Warum gehen Borderliner fremd?
Ein Seitensprung trifft tief, und die Frage nach dem Warum lässt Angehörige oft nicht los. Die Hintergründe zu kennen, hilft beim Einordnen, ohne die Verletzung kleinzureden.
Die kurze Antwort
Nicht alle Menschen mit Borderline gehen fremd, und viele führen treue Beziehungen. Wenn es geschieht, stecken meist keine Gleichgültigkeit oder Berechnung dahinter, sondern Impulsivität, eine große Angst vor dem Verlassenwerden und ein quälendes Gefühl innerer Leere. Das erklärt den Vertrauensbruch, entschuldigt ihn aber nicht.
Was die Forschung sagt
Impulsives Verhalten in Bereichen, die einem selbst schaden können, gehört zu den Diagnosekriterien der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Sexualität wird dort neben Geldausgaben, Substanzkonsum oder riskantem Fahren ausdrücklich genannt. Eine Übersichtsarbeit von Sansone und Sansone fand bei Betroffenen im Durchschnitt mehr wechselnde Partnerschaften und mehr riskantes Sexualverhalten, aber auch deutlich häufiger Erfahrungen, selbst Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein. Durchschnittswerte sagen jedoch nichts über einen einzelnen Menschen aus.
Häufige Hintergründe
Impulsivität
Starke Gefühle schießen bei Borderline schnell hoch. In einem Moment von Kränkung, Wut oder Rausch fällt eine Entscheidung, die wenige Stunden später bereut wird. Die Fähigkeit, zwischen Impuls und Handlung eine Pause zu legen, ist in solchen Momenten stark eingeschränkt. Alkohol oder andere Substanzen senken diese Schwelle zusätzlich.
Angst vor dem Verlassenwerden
Paradoxerweise kann gerade die Angst, verlassen zu werden, zum Seitensprung führen. Wer überzeugt ist, ohnehin bald zurückgewiesen zu werden, sucht manchmal vorher Halt bei jemand anderem, oder kommt dem befürchteten Ende innerlich zuvor.
Innere Leere
Viele Betroffene beschreiben eine schwer auszuhaltende Leere. Neue Aufmerksamkeit, Bestätigung oder körperliche Nähe füllen sie für einen Moment. Danach folgen oft Scham und Schuldgefühle, die das Selbstbild weiter verschlechtern.
Ein instabiles Selbstbild
Wer sich selbst nur schwer als stabil und liebenswert erlebt, braucht oft Bestätigung von außen. Fühlt sich die Beziehung gerade kühl oder unsicher an, kann die Aufmerksamkeit eines anderen Menschen wie ein Beweis wirken, doch noch etwas wert zu sein. Mit Liebe zu einer anderen Person hat das häufig wenig zu tun.
Was das für Angehörige bedeutet
Ein Seitensprung verletzt, unabhängig von der Diagnose. Es ist legitim, Grenzen zu ziehen und eine Beziehung infrage zu stellen. Verständnis für die Hintergründe heißt nicht, alles hinzunehmen. Hilfreich sind klare Absprachen, die ruhig formuliert und konsequent gehalten werden, sowie eigene Unterstützung, etwa in einer Angehörigengruppe oder Beratung.
Was wirklich etwas verändert
Die S3-Leitlinie zur Borderline-Persönlichkeitsstörung empfiehlt spezielle, auf die Erkrankung zugeschnittene Psychotherapien. Darin wird gezielt geübt, Impulse zu bemerken, Gefühle zu regulieren und Beziehungen stabiler zu gestalten. Veränderung ist möglich, setzt aber die Bereitschaft des betroffenen Menschen voraus. Entspannungsverfahren wie Hypnose können innere Anspannung senken, ersetzen eine solche Therapie jedoch nicht.
Das Audio-Hypnose-Programm bei Borderline unterstützt dabei, innere Anspannung zu senken, begleitend zu einer störungsspezifischen Psychotherapie und nicht als Ersatz. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Gehen alle Borderliner fremd?
Nein. Viele Menschen mit Borderline führen treue Beziehungen. Untreue kommt im Durchschnitt häufiger vor, weil Impulsivität und Verlassensangst zur Erkrankung gehören, sie ist aber kein festes Merkmal und keine Zwangsläufigkeit.
Bereuen Borderliner einen Seitensprung?
Häufig ja. Nach dem impulsiven Moment folgen oft starke Scham, Schuldgefühle und Selbsthass. Das ändert nichts an der Verletzung des Partners, zeigt aber, dass die Tat meist nicht aus Gleichgültigkeit geschah.
Kann eine Beziehung nach dem Fremdgehen weitergehen?
Das ist möglich, wenn beide es wollen und die betroffene Person bereit ist, an ihren Mustern zu arbeiten, idealerweise in einer störungsspezifischen Therapie. Klare Absprachen und eigene Unterstützung für den Partner sind dabei wichtig.
Wie spreche ich das Thema an, ohne einen Streit auszulösen?
In einem ruhigen Moment, nicht direkt nach einem Konflikt, und in Ich-Botschaften: was man erlebt hat und was man braucht. Vorwürfe zur Diagnose verschärfen meist die Verlassensangst und führen eher zur Eskalation.
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Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- DGPPN: S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung, AWMF 038-015
- Sansone & Sansone (2011): Sexual behavior in borderline personality: a review, Innovations in Clinical Neuroscience 8(2)
- American Psychiatric Association (2013): Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, DSM-5
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).