Warum ist eine Freundschaft mit Borderline so anstrengend?
Freundschaften mit einem Menschen mit Borderline sind oft besonders nah und besonders kräftezehrend. Das liegt selten an fehlender Zuneigung, sondern meist an starken Gefühlsschwankungen.
Die kurze Antwort
Freundschaften mit einem Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung kosten oft viel Kraft, weil die Beziehung stark schwankt. Auf Tage voller Nähe und Begeisterung können Kränkung, Vorwürfe oder Funkstille folgen. Hinzu kommen Krisen, in denen eine Freundin oder ein Freund plötzlich zur wichtigsten Stütze wird. Das ist kein Zeichen fehlender Zuneigung, sondern Ausdruck der Störung. Trotzdem darf es zu viel werden.
Woher die Anstrengung kommt
Alles oder nichts
Menschen mit Borderline erleben andere oft entweder als wunderbar oder als zutiefst enttäuschend. Eine kleine Absage kann das Bild kippen lassen. Für das Gegenüber fühlt sich das an wie ein Wechsel ohne Vorwarnung.
Hohe Empfindlichkeit für Zurückweisung
Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2019 zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Zurückweisungsempfindlichkeit und Borderline-Merkmalen. Eine verspätete Antwort oder ein Treffen mit anderen Freunden kann deshalb als Zurücksetzung erlebt werden.
Ungleich verteilte Last
Eine Netzwerkstudie mit 142 Teilnehmenden fand, dass Borderline mit weniger sozialer Unterstützung, häufigeren negativen Begegnungen und geringerer Einbindung einherging. Das kann dazu führen, dass viele Erwartungen auf wenigen engen Menschen ruhen. Wer zu diesem kleinen Kreis gehört, trägt viel.
Was eine Freundschaft entlasten kann
- Erreichbarkeit begrenzen: Nicht jede Nachricht braucht sofort eine Antwort. Feste Zeiten sind fairer als ständige Bereitschaft mit plötzlichem Rückzug.
- Gefühle anerkennen, Vorwürfe nicht übernehmen: „Ich verstehe, dass dich das verletzt hat“ ist kein Schuldeingeständnis.
- keine Therapie ersetzen: Zuhören ja, Behandlung nein. Zu professioneller Hilfe zu ermutigen ist ein echter Freundschaftsdienst.
- in ruhigen Momenten sprechen: Grenzen lassen sich besser klären, wenn gerade keine Krise läuft.
Die eigenen Gefühle ernst nehmen
Viele Freundinnen und Freunde schwanken zwischen Mitgefühl, Ärger und schlechtem Gewissen. Das ist verständlich und kein Zeichen von Kälte. Hilfreich ist, die eigenen Grenzen früh wahrzunehmen, statt sie erst zu bemerken, wenn nichts mehr geht. Ein ehrliches Gespräch darüber, was möglich ist und was nicht, schützt die Freundschaft oft besser als stilles Durchhalten.
Wann Abstand in Ordnung ist
Wenn die Freundschaft dauerhaft erschöpft, Schlaf und Stimmung leiden oder Drohungen zum Alltag gehören, ist Abstand legitim. Eine Pause oder ein Ende lässt sich ruhig und klar mitteilen, ohne Abrechnung. Äußerungen über Suizid sind immer ernst zu nehmen, die Verantwortung dafür gehört aber in professionelle Hände: Notruf 112, Telefonseelsorge 0800 111 0 111, in der Schweiz Die Dargebotene Hand 143.
Bei Borderline selbst empfiehlt die S3-Leitlinie vor allem störungsspezifische Psychotherapien. Für die Freundesseite können Gespräche mit Vertrauten, Beratung und Entspannungsverfahren wie Hypnose ergänzend helfen, die eigene Anspannung zu senken, nicht als Ersatz für professionelle Hilfe.
Für Borderline selbst ist störungsspezifische Psychotherapie die Behandlung der Wahl. Dieses Audio-Hypnose-Programm richtet sich auch an Freundinnen und Freunde selbst: Es kann helfen, die eigene Anspannung nach aufwühlenden Begegnungen zu senken. Es ersetzt keine Therapie. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Warum meldet sich die Freundin mit Borderline plötzlich nicht mehr?
Plötzliche Funkstille entsteht oft aus Kränkung, Scham oder Überforderung, nicht unbedingt aus Gleichgültigkeit. Eine kurze, ruhige Nachricht, dass die Tür offen bleibt, reicht meist aus.
Darf ich eine Freundschaft mit einem Borderliner beenden?
Ja. Freundschaft ist freiwillig, auch wenn eine Erkrankung im Spiel ist. Hilfreich ist ein klarer, respektvoller Abschluss ohne Schuldzuweisung.
Wie reagiere ich auf heftige Vorwürfe?
Ruhig bleiben, das Gefühl anerkennen und das Gespräch vertagen, wenn es eskaliert. Sachfragen lassen sich besser klären, wenn sich beide beruhigt haben.
Kann eine Freundschaft mit Borderline gut gehen?
Ja, viele Freundschaften halten, besonders wenn beide offen über Grenzen sprechen und die betroffene Person Unterstützung nutzt. Stabilität entsteht eher durch Verlässlichkeit als durch ständige Verfügbarkeit.
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Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- Beeney, Hallquist, Clifton, Lazarus & Pilkonis (2018): Social disadvantage and borderline personality disorder: a study of social networks, Personality Disorders: Theory, Research, and Treatment 9(1)
- Foxhall, Hamilton-Giachritsis & Button (2019): The link between rejection sensitivity and borderline personality disorder: a systematic review and meta-analysis, British Journal of Clinical Psychology 58(3)
- DGPPN: S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung, AWMF 038-015
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).