Kollege mit Borderline: Wie umgehen mit schwierigem Verhalten am Arbeitsplatz?
Ob ein Kollege Borderline hat, weiß man meist nicht. Für den Umgang zählt das Verhalten: sachliche Sprache, schriftliche Absprachen und klare Grenzen, bei anhaltender Belastung Führungskraft und Betriebsrat.
Die kurze Antwort
Ob ein Kollege oder eine Kollegin wirklich Borderline hat, weiß man meist nicht, und für den Umgang spielt es kaum eine Rolle. Entscheidend ist das Verhalten: Bei heftigen Gefühlsausbrüchen, starker Kränkbarkeit oder wechselnder Nähe helfen sachliche Sprache, klare Absprachen und schriftliche Vereinbarungen. Wird die Belastung zu groß, sind Führungskraft und Betriebsrat die richtigen Stellen, nicht Gespräche im Flur.
Warum Vermutungen nicht weiterhelfen
Viele Menschen mit Borderline sprechen am Arbeitsplatz nicht über ihre Diagnose. Eine Übersichtsarbeit von Larcombe und Müller (2022) fand, dass Betroffene ihre Erkrankung häufig verschweigen und sich selbst stigmatisieren. Wer im Team über eine „Borderline-Kollegin“ spekuliert, trifft womöglich jemanden ohne Diagnose oder verstärkt das Stigma. Hilfreicher ist, beim konkreten Verhalten zu bleiben.
Warum kleine Anlässe große Reaktionen auslösen
Bei Borderline ist die Empfindlichkeit für Zurückweisung deutlich erhöht, das zeigt eine Meta-Analyse von Foxhall und Kolleginnen (2019) mit 31 Studien. Eine knappe Mail, Kritik im Meeting oder eine fehlende Einladung kann dann wie persönliche Ablehnung wirken. Das erklärt manche Reaktion, entschuldigt aber keine Beleidigungen oder Übergriffe.
Wer sich Sorgen um die Kollegin macht, darf das zeigen. Ein kurzes „Du wirkst gerade sehr unter Druck, kann ich etwas tun?“ ist oft besser als Schweigen. Mehr als dieses Angebot ist nicht Aufgabe von Kolleginnen und Kollegen, Beratung und Behandlung gehören in fachliche Hände.
Was im Arbeitsalltag hilft
- Sachlich und freundlich bleiben: Kurze, klare Sätze, kein Sarkasmus. Kritik unter vier Augen und an einem konkreten Beispiel.
- Absprachen schriftlich festhalten: Zuständigkeiten und Termine per Mail bestätigen. Das schützt beide Seiten vor Missverständnissen.
- Nicht zur Vertrauensperson werden: Mitgefühl ja, aber keine Rolle als Dauertröster oder Verbündeter gegen andere im Team.
- Grenzen ruhig benennen: „In diesem Ton rede ich nicht weiter, lass uns später sprechen.“ Dann das Gespräch tatsächlich unterbrechen.
- Vorfälle notieren: Datum, Situation und Wortlaut helfen, falls ein Gespräch mit der Führungskraft nötig wird.
- Auf die eigene Gesundheit achten: Wer nach Konflikten schlecht schläft oder morgens mit Bauchschmerzen zur Arbeit geht, sollte das ernst nehmen und ärztlich besprechen.
Wann Führungskraft und Betriebsrat ins Spiel kommen
In Deutschland darf sich jeder Beschäftigte nach § 84 Betriebsverfassungsgesetz beschweren, wenn er sich von Kolleginnen oder Kollegen benachteiligt oder beeinträchtigt fühlt, und dabei ein Betriebsratsmitglied hinzuziehen. Nachteile wegen der Beschwerde sind verboten. Bei Drohungen oder Hinweisen auf Selbstgefährdung gilt: Notruf 112, TelefonSeelsorge 0800 111 0 111 (DE), Dargebotene Hand 143 (CH). Wie man in einer akuten Eskalation ruhig bleibt, beschreibt Was tun, wenn ein Borderliner ausrastet?.
Das Audio-Programm bei Stress richtet sich an die eigene Anspannung im Arbeitsalltag, nicht an das Verhalten des Kollegen: aufeinander aufbauende Hypnosen à 75 Minuten für zu Hause, sofort nach dem Kauf verfügbar, von Ingo Michael Simon geschrieben und professionell eingesprochen, ohne KI. Am meisten Spielraum bietet das Jahresabo mit allen 115 Programmen, etwa zusammen mit Schlafstörungen und Selbstwertgefühl. Begleitend gedacht, für Konflikte am Arbeitsplatz wissenschaftlich nicht belegt und kein Ersatz für Beratung, ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.
Häufige Fragen
Soll ich die Kollegin darauf ansprechen, dass sie vielleicht Borderline hat?
Nein, eine vermutete Diagnose gehört nicht ins Gespräch unter Kollegen. Sie kann verletzen und ist womöglich falsch. Ansprechen lässt sich das konkrete Verhalten, etwa: „Gestern im Meeting bist du laut geworden, das hat mich getroffen.“
Der Kollege lobt mich erst überschwänglich und wertet mich dann vor dem Team ab. Was tun?
Solche Wechsel lassen sich nicht wegdiskutieren. Hilfreich ist, sich weder vom Lob noch von der Abwertung leiten zu lassen, Arbeitsergebnisse sachlich zu dokumentieren und Abwertungen vor anderen ruhig richtigzustellen. Hält das an, gehört das Thema zur Führungskraft.
Ich bin Führungskraft. Wie spreche ich schwieriges Verhalten im Team an?
Das Gespräch sollte sich auf beobachtbares Verhalten und seine Folgen für die Arbeit beziehen, nicht auf vermutete Diagnosen. Klare Erwartungen, ein fester Folgetermin und der Hinweis auf Angebote wie den betriebsärztlichen Dienst oder eine externe Mitarbeiterberatung sind sinnvoll.
Was tun, wenn ein Kollege mir von Suizidgedanken erzählt?
Das ist immer ernst zu nehmen. Zuhören, offen nachfragen und gemeinsam Hilfe holen, etwa über die TelefonSeelsorge 0800 111 0 111 oder die Hausarztpraxis, bei akuter Gefahr über den Notruf 112. Danach darf man sich selbst Unterstützung holen, zum Beispiel bei einer Beratungsstelle.
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Quellen (Auswahl)
- Larcombe & Müller (2022): The relationship between borderline personality disorder and occupational participation: an integrative review, International Journal of Mental Health Nursing 31(5) Quelle lesen →
- Foxhall, Hamilton-Giachritsis & Button (2019): The link between rejection sensitivity and borderline personality disorder: a systematic review and meta-analysis, British Journal of Clinical Psychology 58(3) Quelle lesen →
- Bundesministerium der Justiz: Betriebsverfassungsgesetz, § 84 Beschwerderecht Quelle lesen →
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).