Schadet Daumenlutschen bei Erwachsenen Zähnen und Kiefer?
Zähne bleiben ein Leben lang beweglich. Deshalb kann ein Daumen, der regelmäßig drückt, auch nach der Kindheit noch Spuren im Biss hinterlassen.
Die kurze Antwort
Ja, regelmäßiges Daumenlutschen kann auch bei Erwachsenen Zähne und Biss verändern. Typisch sind nach vorn gekippte obere Schneidezähne und ein offener Biss, bei dem sich die Frontzähne nicht mehr berühren. Wie stark die Folgen sind, hängt vor allem davon ab, wie viele Stunden am Tag der Daumen im Mund ist.
Warum der Daumen Zähne bewegen kann
Zähne stehen ein Leben lang in einem Gleichgewicht aus den Kräften von Zunge, Lippen und Wangen. Genau deshalb wirkt eine Zahnspange auch bei Erwachsenen. Der Kieferorthopäde William Proffit hat beschrieben, dass für die Zahnstellung vor allem zählt, wie lange ein Druck anhält, und weniger, wie stark er ist. Ein Daumen, der jede Nacht über längere Zeit gegen die Schneidezähne drückt, wirkt deshalb stärker als kurzes Lutschen am Tag.
Mögliche Folgen im Überblick
Zähne und Biss
Da das Kieferwachstum bei Erwachsenen abgeschlossen ist, betreffen neue Veränderungen vor allem die Stellung der Zähne.
- offener Biss: Zwischen oberen und unteren Frontzähnen bleibt eine Lücke, das Abbeißen fällt schwer.
- vorstehende Schneidezähne: Die oberen kippen nach vorn, die unteren eher nach hinten.
- schmaler Oberkiefer: Bei Menschen, die seit der Kindheit lutschen, ist der Oberkiefer manchmal verengt, was zu einem Kreuzbiss führen kann.
Zunge und Sprechen
Ein offener Biss lädt die Zunge ein, beim Schlucken und Sprechen nach vorn in die Lücke zu drücken. Das kann ein Lispeln begünstigen und die Fehlstellung zusätzlich festigen.
Der Daumen selbst
Hornhaut, rissige Haut und Entzündungen am Nagelfalz sind möglich, selten auch Verformungen des Fingers. Fallberichte aus der plastischen Chirurgie beschreiben solche Veränderungen zusammen mit Zahnfehlstellungen.
Was ein Termin in der Praxis bringt
In der Zahnarztpraxis lässt sich klären, ob sich der Biss bereits verändert hat. Bei Bedarf folgt eine Überweisung in eine kieferorthopädische Praxis. Behandlungen sind auch im Erwachsenenalter möglich, etwa mit festen Spangen oder durchsichtigen Schienen. Wichtig dabei: Solange das Lutschen weitergeht, arbeitet es gegen die Behandlung. Die Gewohnheit sollte deshalb vorher oder parallel angegangen werden. Sinnvoll ist, vor dem Termin kurz zu notieren, seit wann und wie oft gelutscht wird, vor allem ob auch nachts.
Die gesetzliche Krankenkasse übernimmt kieferorthopädische Behandlungen bei Erwachsenen nur in Ausnahmefällen, etwa bei schweren Kieferfehlstellungen, die zusätzlich operiert werden müssen.
Ohne Scham in die Praxis
Viele Erwachsene schieben den Zahnarzttermin aus Scham auf. Praxisteams kennen Lutschgewohnheiten jedoch gut, und eine frühe Einschätzung zeigt, ob überhaupt Handlungsbedarf besteht. Für das Aufhören ist die Gewohnheitsumkehr untersucht. Entspannungsverfahren wie Hypnose können begleitend helfen, ersetzen aber weder Zahnarzt noch Kieferorthopädie.
Das Audio-Hypnose-Programm bei Daumenlutschen richtet sich an Jugendliche und Erwachsene, die eine hartnäckige Gewohnheit ablegen möchten, begleitend zur zahnärztlichen und kieferorthopädischen Behandlung. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Kann sich ein offener Biss bei Erwachsenen von selbst schließen?
Bei kleinen Kindern bildet sich ein offener Biss nach dem Aufhören oft zurück. Bei Erwachsenen ist das weniger wahrscheinlich, vor allem wenn sich die Zunge an die Lücke gewöhnt hat. Ob eine Behandlung nötig ist, zeigt nur eine kieferorthopädische Untersuchung.
Ist nächtliches Daumenlutschen schädlicher?
Häufig ja, weil der Daumen dann lange am Stück im Mund bleibt. Für Zahnbewegungen ist gerade die Dauer des Drucks entscheidend. Wer vor allem nachts lutscht, sollte die Zähne deshalb regelmäßig kontrollieren lassen.
Bezahlt die Krankenkasse eine Zahnspange für Erwachsene?
Die gesetzliche Krankenkasse übernimmt die Kosten bei Erwachsenen nur in Ausnahmefällen, etwa bei schweren Kieferfehlstellungen, die zusätzlich operiert werden müssen. Sonst fallen private Kosten an, die die Praxis vorab in einem Behandlungsplan nennt.
Sollte die Zahnarztpraxis vom Daumenlutschen wissen?
Ja, das hilft sehr. Wer den Grund für eine Fehlstellung kennt, kann gezielter beraten und eine Behandlung so planen, dass sie dauerhaft hält. Praxisteams kennen solche Gewohnheiten und gehen in der Regel sachlich damit um.
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Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- Proffit (1978): Equilibrium theory revisited: factors influencing position of the teeth, The Angle Orthodontist 48(3)
- Reid & Price (1984): Digital deformities and dental malocclusion due to finger sucking, British Journal of Plastic Surgery 37(4)
- Bate et al. (2011): The efficacy of habit reversal therapy for tics, habit disorders, and stuttering: a meta-analytic review, Clinical Psychology Review 31(5)
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).