Night-Eating-Syndrom: Ursachen, Anzeichen und Therapie
Beim Night-Eating-Syndrom verschiebt sich das Essen in Abend und Nacht. Woran es sich zeigt, wie es sich von Essanfällen unterscheidet und welche Behandlung untersucht ist.
Die kurze Antwort
Das Night-Eating-Syndrom (NES) ist eine Essstörung, bei der sich ein großer Teil des Essens in den Abend und die Nacht verschiebt. Betroffene haben morgens oft keinen Appetit, essen nach dem Abendessen viel oder stehen nachts auf, um zu essen, und das bei vollem Bewusstsein. Es ist behandelbar: Erste Studien zeigen gute Ergebnisse für Verhaltenstherapie und für ein Antidepressivum.
Woran es sich erkennen lässt
Eine internationale Fachgruppe um Kelly Allison hat 2010 Kriterien vorgeschlagen. Im Kern steht eines dieser beiden Merkmale:
- mindestens ein Viertel der täglichen Nahrung wird nach dem Abendessen gegessen
- mindestens zweimal pro Woche nächtliches Aufwachen mit Essen
Hinzu kommen mindestens drei von fünf Zeichen: wenig Appetit am Morgen, ein starker Drang zu essen am Abend oder nachts, Ein- oder Durchschlafprobleme, die Überzeugung, ohne Essen nicht einschlafen zu können, und eine gedrückte Stimmung, die oft abends schlechter wird. Das Muster besteht seit mindestens drei Monaten und belastet.
Abgrenzung
Anders als bei Essanfällen geht es beim NES meist nicht um riesige Mengen auf einmal, sondern um eine verschobene Verteilung über den Tag. Von der schlafbezogenen Essstörung unterscheidet es sich dadurch, dass die Betroffenen wach sind und sich erinnern.
Wie häufig ist es?
In einer US-Befragung von 2.097 Erwachsenen erfüllten 1,5 Prozent die damaligen Kriterien. Bei Menschen mit starkem Übergewicht wird das Syndrom deutlich häufiger beobachtet. Es führt aber nicht bei allen Betroffenen zu Gewichtszunahme.
Ursachen
Fachleute verstehen das NES als Störung im Tagesrhythmus: Der Schlaf beginnt zur üblichen Zeit, die Mahlzeiten aber sind nach hinten verschoben. Diskutiert werden eine Beteiligung des Botenstoffs Serotonin, Stress und gedrückte Stimmung. Geklärt sind die Ursachen bislang nicht.
Behandlung
In einer kleinen, placebokontrollierten Studie mit 34 Betroffenen sprachen nach acht Wochen 71 Prozent auf das Antidepressivum Sertralin an, unter Placebo 18 Prozent. In einer Pilotstudie zur kognitiven Verhaltenstherapie mit zehn Sitzungen sank die Zahl nächtlicher Essepisoden von 8,7 auf 2,6 pro Woche. Beide Studien sind klein, zeigen aber, dass Hilfe möglich ist. Medikamente gehören in ärztliche Hand.
Was selbst helfen kann
- ein Protokoll über Essen, Schlaf und Stimmung führen
- morgens eine kleine Mahlzeit ausprobieren und tagsüber regelmäßig essen
- eine ruhige Abendroutine, nichts Essbares am Bett
Wer sich in den Kriterien wiedererkennt, sollte ärztlich oder psychotherapeutisch Rat suchen. Hypnose kann begleitend beim Entspannen am Abend unterstützen. Für das NES selbst ist sie nicht untersucht und ersetzt keine Behandlung.
Begleitend zu ärztlicher oder psychotherapeutischer Hilfe kann das Audio-Hypnose-Programm Abnehmen dabei unterstützen, abends zu entspannen und neue Gewohnheiten rund ums Essen zu üben. Eine Behandlung des Night-Eating-Syndroms ersetzt es nicht. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Ist das Night-Eating-Syndrom eine anerkannte Essstörung?
Das NES wird in Fachkreisen als eigenes Störungsbild beschrieben, für das 2010 Diagnosekriterien vorgeschlagen wurden. Im US-Diagnosehandbuch DSM-5 wird es als Beispiel für eine „andere näher bezeichnete Fütter- oder Essstörung“ genannt.
Wer behandelt das Night-Eating-Syndrom?
Erste Anlaufstelle kann die Hausarztpraxis sein, die bei Bedarf an Psychotherapie, Psychiatrie oder Schlafmedizin weitervermittelt. Untersucht sind vor allem kognitive Verhaltenstherapie und Sertralin.
Macht das Night-Eating-Syndrom dick?
Nicht zwangsläufig. Bei Menschen mit Übergewicht kommt es häufiger vor, aber nicht alle Betroffenen nehmen dadurch zu.
Kann man das Night-Eating-Syndrom selbst in den Griff bekommen?
Regelmäßige Mahlzeiten am Tag, ein Protokoll und eine ruhige Abendroutine können helfen. Bei deutlichem Leidensdruck, Schlafproblemen oder gedrückter Stimmung ist fachliche Unterstützung sinnvoll.
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Quellen (Auswahl)
- Allison et al. (2010): Proposed diagnostic criteria for night eating syndrome, International Journal of Eating Disorders 43(3)
- Rand, Macgregor & Stunkard (1997): The night eating syndrome in the general population and among postoperative obesity surgery patients, International Journal of Eating Disorders 22(1)
- O’Reardon et al. (2006): A randomized, placebo-controlled trial of sertraline in the treatment of night eating syndrome, American Journal of Psychiatry 163(5)
- Allison et al. (2010): Cognitive behavior therapy for night eating syndrome: a pilot study, American Journal of Psychotherapy 64(1)
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).