Warum lügen Borderliner?
Belege, dass Menschen mit Borderline grundsätzlich mehr lügen, gibt es nicht. Was Angehörige als Lügen erleben, lässt sich aber oft gut erklären.
Die kurze Antwort
Viele Angehörige erleben, dass Menschen mit Borderline Dinge anders darstellen, als sie passiert sind, oder Aussagen später bestreiten. Belastbare Studien, dass Menschen mit Borderline grundsätzlich häufiger lügen als andere, gibt es nicht. Was wie Lügen wirkt, hat oft andere Ursachen: Scham, Angst vor Zurückweisung, ein schwankendes Selbstbild und eine Wahrnehmung, die unter starken Gefühlen tatsächlich verzerrt ist.
Wenn Gefühle die Erinnerung färben
In Momenten hoher Anspannung wird eine Situation emotional erlebt, nicht sachlich. Wer sich verlassen fühlt, erinnert ein Gespräch als kalt, auch wenn es freundlich war. Das ist keine bewusste Verdrehung. Die Person ist überzeugt, dass es so war. Für das Gegenüber fühlt es sich dennoch wie eine Lüge an.
Lücken unter Stress
Zu den Kriterien der Störung gehören vorübergehende Zustände, in denen sich Menschen unter Stress von sich selbst oder der Umgebung wie abgetrennt fühlen. In solchen Phasen können Erinnerungen lückenhaft sein. Später werden die Lücken gefüllt, manchmal mit einer Version, die nicht stimmt.
Schutz vor Scham und Zurückweisung
Menschen mit Borderline reagieren besonders empfindlich auf mögliche Ablehnung. Ein Fehler zuzugeben, kann sich anfühlen, als würde man dadurch verlassen. Eine Ausrede oder Beschönigung schützt kurzfristig vor diesem Gefühl. Diese Form des Lügens ist zutiefst menschlich, sie tritt bei Borderline nur oft unter größerem inneren Druck auf.
Ein schwankendes Selbstbild
Ein instabiles Bild von sich selbst gehört zum Kern der Störung. Wer sich heute als selbstbewusst und morgen als wertlos erlebt, erzählt auch die eigene Geschichte unterschiedlich. Für Außenstehende wirken die Widersprüche wie Unwahrheiten.
Wie Angehörige damit umgehen können
- Nicht im Streit klären: Wer in der Eskalation beweisen will, was wirklich gesagt wurde, verliert meist beide Gespräche.
- Bei sich bleiben: „Ich habe es anders erlebt“ ist hilfreicher als „Du lügst“.
- Wichtiges schriftlich festhalten: Bei Absprachen zu Geld, Kindern oder Terminen schafft eine kurze Nachricht Klarheit.
- Grenzen ziehen: Verständnis heißt nicht, Täuschungen hinzunehmen, die einem schaden.
Wenn es mehr ist als ein Missverständnis
Nicht jede Unwahrheit lässt sich mit Gefühlen erklären. Wenn über längere Zeit gezielt getäuscht wird, etwa bei Geld, Untreue oder Suchtmitteln, oder wenn Lügen eingesetzt werden, um andere zu kontrollieren, ist ein klarer Umgang wichtig. Verständnis für die Erkrankung bedeutet nicht, eigenen Schaden in Kauf zu nehmen. Beratungsstellen für Angehörige helfen, die Lage einzuschätzen und Grenzen festzulegen.
Was die Therapie dazu beiträgt
In der Dialektisch-Behavioralen Therapie und der Mentalisierungsbasierten Therapie lernen Betroffene, eigene Gefühle und die Sicht anderer besser auseinanderzuhalten. Das verringert auch die Missverständnisse, die von außen wie Lügen aussehen.
Bei Borderline ist Psychotherapie die Behandlung der Wahl. Das Audio-Hypnose-Programm kann ergänzend bei Anspannung und innerer Unruhe unterstützen. Es ersetzt keine Therapie. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
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Lügen Menschen mit Borderline mehr als andere?
Dafür gibt es keine belastbaren Studien. Was Angehörige als Lügen erleben, hängt oft mit verzerrter Wahrnehmung unter starken Gefühlen, Erinnerungslücken unter Stress und dem Schutz vor Scham zusammen.
Wissen Betroffene, dass ihre Darstellung nicht stimmt?
Nicht immer. Unter hoher Anspannung wird eine Situation emotional erinnert, und die Person ist von ihrer Version überzeugt. Bei bewussten Ausreden steht oft die Angst vor Zurückweisung dahinter.
Wie spreche ich Unwahrheiten an, ohne zu eskalieren?
In einem ruhigen Moment, mit Ich-Botschaften wie „Ich habe das anders erlebt“, und ohne Beweisführung. Wichtige Absprachen lassen sich schriftlich festhalten.
Kann Therapie daran etwas ändern?
Ja. Verfahren wie die Dialektisch-Behaviorale Therapie und die Mentalisierungsbasierte Therapie stärken die Fähigkeit, eigene Gefühle und die Sicht anderer zu unterscheiden. Das verringert Missverständnisse.
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Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- DGPPN: S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung, AWMF 038-015 (2022)
- Gunderson et al. (2018): Borderline personality disorder, Nature Reviews Disease Primers 4
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).