Warum werde ich rot, wenn ich angesprochen werde?
Nicht das Erröten ist das Problem, sondern die Angst davor. Diese Unterscheidung ist der Ansatzpunkt – und sie erklärt, warum Dagegenankämpfen nicht funktioniert.
Erröten ist eine Reaktion, keine Schwäche
Erröten entsteht, wenn sich die kleinen Blutgefäße im Gesicht weiten und mehr Blut durch die Haut fließt. Ausgelöst wird das vom sympathischen Nervensystem – also unwillkürlich. Es lässt sich ebenso wenig bewusst steuern wie die Pupillenweite.
Das Gesicht ist dafür besonders anfällig: Die Gefäße liegen dicht unter der Oberfläche, sind zahlreich und reagieren schneller als anderswo im Körper.
Warum gerade bei Aufmerksamkeit
Der typische Auslöser ist nicht Angst im engeren Sinn, sondern das Gefühl, im Mittelpunkt zu stehen. Angesprochen werden, vorgestellt werden, ein Kompliment bekommen – all das richtet Aufmerksamkeit auf die eigene Person.
Als Erklärung wird diskutiert, dass Erröten ein soziales Signal ist: Es zeigt anderen, dass man die Situation und die Regeln ernst nimmt. Untersuchungen deuten darauf hin, dass errötende Menschen von anderen eher positiver bewertet werden – als ehrlicher und sympathischer. Das steht in scharfem Gegensatz zu dem, was Betroffene befürchten.
Der Kreislauf, der es verstärkt
Hier liegt der eigentliche Punkt, und er ist zugleich der Ansatzpunkt:
- Man fürchtet zu erröten.
- Diese Sorge erhöht die Anspannung und richtet die Aufmerksamkeit auf das eigene Gesicht.
- Die erhöhte Anspannung macht das Erröten wahrscheinlicher und intensiver.
- Das Erröten bestätigt die Befürchtung – beim nächsten Mal ist die Sorge größer.
Nicht das Erröten selbst ist das Problem, sondern die Angst davor. Diese Angst kann sich bis zur Vermeidung von Gesprächen, Präsentationen oder Gruppen entwickeln – dann spricht man von Erythrophobie, einer Form der sozialen Angst.
Die Selbstwahrnehmung täuscht
Betroffene überschätzen, wie stark sie erröten und wie sehr andere es bemerken. In Untersuchungen mit Videoaufzeichnungen bewerten Betroffene ihr eigenes Erröten regelmäßig als deutlich auffälliger, als unbeteiligte Beobachter es tun.
Dieselbe Verzerrung betrifft die angenommene Bewertung: Die meisten Menschen registrieren Erröten kaum und ziehen daraus keine negativen Schlüsse.
Was hilft
Aufhören, es verhindern zu wollen
Der Versuch, das Erröten zu unterdrücken, erhöht die Anspannung und damit die Wahrscheinlichkeit. Die wirksamere Richtung ist, es zuzulassen – nicht als Resignation, sondern weil der Kampf dagegen der Treibstoff ist.
Die Aufmerksamkeit nach außen richten
Selbstbeobachtung verstärkt die Reaktion. Sich bewusst auf das Gegenüber zu konzentrieren – was sagt die Person, wie schaut sie – unterbricht die Innenschau. Das ist ein zentraler Baustein der Verhaltenstherapie bei sozialer Angst.
Sicherheitsverhalten abbauen
Rollkragen, Schminke, Haare ins Gesicht, Sitzplatz im Hintergrund, Blickkontakt vermeiden: Solche Strategien fühlen sich schützend an, halten die Angst aber aufrecht, weil die Erfahrung ausbleibt, dass es auch ohne sie geht.
Es aussprechen
Ein beiläufiges „Ich werde schnell rot, das ist bei mir so" nimmt der Situation die Spannung – und zwar sofort. Was benannt ist, muss nicht mehr verborgen werden.
Verhaltenstherapie
Bei ausgeprägter Angst vor dem Erröten ist die kognitive Verhaltenstherapie das Verfahren erster Wahl, mit guter Wirksamkeit. Eine operative Durchtrennung von Nervenbahnen wird wegen häufiger und teils gravierender Nebenwirkungen nur in Ausnahmefällen erwogen.
Wo Entspannungsverfahren ansetzen
An der Grundanspannung und an der Erwartungsangst vor sozialen Situationen. Sie ersetzen bei ausgeprägter sozialer Angst keine Psychotherapie, können sie aber begleiten.
Das Audio-Hypnose-Programm bei sozialer Angst setzt an Grundanspannung und Erwartungsangst an – begleitend zur Psychotherapie, die bei ausgeprägter sozialer Angst die Behandlung der Wahl ist. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
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Quellen (Auswahl)
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Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).