Was hilft bei Agoraphobie?
Platzangst lebt vom Ausweichen. Die wirksamste Behandlung setzt genau dort an: schrittweise, begleitet und mit dem Ziel, den eigenen Radius zurückzugewinnen.
Die kurze Antwort
Am besten wirkt eine kognitive Verhaltenstherapie mit Exposition: Die gefürchteten Situationen werden schrittweise und begleitet wieder aufgesucht, statt ihnen auszuweichen. Die deutsche S3-Leitlinie zu Angststörungen empfiehlt die Verhaltenstherapie mit dem höchsten Empfehlungsgrad. Als zweite Säule nennt sie Medikamente, die Wahl richtet sich auch nach den Wünschen der Betroffenen.
Warum Ausweichen die Angst vergrößert
Bei einer Agoraphobie, im Deutschen oft Platzangst genannt, werden Situationen gefürchtet, aus denen eine Flucht schwierig wäre oder in denen keine Hilfe erreichbar scheint: Bahn, Menschenmengen, Warteschlangen, allein unterwegs sein. Wer sie meidet, fühlt sich kurzfristig erleichtert. Doch das Gehirn lernt daraus nur, dass Gefahr bestand und die Flucht gerettet hat. So wird der Bewegungsradius oft immer kleiner. Häufig beginnt alles mit Panikattacken: Laut Leitlinie ist eine Panikstörung in der Mehrzahl der Fälle mit einer Agoraphobie verbunden.
Wie Exposition abläuft
Bei Vermeidungsverhalten soll die Verhaltenstherapie laut Leitlinie Expositionsübungen enthalten. Die Therapeutin oder der Therapeut sollte dabei nicht nur theoretisch vorbereiten, sondern bei den Übungen anwesend sein. Typische Schritte:
- gemeinsam eine Liste der gemiedenen Situationen erstellen, geordnet nach Schwierigkeit
- mit einer machbaren Situation beginnen und bleiben, bis erlebbar wird, dass die befürchtete Katastrophe ausbleibt
- Übungen wiederholen, dann allein und schrittweise schwierigere Situationen angehen
- Sicherheitshilfen wie die ständige Begleitperson nach und nach weglassen
Steht keine Einzeltherapie zur Verfügung, sollte die Verhaltenstherapie in der Gruppe angeboten werden. Wirkt die Verhaltenstherapie nicht, ist sie nicht verfügbar oder wird sie nicht gewünscht, sollte eine psychodynamische Psychotherapie angeboten werden. Erste Anlaufstelle kann die hausärztliche oder direkt eine psychotherapeutische Praxis sein.
Medikamente
Empfohlen werden Antidepressiva aus der Gruppe der SSRI (Citalopram, Escitalopram, Paroxetin, Sertralin) oder Venlafaxin. Nach Abklingen der Angst sollen sie noch 6 bis 12 Monate weiter eingenommen werden. Beruhigungsmittel vom Typ der Benzodiazepine wirken zwar, sollen wegen der Abhängigkeitsgefahr aber nur in begründeten Ausnahmefällen gegeben werden. Reicht eine Behandlungsform nicht aus, soll die jeweils andere angeboten werden, auch eine Kombination ist möglich.
Was die Therapie ergänzen kann
- Ausdauersport als ergänzende Maßnahme
- Selbsthilfe mit Büchern oder Audiomaterial, um die Wartezeit auf einen Therapieplatz zu überbrücken oder die Therapie zu begleiten
- Selbsthilfegruppen für Betroffene und Angehörige
Hypnose wird in der Leitlinie nicht als eigenes Verfahren empfohlen. Als Entspannungsmethode kann sie die Erwartungsangst vor einer Übung begleitend dämpfen, die Exposition selbst ersetzt sie nicht.
Kommen zur Angst Hoffnungslosigkeit oder Gedanken an Suizid hinzu, sofort Hilfe holen: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 (Deutschland) oder Die Dargebotene Hand 143 (Schweiz).
Das Audio-Hypnose-Programm bei Platzangst unterstützt dabei, Anspannung und Erwartungsangst zu senken, begleitend zur Verhaltenstherapie und nicht als Ersatz. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Programm bei Platzangst → Alle Programme im Jahresabo →Häufige Fragen
Wie lange dauert die Behandlung einer Agoraphobie?
Eine feste Dauer lässt sich laut Leitlinie aus den Studien nicht ableiten. Sie wird nach Schwere, Begleiterkrankungen und Lebenssituation individuell geplant.
Muss ich bei der Exposition allein in die Situation?
Nicht von Anfang an. Die Leitlinie empfiehlt, dass die Therapeutin oder der Therapeut bei den Übungen anwesend ist. Erst schrittweise werden die Situationen allein geübt.
Helfen Beruhigungsmittel bei Platzangst?
Benzodiazepine lindern Angst zwar, bergen aber die Gefahr einer Abhängigkeit und sollen deshalb nur in Ausnahmefällen eingesetzt werden. Empfohlen werden stattdessen Antidepressiva wie SSRI oder Venlafaxin.
Kann ich mit Selbsthilfe beginnen, bis ein Therapieplatz frei ist?
Ja. Die Leitlinie nennt Selbsthilfe mit Büchern oder Audiomaterial sowie verhaltenstherapeutische Internetprogramme zur Überbrückung. Die Internetprogramme sollen aber keine alleinige Behandlung sein.
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Quellen (Auswahl)
- Bandelow et al. (2021): Deutsche S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen, Version 2, AWMF 051-028
- WHO (2019): ICD-11, 6B02 Agoraphobia
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).