Hilft ein Hörgerät bei Tinnitus?
Bei Tinnitus mit Hörminderung oft ja: Die deutsche Leitlinie empfiehlt dann eine Hörgeräteversorgung. Ohne Hörverlust ist der Nutzen nicht belegt.
Die kurze Antwort
Wenn zum Tinnitus eine Schwerhörigkeit gehört, kann ein Hörgerät helfen, und die S3-Leitlinie zum chronischen Tinnitus empfiehlt es in diesem Fall ausdrücklich. Ohne nachweisbaren Hörverlust ist ein Hörgerät dagegen meist nicht die erste Wahl. Am Anfang steht deshalb immer ein genauer Hörtest. Manche Betroffene merken erst durch den Tinnitus, dass ihr Gehör nachgelassen hat.
Wann eine Hörminderung naheliegt
Typische Hinweise sind häufiges Nachfragen in Gesprächen, Mühe in lauter Umgebung, ein laut gestellter Fernseher oder das Gefühl, dass andere nuscheln. Fallen solche Zeichen zusammen mit einem Ohrgeräusch auf, lohnt sich ein Hörtest umso mehr. Bei hochgradiger Schwerhörigkeit kommt nach der Leitlinie auch ein Cochlea-Implantat in Betracht.
Warum ein Hörgerät das Ohrgeräusch beeinflussen kann
Chronischer Tinnitus geht häufig mit einer Hörminderung einher, oft in den hohen Tönen. Hört das Ohr weniger, tritt das Ohrgeräusch im Verhältnis stärker hervor. Ein Hörgerät bringt Alltagsgeräusche zurück, und der Tinnitus kann in den Hintergrund rücken.
Dazu kommt ein zweiter Effekt: Das angestrengte Hinhören in Gesprächen lässt nach. Viele erleben das als spürbare Entlastung.
Was die Studien sagen
Ein Cochrane-Review aus dem Jahr 2018 wertete acht Studien mit 590 Teilnehmenden zu Hörgeräten, Rauschgeräten und Kombinationsgeräten aus. Die Qualität der Belege war niedrig. Ein klarer Vorteil gegenüber Vergleichsgruppen ließ sich nicht nachweisen, und keine der Geräteformen war den anderen sicher überlegen.
Die Leitlinie empfiehlt Hörgeräte dennoch bei chronischem Tinnitus mit Hörverlust. Reine Rauschgeräte, sogenannte Noiser, empfiehlt sie bei chronischem Tinnitus dagegen nicht, auch nicht zusätzlich zum Hörgerät.
Worauf es bei der Versorgung ankommt
- Ein Hörtest in der HNO-Praxis, bei Bedarf auch in sehr hohen Tönen.
- Eine Anpassung in der Hörakustik, bei der der Tinnitus offen angesprochen wird.
- Geduld, denn das Gehirn braucht Zeit, um sich an neue Höreindrücke zu gewöhnen.
- Regelmäßiges Tragen über den Tag statt nur in Ausnahmesituationen.
Hörgerät und Umgang mit dem Geräusch
Ein Hörgerät macht den Tinnitus selten ganz still. Die stärkste Empfehlung der Leitlinie gilt verhaltenstherapeutischen Ansätzen, die den Umgang mit dem Ohrgeräusch verändern. Entspannungsverfahren wie Hypnose können begleitend helfen, Anspannung zu senken, ersetzen aber weder Hörgerät noch ärztliche Behandlung.
Vorher ärztlich abklären
Vor jeder Geräteversorgung sollte geklärt sein, ob eine behandelbare Ursache vorliegt. Auch Ohrenschmalz oder Flüssigkeit hinter dem Trommelfell können Hörminderung und Ohrgeräusch verursachen und lassen sich oft einfach behandeln. Rasch abklären lassen sollte man einen plötzlichen Hörverlust (Hörsturz), einen neuen einseitigen Tinnitus, Schwindel oder ein pulsierendes Geräusch im Takt des Herzschlags.
Das Audio-Hypnose-Programm bei Tinnitus setzt auf Entspannung und einen gelasseneren Umgang mit dem Ohrgeräusch, begleitend zur HNO-ärztlichen Behandlung. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Hilft ein Hörgerät auch ohne Hörverlust?
Bei normalem Gehör ist ein Nutzen nicht belegt. Manchmal zeigt aber ein erweiterter Hörtest eine Hörminderung in sehr hohen Tönen, dann kann eine Versorgung im Einzelfall sinnvoll sein.
Was ist der Unterschied zwischen Hörgerät und Noiser?
Ein Hörgerät verstärkt Umgebungsgeräusche und Sprache. Ein Noiser erzeugt ein gleichmäßiges Rauschen, das vom Ohrgeräusch ablenken soll, wird von der Leitlinie bei chronischem Tinnitus aber nicht empfohlen.
Wird der Tinnitus lauter, wenn das Hörgerät abends ab ist?
Viele bemerken das Ohrgeräusch ohne Gerät wieder deutlicher, weil die Umgebungsgeräusche fehlen. Das ist kein Zeichen einer Verschlechterung, sondern derselbe Effekt wie in jeder ruhigen Umgebung.
Wie lange dauert es, bis ein Hörgerät hilft?
Das ist individuell verschieden. Das Gehirn muss sich erst an die neuen Höreindrücke gewöhnen, deshalb lohnt es sich, das Gerät regelmäßig zu tragen und bei der Anpassung offen Rückmeldung zu geben.
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Quellen (Auswahl)
- DGHNO-KHC: S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus, AWMF 017-064
- Sereda et al. (2018): Sound therapy (using amplification devices and/or sound generators) for tinnitus, Cochrane Database of Systematic Reviews CD013094
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).