Sind Daumenlutscher intelligenter?
Im Netz liest man oft, Daumenlutscher seien besonders klug. Belegt ist das nicht. Untersucht wurde etwas anderes, und das ist überraschend.
Sind Daumenlutscher intelligenter? Die kurze Antwort
Nein, dafür gibt es keinen belastbaren Beleg. Eine Studie, die zeigt, dass Menschen, die am Daumen lutschen, intelligenter sind, ist nicht bekannt. Die Behauptung kursiert in Foren und sozialen Medien. Untersucht wurde dagegen ein anderer Zusammenhang: Kinder, die am Daumen lutschten oder Nägel kauten, hatten später seltener eine Allergiebereitschaft.
Woher der Mythos kommt
Wer als Erwachsener am Daumen lutscht, schämt sich oft und sucht nach Erklärungen. Die Vorstellung, Daumenlutscher seien besonders klug, sensibel oder kreativ, ist da tröstlich. Sie verbreitet sich, weil sie sich gut anfühlt und weil jeder Mensch Beispiele findet, die zu ihr passen. Die Psychologie nennt das Bestätigungsfehler: Wir bemerken, was eine Überzeugung stützt, und übersehen, was ihr widerspricht.
Ein zweiter Grund: Manche Menschen mit ADHS oder hoher Reizempfindlichkeit berichten, dass sie am Daumen lutschen. Menschen mit diesen Merkmalen werden im Alltag mitunter als besonders aufgeweckt oder kreativ beschrieben. Daraus lässt sich aber kein Zusammenhang mit Intelligenz ableiten. Mehr dazu: Hängen ADHS und Daumenlutschen zusammen?
Was die Forschung tatsächlich gefunden hat
Die bekannteste Langzeitstudie zum Daumenlutschen stammt aus Neuseeland. Sie betrachtete das Daumenlutschen in der Kindheit, nicht im Erwachsenenalter. Ein Team um Stephanie Lynch, Malcolm Sears und Robert Hancox nutzte 2016 die Daten der Dunedin-Langzeitstudie, die rund 1.000 Menschen begleitet, die Anfang der 1970er-Jahre in Dunedin geboren wurden. Die Eltern hatten im Alter von 5, 7, 9 und 11 Jahren angegeben, ob ihr Kind am Daumen lutschte oder Nägel kaute. Mit 13 und mit 32 Jahren wurde per Hauttest geprüft, ob eine Allergiebereitschaft (Sensibilisierung) bestand.
Das Ergebnis: Wer als Kind eine dieser Gewohnheiten hatte, zeigte in beiden Altersstufen seltener eine Sensibilisierung, auch nach Berücksichtigung anderer Einflüsse. Bei Asthma und Heuschnupfen fand sich kein Unterschied. Die Forschenden vermuten, dass der frühe Kontakt mit Keimen das Immunsystem prägen könnte. Sie betonten aber, dass sich daraus keine Empfehlung ableiten lässt, Kinder zum Daumenlutschen zu ermutigen. Und: Es ging um Allergien, nicht um Intelligenz.
Was Daumenlutschen über Sie aussagt
Daumenlutschen sagt nichts über Ihre Begabung, Ihren Charakter oder Ihre Reife aus. Es ist in erster Linie eine sehr frühe Form der Selbstberuhigung. Schon Babys lutschen am Daumen, um sich zu trösten. Bei manchen Menschen bleibt diese Strategie erhalten oder kehrt in belastenden Zeiten zurück, etwa bei Stress, Einsamkeit, beim Einschlafen oder nach schweren Erfahrungen.
Ob Sie am Daumen lutschen, hat damit eher zu tun, wie Ihr Nervensystem gelernt hat, sich zu beruhigen, als damit, wie klug Sie sind. Das ist weder peinlich noch ein Zeichen von Schwäche. Es ist einfach ein Weg, der irgendwann einmal geholfen hat.
Sensibel, kreativ, nachdenklich: Was man seriös sagen kann
Neben der Intelligenz liest man auch, Daumenlutscher seien besonders sensibel, kreativ oder nachdenklich. Auch dafür gibt es keine belastbaren Studien. Was sich sagen lässt: Menschen, die stark auf Reize reagieren oder schnell unter Anspannung geraten, brauchen mehr Wege, sich zu beruhigen. Daumenlutschen kann einer davon sein. Das beschreibt aber ein Bedürfnis, keine Eigenschaft und keine Begabung.
Ebenso falsch ist das Gegenteil. Daumenlutschen im Erwachsenenalter ist kein Zeichen von Unreife, mangelnder Intelligenz oder fehlender Selbstdisziplin. Auch beruflich erfolgreiche, reflektierte Erwachsene lutschen am Daumen, manche schon ihr ganzes Leben lang. Weder die schmeichelnde noch die abwertende Deutung trifft also zu.
Wie Sie mit anderen darüber sprechen können
Viele verbergen das Daumenlutschen jahrelang, sogar vor dem Partner. Wenn Sie es ansprechen möchten, hilft eine sachliche, kurze Erklärung: „Ich lutsche manchmal am Daumen, vor allem beim Einschlafen. Das beruhigt mich. Mir ist das unangenehm, deshalb sage ich es dir lieber selbst.“ Oft fällt die Reaktion gelassener aus, als Betroffene befürchten. Mehr dazu: Daumenlutschen: Wie sage ich es meinem Partner?
Warum es sich trotzdem lohnen kann, genauer hinzuschauen
Ein Mythos ist harmlos, solange er niemanden davon abhält, sich um echte Folgen zu kümmern. Daumenlutschen im Erwachsenenalter kann Zähne und Kiefer belasten, etwa durch Zahnfehlstellungen oder einen offenen Biss, und die Haut am Daumen reizen. Wer häufig und lange lutscht, sollte das zahnärztlich ansprechen. Mehr dazu: Schadet Daumenlutschen bei Erwachsenen den Zähnen?
Viele Betroffene leiden auch weniger am Daumenlutschen selbst als an der Scham. Sie verzichten auf Übernachtungen, verstecken die Gewohnheit vor dem Partner oder fühlen sich kindlich. Wie lange Daumenlutschen als normal gilt und ab wann es auffällt, lesen Sie unter Wie lange ist Daumenlutschen normal?
Wenn Sie aufhören möchten
- Muster erkennen: Notieren Sie, in welchen Situationen der Daumen in den Mund wandert. Häufig sind es Fernsehen, Lesen, Einschlafen oder Grübeln.
- Die Funktion ernst nehmen: Wenn Daumenlutschen beruhigt, braucht es einen Ersatz, der ebenfalls beruhigt: ruhiges Atmen, ein Handschmeichler, eine warme Decke, eine Einschlafroutine.
- Eine Gegenbewegung einüben: Sobald die Hand Richtung Mund geht, schließen Sie sie für eine Minute zu einer lockeren Faust oder falten die Hände. Dieses Prinzip stammt aus dem Habit Reversal Training der Verhaltenstherapie.
- Die Nacht absichern: Ein Pflaster, ein Fingerling oder ein dünner Handschuh unterbrechen den Automatismus im Halbschlaf.
- Freundlich bleiben: Rückfälle gehören dazu. Wer sich dafür verurteilt, steht unter mehr Stress, und Stress ist einer der stärksten Auslöser.
Planen Sie für das Aufhören einige Wochen ein und wählen Sie einen Zeitraum, der nicht gerade besonders belastend ist. Eine Gewohnheit, die über Jahre Trost gespendet hat, lässt sich selten von heute auf morgen ablegen. Hilfreich ist, die Fortschritte sichtbar zu machen, etwa mit einem Kalender, in dem Sie Tage oder Abende ohne Daumenlutschen markieren.
Wenn Daumenlutschen mit starker Scham, Niedergeschlagenheit oder belastenden Erinnerungen verbunden ist, kann ein Gespräch in einer psychotherapeutischen Praxis helfen.
Wo ein Audio-Programm ansetzen kann
Weil Daumenlutschen vor allem beruhigt, setzt das Audio-Hypnose-Programm bei Daumenlutschen bei Entspannung und neuer Selbstberuhigung an, besonders für den Abend und das Einschlafen. Es läuft online im Browser, ist auch im Jahresabo enthalten und ersetzt keine Behandlung.
Das Audio-Hypnose-Programm bei Daumenlutschen richtet sich an Erwachsene und setzt auf Entspannung und neue Selbstberuhigung, besonders beim Einschlafen. Es ersetzt keine Behandlung. Einzeln oder im Jahresabo, online im Browser.
Häufige Fragen
Gibt es eine Studie, dass Daumenlutscher intelligenter sind?
Eine solche Studie ist nicht bekannt. Die Behauptung verbreitet sich in Foren und sozialen Medien, ist aber nicht belegt. Untersucht wurde ein Zusammenhang mit Allergien, nicht mit Intelligenz.
Haben Daumenlutscher weniger Allergien?
Eine neuseeländische Langzeitstudie fand 2016, dass Kinder, die am Daumen lutschten oder Nägel kauten, als Jugendliche und Erwachsene seltener eine Allergiebereitschaft im Hauttest zeigten. Bei Asthma und Heuschnupfen gab es keinen Unterschied. Eine Empfehlung zum Daumenlutschen leiten die Forschenden daraus nicht ab.
Ist Daumenlutschen bei Erwachsenen ein Zeichen für ADHS oder Autismus?
Nicht automatisch. Manche Menschen mit ADHS oder starker Reizempfindlichkeit nutzen Daumenlutschen, um sich zu regulieren. Belastbare Zahlen dazu gibt es kaum, und eine Diagnose lässt sich daraus nicht ableiten. Dafür braucht es eine fachliche Abklärung.
Warum lutschen Erwachsene am Daumen?
Meist zur Selbstberuhigung: bei Stress, Müdigkeit, Langeweile, Traurigkeit oder beim Einschlafen. Bei manchen ist es eine Gewohnheit aus der Kindheit, die nie ganz verschwunden ist, bei anderen kehrt sie in belastenden Zeiten zurück.
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Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- Lynch, Sears & Hancox (2016): Thumb-Sucking, Nail-Biting, and Atopic Sensitization, Asthma, and Hay Fever, Pediatrics 138(2), e20160443
- Azrin & Nunn (1973): Habit-reversal: a method of eliminating nervous habits and tics, Behaviour Research and Therapy 11(4), 619-628
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wenden Sie sich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).