztliche Hilfen beim Aufhören helfen. Die Studien waren allerdings klein und von geringer Qualität. Im Alltag kann das so aussehen:
- das Kind einbeziehen und ein gemeinsames Ziel vereinbaren
- Lob und einen Belohnungsplan einsetzen statt zu schimpfen
- Situationen erkennen, in denen gelutscht wird, etwa bei Müdigkeit oder Langeweile
- Alternativen anbieten: ein Kuscheltier, ein Einschlafritual, beschäftigte Hände
Druck und Spott sind keine gute Idee. Das Lutschen dient meist der Beruhigung, und wer Trost sucht, braucht eine andere Quelle dafür, keinen zusätzlichen Stress.
Ein guter Zeitpunkt ist eine ruhige Phase, also nicht gerade während eines Umzugs, des Kita-Starts oder kurz nach der Geburt eines Geschwisterkinds. Rückfälle in anstrengenden Momenten sind normal und kein Grund, das gemeinsame Ziel aufzugeben.
Wann zum Zahnarzt?
Lutscht ein Kind über das dritte Lebensjahr hinaus regelmäßig, lohnt sich ein Termin in der Zahnarztpraxis. Dort wird die Zahnstellung beurteilt und bei Bedarf eine kieferorthopädische Beratung empfohlen. Zahnspangen, die das Lutschen erschweren, sind eine Möglichkeit für ältere Kinder, wenn andere Wege nicht helfen.
Und bei Erwachsenen?
Lutschen Jugendliche oder Erwachsene weiter am Daumen, stehen meist andere Fragen im Vordergrund als die Zahnentwicklung. Diese behandelt der Beitrag zu den psychologischen Ursachen von Daumenlutschen bei Erwachsenen.
Das Audio-Hypnose-Programm bei Daumenlutschen richtet sich an Jugendliche und Erwachsene, die eine hartnäckige Gewohnheit ablegen möchten. Für Kleinkinder ist es nicht gedacht, hier sind Geduld, Lob und bei Bedarf die Zahnarztpraxis der richtige Weg. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
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Quellen (Auswahl)
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Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).