Tinnitus und Depression: Wenn das Ohrgeräusch die Stimmung drückt
Etwa ein Drittel der Menschen mit Tinnitus zeigt Anzeichen einer Depression. Beides verstärkt sich gegenseitig, und beides lässt sich behandeln.
Die kurze Antwort
Tinnitus und Depression treten häufig zusammen auf. Eine systematische Übersicht mit 28 Studien und fast 10.000 Betroffenen (Salazar u. a. 2019) fand bei etwa einem Drittel der Menschen mit Tinnitus Anzeichen einer Depression, wobei die Werte je nach Studie stark schwankten. Dabei beeinflussen sich beide Richtungen: Ein belastendes Ohrgeräusch kann Schlaf, Konzentration und Stimmung drücken, und eine gedrückte Stimmung macht das Geräusch lauter und bedrohlicher. Das Gute daran: Wird die Depression behandelt, kann auch die Belastung durch den Tinnitus sinken, selbst wenn das Geräusch bleibt.
Woran Sie merken, dass mehr als das Ohr belastet ist
- Sie wachen morgens ohne Antrieb auf, und das Geräusch ist das Erste, was Sie wahrnehmen.
- Dinge, die früher Freude gemacht haben, sind Ihnen gleichgültig geworden.
- Sie ziehen sich zurück, weil Gespräche und Geräusche anstrengen.
- Der Schlaf ist schlecht, nicht nur wegen des Geräuschs. Siehe Nachts aufwachen mit Tinnitus.
- Sie denken, dass es nie wieder besser wird.
Wenn mehrere dieser Punkte seit mehr als zwei Wochen zutreffen, sprechen Sie bitte mit Ihrer Hausarztpraxis oder einer Psychotherapeutin. Bei Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, erreichen Sie die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111, in Österreich unter 142, in der Schweiz unter 143.
Warum sich beides gegenseitig verstärkt
Ein Tinnitus wird nicht im Ohr, sondern im Gehirn bewertet. Angst und gedrückte Stimmung richten die Aufmerksamkeit auf das Geräusch und bewerten es als Bedrohung. Das hält die Anspannung hoch, und die Anspannung macht das Geräusch präsenter. Die Tinnitus-Leitlinie beschreibt deshalb Begleiterkrankungen wie Depression und Angst als wichtige Faktoren dafür, wie stark ein Tinnitus belastet, und empfiehlt, sie mitzubehandeln. Siehe Tinnitus durch Angst und Warum ist Tinnitus bei Stress lauter?
Was hilft
- Beides ernst nehmen: Eine Depression ist behandelbar, mit Psychotherapie und bei Bedarf Medikamenten. Viele Betroffene berichten, dass der Tinnitus leiser wirkt, sobald die Stimmung sich bessert.
- Tinnitus-spezifische Verhaltenstherapie: Sie ist laut Leitlinie die am besten belegte Behandlung bei belastendem Tinnitus und arbeitet genau an der Bewertung des Geräuschs.
- Schlaf schützen: Feste Zeiten, leise Hintergrundgeräusche, kein Grübeln im Bett. Siehe Tinnitus beim Einschlafen.
- Tagesstruktur und Bewegung: Beides hilft bei Depression und lenkt vom Geräusch ab.
- Entspannung regelmäßig üben: Entspannungsverfahren wie Hypnose können ergänzend helfen, die Anspannung zu senken, die das Geräusch verstärkt. Siehe Hilft Hypnose bei Tinnitus? und Hilft Hypnose bei Depressionen?
Das Audio-Hypnose-Programm Tinnitus richtet sich an Erwachsene, die mit regelmäßiger Entspannung gelassener mit dem Ohrgeräusch umgehen möchten. Es ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Online im Browser.
Häufige Fragen
Kann Tinnitus eine Depression auslösen?
Ein belastender Tinnitus kann Schlaf, Konzentration und Stimmung so stark beeinträchtigen, dass sich eine Depression entwickelt. Umgekehrt macht eine Depression das Geräusch oft lauter und bedrohlicher. In Studien zeigt etwa ein Drittel der Menschen mit Tinnitus Anzeichen einer Depression.
Wird der Tinnitus leiser, wenn die Depression behandelt wird?
Das Geräusch selbst verschwindet dadurch meist nicht, die Belastung kann aber abnehmen. Weil das Gehirn das Geräusch bei gedrückter Stimmung als bedrohlicher bewertet, wirkt es nach einer Behandlung oft weniger präsent.
Wo bekomme ich Hilfe bei Tinnitus und Depression?
Erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis, von dort aus HNO und Psychotherapie. Bei Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 erreichbar.
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Quellen (Auswahl)
- Salazar u. a. (2019): Depression in Patients with Tinnitus: A Systematic Review, Otolaryngology–Head and Neck Surgery 161(1), 28-35
- AWMF (2021): S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus, Registernummer 017-064
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wenden Sie sich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).