Nachts aufwachen wegen Tinnitus: Was hilft?
Viele wachen nachts auf und hören zuerst das Ohrgeräusch. Oft weckt nicht der Tinnitus selbst, sondern in der Stille tritt er hervor und hält wach.
Was nachts eigentlich passiert
Wer nachts aufwacht und sofort den Tinnitus hört, wurde meist nicht vom Geräusch geweckt. Kurze Wachphasen gehören zum normalen Schlaf. In der Stille der Nacht fehlt aber jede Ablenkung, und das Ohrgeräusch füllt den Raum. Daraus entsteht schnell ein Kreislauf aus Hinhören, Ärger und Grübeln, der das Wiedereinschlafen erschwert.
Belastung zählt mehr als Lautstärke
Eine Studie aus Regensburg verglich 173 Menschen mit chronischem Tinnitus mit 94 Gesunden. Die Tinnitusgruppe schlief schlechter und machte sich deutlich mehr Sorgen um ihren Schlaf. Wie schwer die Schlafstörung war, hing vor allem mit der gedanklichen und emotionalen Belastung durch den Tinnitus zusammen, nicht mit seiner Dauer oder dem Alter.
Das ist eine ermutigende Nachricht: An der Belastung lässt sich arbeiten, auch wenn das Geräusch bleibt.
Was beim Aufwachen hilft
Nicht prüfen, wie laut es ist
Gezieltes Hinhören verstärkt die Wahrnehmung. Hilfreicher ist, die Aufmerksamkeit bewusst auf den Atem oder auf ein ruhiges inneres Bild zu lenken.
Der Stille die Schärfe nehmen
Manchen hilft ein leises Hintergrundgeräusch, etwa ein Ventilator oder ruhige Musik. Als Therapie gegen chronischen Tinnitus empfiehlt die Leitlinie Rauschgeräte allerdings nicht, es geht hier nur um mehr Behaglichkeit.
Aufstehen statt Wälzen
Wer länger wach liegt, steht besser kurz auf und geht bei gedämpftem Licht einer ruhigen Tätigkeit nach. Erst bei Müdigkeit zurück ins Bett. So bleibt das Bett ein Ort des Schlafs und nicht des Kampfes.
Den Abend ruhiger gestalten
Bildschirme, Nachrichten und schwierige Gespräche kurz vor dem Schlafen halten das Nervensystem wach. Ein fester Ablauf am Abend mit gedämpftem Licht und einer ruhigen Tätigkeit erleichtert den Übergang in den Schlaf. Alkohol am späten Abend macht die zweite Nachthälfte oft unruhiger.
Entspannung tagsüber üben
Atemübungen, Muskelentspannung oder Hypnose können helfen, die nächtliche Anspannung zu senken. Wer sie tagsüber übt, kann sie nachts leichter abrufen. Hypnose dient dabei der Entspannung und dem gelasseneren Umgang mit dem Geräusch, sie behandelt nicht das Ohrgeräusch selbst.
Wann ärztliche Hilfe sinnvoll ist
Hält die Schlafstörung über Wochen an, ist eine ärztliche Beratung sinnvoll. Die Leitlinie empfiehlt bei chronischem Tinnitus verhaltenstherapeutische Ansätze, in denen auch der Umgang mit Schlafproblemen Thema sein kann.
Rasch abklären lassen sollte man einen plötzlichen Hörverlust (Hörsturz), einen neuen einseitigen Tinnitus, Schwindel oder ein pulsierendes Geräusch im Takt des Herzschlags.
Wer nachts verzweifelt ist und nicht mehr weiterweiß, erreicht die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111, in der Schweiz die Dargebotene Hand unter 143.
Das Audio-Hypnose-Programm bei Tinnitus setzt auf Entspannung und einen gelasseneren Umgang mit dem Ohrgeräusch, begleitend zur HNO-ärztlichen Behandlung. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Warum ist der Tinnitus nachts so laut?
Meist ist er nicht lauter, sondern deutlicher hörbar. Nachts fehlen Umgebungsgeräusche und Ablenkung, und die Aufmerksamkeit richtet sich fast zwangsläufig auf das Ohr.
Helfen Schlafmittel bei Tinnitus?
Schlafmittel behandeln nicht das Ohrgeräusch, und manche können bei längerer Einnahme abhängig machen. Ob sie im Einzelfall kurzzeitig sinnvoll sind, sollte ärztlich entschieden werden.
Sind Ohrstöpsel bei Tinnitus sinnvoll?
Ohrstöpsel machen es noch stiller und können das Ohrgeräusch dadurch stärker hervortreten lassen. In einer lauten Schlafumgebung können sie trotzdem nützlich sein, hier lohnt es sich, beides auszuprobieren.
Kann schlechter Schlaf den Tinnitus verstärken?
Viele Betroffene erleben ihr Ohrgeräusch nach unruhigen Nächten als aufdringlicher. Müdigkeit erschwert es, Reize auszublenden, und die Gereiztheit am Tag verstärkt die Belastung zusätzlich.
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Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- Crönlein et al. (2016): Insomnia in patients with chronic tinnitus: Cognitive and emotional distress as moderator variables, Journal of Psychosomatic Research 83
- DGHNO-KHC: S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus, AWMF 017-064
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).