Essen aus Einsamkeit: Was steckt dahinter?
Wer aus Einsamkeit isst, sucht meist Wärme und Verbundenheit. Warum Essen dieses Bedürfnis kurz berührt, aber nicht stillt.
Die kurze Antwort
Wer aus Einsamkeit isst, sucht meist nicht Nahrung, sondern Wärme, Trost und das Gefühl von Verbundenheit. Bestimmte Speisen sind mit Erinnerungen an Menschen und geborgene Momente verknüpft. Essen kann diese Gefühle für kurze Zeit wachrufen, das eigentliche Bedürfnis nach Kontakt stillt es aber nicht.
Warum Essen gegen Einsamkeit wirkt, zumindest kurz
Die Psychologen Jordan Troisi und Shira Gabriel von der University at Buffalo untersuchten, was Trostessen so tröstlich macht. Ihre Ergebnisse sprechen dafür, dass vertraute Lieblingsspeisen mit nahen Beziehungen verknüpft sind. In einem Experiment fühlten sich Menschen nach dem Erinnern an einen Streit weniger einsam, wenn sie anschließend über ein Trostessen schrieben. Das galt allerdings nur für Personen, die sich in ihren Beziehungen grundsätzlich sicher fühlten.
Das erklärt, warum oft nicht irgendetwas gegessen wird, sondern genau das Gericht von früher: die Nudeln der Großmutter, der Kakao aus Kindertagen.
Wie Einsamkeit das Essverhalten verändert
Einsamkeit ist mehr als ein trauriges Gefühl. Die Forschenden Louise Hawkley und John Cacioppo beschreiben sie als Zustand erhöhter Wachsamkeit: Wer sich einsam fühlt, ist innerlich stärker auf Bedrohung eingestellt, schläft oft schlechter und steht unter mehr Anspannung. Sie beschreiben außerdem, dass Einsamkeit die Selbstregulation schwächen kann, also auch die Fähigkeit, Impulsen zu widerstehen.
Hinzu kommt der Alltag: Wer allein isst, isst oft nebenbei, vor dem Bildschirm, ohne festen Rahmen. Das Essen verliert seine Grenzen.
Was helfen kann
Das Gefühl erkennen
Vor dem Griff zum Essen kurz fragen: Bin ich hungrig, oder fehlt mir gerade jemand? Schon diese Unterscheidung verändert oft die Entscheidung.
Kleine Kontakte zählen
Eine Sprachnachricht, ein kurzer Anruf, ein Gespräch beim Bäcker. Kleine Kontakte ersetzen keine engen Beziehungen, können aber das Gefühl des Abgeschnittenseins mildern. Wer den ersten Schritt schwer findet, kann mit festen, kleinen Verabredungen beginnen.
Mahlzeiten einen Rahmen geben
Am Tisch essen, den Teller schön anrichten, das Handy weglegen. Wer für sich selbst deckt, behandelt sich wie einen Gast und nicht wie eine Nebensache.
Gemeinsam essen, wo es geht
Ein fester Termin mit Freunden, ein Kochkurs oder ein offener Mittagstisch im Viertel verbinden Essen wieder mit Menschen.
Wann Hilfe wichtig ist
Hält Einsamkeit lange an oder kommen Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit oder Essanfälle mit Kontrollverlust dazu, ist ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe sinnvoll. Für ein Gespräch, auch mitten in der Nacht, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar: in Deutschland unter 0800 111 0 111, in Österreich unter 142, in der Schweiz die Dargebotene Hand unter 143.
Hypnose kann begleitend helfen, Anspannung zu senken und gewohnte Essmuster zu lockern. Gegen die Einsamkeit selbst hilft am Ende vor allem Kontakt.
Mit dem Audio-Hypnose-Programm Abnehmen können Sie üben, Anspannung zu senken und gewohnte Essmuster zu lockern. Es ersetzt keine ausgewogene Ernährung und keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Warum esse ich mehr, wenn ich allein bin?
Allein fehlen der äußere Rahmen und die Ablenkung durch andere Menschen, zugleich ist das Bedürfnis nach Trost oft größer. Essen füllt dann eine Lücke, die eigentlich nach Kontakt verlangt.
Was ist Comfort Food?
So werden vertraute Speisen genannt, die Geborgenheit vermitteln, oft Gerichte aus der Kindheit. Forschung deutet darauf hin, dass ihre tröstende Wirkung mit Erinnerungen an nahe Menschen zusammenhängt.
Kann man Einsamkeit wegessen?
Für einen Moment kann Essen das Gefühl dämpfen, das Bedürfnis nach Verbundenheit bleibt jedoch bestehen. Auf Dauer helfen vor allem echte Kontakte, auch kleine und regelmäßige.
Wann sollte ich mir Hilfe holen?
Wenn Einsamkeit über Wochen anhält, die Stimmung stark gedrückt ist oder Essanfälle mit Kontrollverlust auftreten. Hausärztliche Praxen, Psychotherapie und die Telefonseelsorge (Deutschland 0800 111 0 111, Österreich 142, Schweiz 143) sind gute erste Anlaufstellen.
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Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- Troisi & Gabriel (2011): Chicken soup really is good for the soul: „Comfort food“ fulfills the need to belong, Psychological Science 22(6)
- Hawkley & Cacioppo (2010): Loneliness matters: a theoretical and empirical review of consequences and mechanisms, Annals of Behavioral Medicine 40(2)
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).