Hängen ADHS und Daumenlutschen bei Erwachsenen zusammen?
Viele Erwachsene mit ADHS erkennen sich in Gewohnheiten wie Daumenlutschen oder Nägelkauen wieder. Was die Forschung dazu sagt, und wo die Belege enden.
Die kurze Antwort
Ein Zusammenhang ist möglich, für das Daumenlutschen bei Erwachsenen aber kaum erforscht. Studien zu verwandten Gewohnheiten wie Nägelkauen und Skin Picking finden bei Betroffenen nicht selten auch eine ADHS. Daumenlutschen allein ist jedoch kein Hinweis darauf, dass eine ADHS vorliegt.
Was Studien zu verwandten Gewohnheiten zeigen
Nägelkauen bei Kindern
In einer iranischen Studie mit Kindern, die in einer psychiatrischen Ambulanz vorgestellt wurden, hatten rund drei Viertel der Kinder, die an den Nägeln kauten, auch eine ADHS. Die Zahl lässt sich nicht verallgemeinern, denn die Kinder kamen bereits wegen psychischer Probleme in die Klinik. Sie zeigt aber, dass beides oft gemeinsam auftritt.
Skin Picking bei Erwachsenen
In einer großen US-Befragung mit über 10.000 Erwachsenen gab knapp ein Viertel derjenigen mit Skin-Picking-Störung an, auch eine ADHS zu haben. Die Angaben beruhen auf Selbstauskunft und sind deshalb mit Vorsicht zu lesen.
Und das Daumenlutschen?
Zum Daumenlutschen bei Erwachsenen mit ADHS gibt es bislang keine belastbaren Zahlen. Alles Weitere sind Annahmen, keine gesicherten Erkenntnisse. Wer ADHS hat und am Daumen lutscht, muss also nicht davon ausgehen, dass das eine das andere verursacht. Beides kann auch unabhängig voneinander bestehen.
Warum beides zusammenpassen könnte
Aus der Forschung zu körperbezogenen Gewohnheiten, international oft BFRB genannt, lassen sich zwei plausible Erklärungen ableiten:
- Reizregulation: Solche Gewohnheiten treten häufig bei Langeweile, Unterforderung oder Frust auf. Der Daumen liefert dann einen gleichmäßigen, beruhigenden Reiz.
- Impulssteuerung: Impulsivität gehört zu den Kernmerkmalen einer ADHS. Wer Impulse schwerer bremsen kann, greift womöglich schneller zur vertrauten Gewohnheit, oft ohne es zu merken.
Woran eine ADHS zu erkennen ist
Für die Diagnose zählen nicht einzelne Gewohnheiten, sondern ein dauerhaftes Muster aus Unaufmerksamkeit, Unruhe und Impulsivität. Es beginnt schon in der Kindheit und macht in mehreren Lebensbereichen Probleme, etwa im Beruf und in Beziehungen. Wer sich darin wiedererkennt, kann eine Abklärung in einer psychiatrischen Facharztpraxis oder einer spezialisierten ADHS-Ambulanz anstoßen. Selbsttests aus dem Netz ersetzen das nicht.
Was beim Aufhören helfen kann
Die Gewohnheitsumkehr, auf Englisch Habit Reversal Training, ist für Daumenlutschen und Nägelkauen untersucht. Eine Metaanalyse fand über verschiedene Gewohnheiten hinweg eine große Wirkung. Bei Unruhe kann es helfen, den Händen bewusst eine andere Aufgabe zu geben, etwa mit einem Knetball. Nützlich ist außerdem, typische Auslöser zu notieren, etwa lange Besprechungen, Bildschirmarbeit oder Wartezeiten, und genau dort eine Alternative bereitzulegen. Entspannungsverfahren wie Hypnose können begleitend unterstützen, sind aber kein Ersatz für eine ADHS-Diagnostik oder Behandlung.
Das Audio-Hypnose-Programm bei Daumenlutschen setzt auf Entspannung und neue Wege der Selbstberuhigung, begleitend und nicht als Ersatz für eine ADHS-Diagnostik oder Behandlung. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Ist Daumenlutschen ein Symptom von ADHS?
Nein. Daumenlutschen gehört nicht zu den Diagnosekriterien einer ADHS. Es kann bei Menschen mit ADHS vorkommen, ist für sich allein aber kein Hinweis auf die Störung.
Kann Daumenlutschen bei ADHS beim Konzentrieren helfen?
Manche Betroffene berichten, dass eine gleichmäßige Beschäftigung von Händen oder Mund sie ruhiger macht. Für das Daumenlutschen ist das wissenschaftlich nicht untersucht. Ein Knetball oder ein anderes Fidget-Spielzeug schont dabei Zähne und Haut.
Wie bekomme ich als Erwachsener eine ADHS-Diagnose?
Erste Anlaufstelle ist oft die Hausarztpraxis, die an eine psychiatrische Facharztpraxis oder eine ADHS-Ambulanz überweisen kann. Dort wird unter anderem geprüft, ob die Beschwerden schon seit der Kindheit bestehen und in mehreren Lebensbereichen auftreten.
Funktioniert Gewohnheitsumkehr auch mit ADHS?
Speziell für Erwachsene mit ADHS und Daumenlutschen gibt es dazu kaum Studien. Die Bausteine der Methode, also Bewusstwerden, Gegenbewegung und Unterstützung, lassen sich aber gut an einen unruhigen Alltag anpassen, etwa mit Erinnerungen auf dem Handy.
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Quellen (Auswahl)
- Ghanizadeh (2008): Association of nail biting and psychiatric disorders in children and their parents in a psychiatrically referred sample of children, Child and Adolescent Psychiatry and Mental Health 2
- Grant & Chamberlain (2020): Prevalence of skin picking (excoriation) disorder, Journal of Psychiatric Research 130
- Bate et al. (2011): The efficacy of habit reversal therapy for tics, habit disorders, and stuttering: a meta-analytic review, Clinical Psychology Review 31(5)
- DGKJP, DGPPN, DGKJ: S3-Leitlinie ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, AWMF 028-045
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).