Meine Schwester hat Borderline: Was kann ich tun?
Geschwister stehen oft im Schatten der Krisen. Sie können viel geben, wenn sie gleichzeitig auf ihre eigenen Grenzen achten.
Die kurze Antwort
Wenn die Schwester eine Borderline-Persönlichkeitsstörung hat, hilft vor allem eine Mischung aus Verständnis und klaren Grenzen. Geschwister müssen weder Therapeutin noch Vermittler sein. Sie können verlässlich da sein, Gefühle ernst nehmen, ohne jedes Verhalten hinzunehmen, und zugleich ihr eigenes Leben schützen. Das gilt genauso für einen Bruder mit Borderline.
Die besondere Lage von Geschwistern
Viele Geschwister kennen das Gefühl, früh zurückgesteckt zu haben. Krisen, Streit und Sorgen um die Schwester bestimmten oft die Stimmung zu Hause. Manche wurden zur „Vernünftigen“, die nicht auch noch Probleme machen durfte, andere vermittelten zwischen Eltern und Schwester. Solche Rollen wirken im Erwachsenenalter häufig weiter.
Eine Übersichtsarbeit zu Angehörigen von Menschen mit Borderline beschreibt eine deutlich erhöhte Belastung, mit Trauer, Depressivität und Ängsten. Geschwister werden in der Forschung bislang selten gesondert betrachtet, ihre Erfahrungen sind deshalb schlechter beschrieben als die von Eltern oder Partnern.
Was im Umgang hilft
Gefühle anerkennen
Ein Satz wie „Ich merke, wie sehr dich das gerade aufwühlt“ nimmt oft Druck heraus. Anerkennen heißt nicht zustimmen. Sachfragen lassen sich später klären, wenn sich die Lage beruhigt hat.
Eigene Grenzen klar benennen
Etwa: „Wenn du mich anschreist, lege ich auf und rufe morgen zurück.“ Entscheidend ist, das dann ruhig und ohne Vorwürfe umzusetzen.
Nicht zwischen die Fronten geraten
Ob bei Streit mit den Eltern oder bei Vorwürfen gegen Dritte: Wer Botschaften weiterträgt, wird leicht selbst Teil des Konflikts. Hilfreich ist, auf das direkte Gespräch zwischen den Beteiligten zu verweisen.
Die Eltern unterstützen, nicht ersetzen
Wenn Eltern älter werden, wächst bei Geschwistern oft die Sorge, später allein zuständig zu sein. Es lohnt sich, das früh und offen in der Familie anzusprechen. Klare Absprachen, wer was übernehmen kann, schaffen Klarheit für alle.
Abstand und Krisen
Wenn Begegnungen immer wieder verletzen, ist auch weniger Kontakt oder eine Pause legitim. Ein Rückzug auf Zeit ist kein Verrat an der Familie. Äußerungen über Suizid oder Selbstverletzung sind immer ernst zu nehmen. Bei akuter Gefahr gilt der Notruf 112, die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) und Die Dargebotene Hand (143) sind rund um die Uhr erreichbar, auch für Angehörige.
Unterstützung für sich selbst
Angehörigengruppen und Familienprogramme können entlasten. Ein Beispiel ist Family Connections, ein zwölfwöchiges Programm auf Grundlage der Dialektisch-Behavioralen Therapie. In einer ersten Studie ohne Kontrollgruppe berichteten die Teilnehmenden danach weniger Belastung und Trauer. Auch eine eigene Beratung oder Psychotherapie kann helfen. Entspannungsverfahren wie Hypnose können ergänzend die eigene Anspannung senken, nicht als Ersatz für professionelle Hilfe.
Für Borderline selbst ist störungsspezifische Psychotherapie die Behandlung der Wahl. Dieses Audio-Hypnose-Programm richtet sich auch an Geschwister selbst: Es kann helfen, die eigene Daueranspannung zu senken und wieder Kraft zu tanken. Es ersetzt keine Therapie. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Ist es normal, wütend auf die eigene Schwester zu sein?
Ja. Wut, Traurigkeit und Schuld liegen bei Geschwistern oft eng beieinander. Diese Gefühle zu haben bedeutet nicht, die Schwester weniger zu lieben.
Soll ich den Kontakt zu meiner Schwester abbrechen?
Das hängt davon ab, wie sehr die Begegnungen belasten und ob Grenzen respektiert werden. Oft gibt es Zwischenwege wie seltenere, kürzere oder klar geregelte Kontakte.
Kann ich meine Schwester zu einer Therapie bewegen?
Zwingen lässt sich eine erwachsene Person außer bei akuter Gefahr nicht. Ermutigen, Informationen geben und Hilfe bei der Suche nach einem Therapieplatz anbieten ist aber möglich und oft hilfreich.
Wo finden Geschwister Unterstützung?
In Angehörigengruppen, bei Beratungsstellen für psychische Gesundheit und in einer eigenen Psychotherapie. Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen bietet zudem Beratung für Angehörige an.
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Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- Bailey & Grenyer (2013): Burden and support needs of carers of persons with borderline personality disorder: a systematic review, Harvard Review of Psychiatry 21(5)
- Hoffman et al. (2005): Family connections: a program for relatives of persons with borderline personality disorder, Family Process 44(2)
- DGPPN: S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung, AWMF 038-015
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).