Warum bin ich so schüchtern?
Schüchternheit ist weit verbreitet und keine Krankheit. Sie hat Wurzeln im Temperament und in Erfahrungen, und sie lässt sich verändern.
Die kurze Antwort
Schüchternheit hat meist mehrere Wurzeln: ein angeborenes Temperament, das auf Neues vorsichtig reagiert, Erfahrungen, die diese Vorsicht bestätigt haben, und Gewohnheiten, die sie aufrechterhalten. Eine Krankheit ist sie nicht, sondern ein weit verbreiteter Wesenszug. In einer großen US-Befragung beschrieb sich etwa die Hälfte der Jugendlichen als schüchtern.
Das Temperament
Der Entwicklungspsychologe Jerome Kagan beobachtete Kleinkinder, die in unbekannten Situationen besonders zurückhaltend waren. Mit sieben Jahren war die Mehrheit von ihnen gegenüber fremden Kindern und Erwachsenen weiterhin still und zurückhaltend. Die zuvor sehr offenen Kinder waren dagegen meist gesprächig. Auch körperlich reagierten die zurückhaltenden Kinder anders auf Unbekanntes. Kagan vermutete eine angeborene, niedrigere Erregungsschwelle in Teilen des Gehirns, die Gefühle wie Angst mitsteuern.
Manche Menschen reagieren also von Anfang an stärker auf Neues. Das ist keine Schwäche, sondern eine Veranlagung. Sie legt aber nicht alles fest, denn nicht alle zurückhaltenden Kleinkinder blieben schüchtern.
Erfahrungen und Gewohnheiten
Zum Temperament kommen Erlebnisse: ein peinlicher Moment vor der Klasse, Hänseleien, ein Umfeld, in dem Zurückhaltung erwartet wurde. Wer sich daraufhin öfter zurückzieht, sammelt weniger gute Erfahrungen im Kontakt mit anderen. So kann sich die Unsicherheit über Jahre festigen, obwohl die ursprünglichen Anlässe längst vorbei sind.
Schüchtern heißt nicht ungesellig
Die Psychologen Jonathan Cheek und Arnold Buss zeigten, dass Schüchternheit und Geselligkeit zwei getrennte Eigenschaften sind. Schüchternheit meint Anspannung und Hemmung im Kontakt. Geselligkeit meint den Wunsch, mit anderen zusammen zu sein. Viele schüchterne Menschen möchten also durchaus Kontakt, sie fühlen sich dabei nur gehemmt. Diese Spannung zwischen Wollen und Sich-nicht-Trauen kennen viele Betroffene gut.
Schüchternheit oder soziale Phobie?
In der erwähnten US-Befragung erfüllten nur 12 Prozent der schüchternen Jugendlichen irgendwann die Kriterien einer sozialen Phobie. Der Unterschied liegt im Ausmaß: Bei der sozialen Phobie ist die Angst vor Bewertung so stark, dass Situationen gemieden werden und Schule, Beruf oder Beziehungen deutlich leiden. Wie sich eine soziale Phobie überwinden lässt, beschreibt ein eigener Beitrag.
Was hilft
Schüchternheit muss nicht verschwinden. Viele wünschen sich nur, freier zu handeln, obwohl sie aufgeregt sind. Dabei helfen kleine, regelmäßige Schritte: im Laden eine Frage stellen, in der Runde einen Satz beitragen, ein Gespräch einen Moment länger führen. Solche Erfahrungen zeigen oft, dass die befürchtete Ablehnung ausbleibt. Wichtig ist, diese Schritte regelmäßig zu gehen, statt auf den Tag zu warten, an dem die Aufregung von selbst verschwindet.
Bestimmt die Angst den Alltag, ist eine Verhaltenstherapie der richtige Weg. Entspannungsverfahren wie Hypnose können begleitend helfen, die Anspannung vor sozialen Situationen zu senken.
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Ist Schüchternheit angeboren?
Zum Teil. Studien von Jerome Kagan zeigen, dass manche Kinder schon früh besonders zurückhaltend auf Neues reagieren und dies oft beibehalten. Erfahrungen und Gewohnheiten prägen aber mit, ob und wie stark die Schüchternheit bleibt.
Ist Schüchternheit dasselbe wie Introversion?
Nein. Introvertierte Menschen brauchen eher Ruhe und kleinere Runden, fühlen sich im Kontakt aber nicht zwingend gehemmt. Schüchternheit meint dagegen Anspannung und Hemmung, auch wenn man eigentlich gern Kontakt hätte.
Kann man Schüchternheit ablegen?
Ganz verschwinden muss sie nicht. Mit kleinen, regelmäßigen Schritten in soziale Situationen lernen viele, trotz Aufregung freier zu handeln. Die Anspannung nimmt dadurch mit der Zeit oft ab.
Wann sollte man sich wegen Schüchternheit Hilfe holen?
Wenn die Angst dazu führt, dass wichtige Situationen gemieden werden und Schule, Beruf oder Beziehungen darunter leiden. Dann kann eine soziale Phobie vorliegen, die mit Verhaltenstherapie gut behandelbar ist.
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Quellen (Auswahl)
- Kagan, Reznick & Snidman (1988): Biological bases of childhood shyness, Science 240(4849)
- Cheek & Buss (1981): Shyness and sociability, Journal of Personality and Social Psychology 41(2)
- Burstein, Ameli-Grillon & Merikangas (2011): Shyness versus social phobia in US youth, Pediatrics 128(5)
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).