Borderline trotz guter Kindheit: Wie kann das sein?
Überall lesen Sie, Borderline komme von einer schweren Kindheit. Aber Ihre war doch gut? Warum Borderline auch bei liebevollen Eltern entstehen kann und was das für Sie und Ihre Behandlung bedeutet.
Borderline trotz guter Kindheit: Die kurze Antwort
Borderline trotz guter Kindheit ist möglich. Eine Borderline-Störung entsteht nicht durch eine einzige Ursache, sondern durch ein Zusammenspiel aus angeborener Empfindlichkeit, Erfahrungen und Umwelt. Viele Betroffene haben schwere Belastungen erlebt, aber nicht alle. Auch eine liebevolle Familie kann ein sehr empfindsames Kind unbeabsichtigt überfordern, und manches wirkt erst später.
Warum diese Frage so viele Betroffene beschäftigt
Wer die Diagnose Borderline bekommt oder sich darin wiedererkennt, liest oft, dass Traumata in der Kindheit die Ursache seien. Für Menschen, die sich an eine sichere, warme Kindheit erinnern, ist das verwirrend. Manche zweifeln dann an der Diagnose, andere an ihrer Erinnerung, wieder andere fühlen sich schuldig gegenüber ihren Eltern. Die gute Nachricht ist: Sie müssen in Ihrer Kindheit keinen Schuldigen finden, um Borderline zu verstehen und gut behandeln zu lassen.
Was die Forschung über die Ursachen weiß
Viele Menschen mit Borderline berichten von belastenden Erfahrungen in der Kindheit, etwa Gewalt, Vernachlässigung oder sexuellen Übergriffen. Zanarini und Kollegen (1997) fanden solche Erfahrungen bei Borderline-Patientinnen und -Patienten deutlich häufiger als in Vergleichsgruppen. Aber eben nicht bei allen. Belastungen erhöhen das Risiko, sie sind keine Voraussetzung.
Ein wichtiger Teil liegt in der Veranlagung. Zwillingsstudien zeigen, dass Gene einen erheblichen Anteil an Borderline-Merkmalen haben. In einer großen Studie mit Zwillingen aus den Niederlanden, Belgien und Australien lag dieser Anteil bei etwa 42 Prozent (Distel und Kollegen, 2008), eine norwegische Zwillingsstudie kam auf einen noch höheren Wert (Torgersen und Kollegen, 2000). Vererbt wird dabei nicht die Störung selbst, sondern eher eine Neigung: starke Gefühle, schnelle Reaktionen, langsames Abklingen.
Das biosoziale Modell: Temperament trifft Umwelt
Die Psychologin Marsha Linehan, die die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) entwickelt hat, beschreibt Borderline als Ergebnis von zwei Seiten (Crowell, Beauchaine und Linehan, 2009):
- Eine biologische Empfindlichkeit: Manche Kinder fühlen von Geburt an intensiver, reagieren stärker und brauchen länger, um sich zu beruhigen. Oft kommt Impulsivität dazu.
- Eine Umwelt, die nicht gut passt: Wenn die Gefühle des Kindes nicht verstanden oder ernst genommen werden, lernt es nicht, sie zu benennen und zu regulieren. Fachleute nennen das „invalidierend“.
Wichtig: Eine invalidierende Umwelt muss keine böse Umwelt sein. Es kann reichen, dass ein sehr gefühlsstarkes Kind in einer ruhigen, sachlichen Familie aufwächst, in der Gefühle wenig Raum haben. Oder dass Eltern liebevoll waren, aber mit eigenen Sorgen, Krankheit, Trennung oder Geschwistern sehr beansprucht. Das Kind spürt dann: Meine Gefühle sind zu viel. Niemand hat absichtlich etwas falsch gemacht, und trotzdem passte es nicht.
Woran sich Borderline zeigt
Typisch für eine Borderline-Persönlichkeitsstörung sind starke, schnell wechselnde Gefühle, eine große Angst vor dem Verlassenwerden, instabile Beziehungen zwischen Idealisierung und Enttäuschung, ein unsicheres Selbstbild, Impulsivität, chronische innere Leere, heftige Wut und manchmal Selbstverletzung oder Gedanken an Suizid. Unter starkem Stress können auch Gefühle von Unwirklichkeit auftreten. Nicht jeder Mensch mit starken Gefühlen hat Borderline. Für eine Diagnose müssen mehrere dieser Merkmale über lange Zeit und in vielen Lebensbereichen bestehen.
Was „gute Kindheit“ alles bedeuten kann
Viele Betroffene erzählen, dass zu Hause „eigentlich alles in Ordnung“ war. Beim genaueren Hinschauen tauchen manchmal Erfahrungen auf, die damals normal wirkten:
- Gefühle wie Wut oder Traurigkeit wurden schnell beschwichtigt oder ignoriert.
- Es gab viel Lob für Leistung, aber wenig Raum für Schwäche.
- Ein Elternteil war körperlich da, aber emotional schwer erreichbar.
- Mobbing in der Schule, ein Verlust oder eine Krankheit wurden nie richtig besprochen.
- Belastende Erfahrungen gab es erst in der Jugend oder in der ersten Beziehung.
Das bedeutet nicht, dass Ihre Erinnerung an eine gute Kindheit falsch ist. Beides kann gleichzeitig stimmen: Sie wurden geliebt, und trotzdem fehlte etwas, das Sie gebraucht hätten.
Wenn später etwas dazukommt
Borderline-Merkmale zeigen sich meist in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter. In dieser Zeit kommen viele Belastungen zusammen: erste Beziehungen und Trennungen, Druck in Schule oder Ausbildung, Konflikte, manchmal Drogen oder Alkohol. Bei Menschen mit einer empfindlichen Veranlagung können solche Erfahrungen eine größere Rolle spielen als die frühe Kindheit. Welche Situationen heute Gefühle besonders stark anstoßen, lesen Sie unter Was triggert Borderliner?
Warum die Ursache für die Behandlung weniger wichtig ist
Es kann sehr entlastend sein, zu verstehen, woher die eigenen Muster kommen. Für die Behandlung ist die genaue Ursache aber weniger entscheidend, als viele denken. Die S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung empfiehlt störungsspezifische Psychotherapien wie DBT, Mentalisierungsbasierte Therapie oder Schematherapie. Sie setzen vor allem an dem an, was heute passiert: Gefühle wahrnehmen, Anspannung regulieren, Beziehungen stabiler gestalten. Diese Fähigkeiten lassen sich lernen, unabhängig davon, wie die Kindheit war. Hilfreiche Werkzeuge für den Alltag finden Sie unter Welche Skills helfen bei Borderline?
Schuldgefühle gegenüber den Eltern
Manche Betroffene haben Angst, ihre Eltern mit der Diagnose zu verletzen, als würden sie ihnen damit etwas vorwerfen. Das ist nicht der Fall. Wenn Sie möchten, können Sie Ihren Eltern erklären, dass Borderline aus vielen Faktoren entsteht und dass Sie sich Verständnis wünschen, keine Schuldzuweisung. Viele Kliniken und Beratungsstellen bieten auch Angebote für Angehörige an.
Wann Sie sich Hilfe holen sollten
Wenn Sie sich in Borderline-Merkmalen wiedererkennen, lassen Sie das von einer Fachperson abklären, etwa in einer psychotherapeutischen Sprechstunde oder einer psychiatrischen Ambulanz. Wie eine Abklärung abläuft, beschreibt Bin ich Borderliner? Bei Gedanken an Selbstverletzung oder Suizid holen Sie sich sofort Hilfe: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, oder den Notruf 112.
Wo ein Audio-Programm ergänzen kann
In stabilen Phasen kann eine regelmäßige Entspannungsübung helfen, die Grundanspannung etwas zu senken. In akuter Hochanspannung sind Skills die bessere Wahl. Das Audio-Hypnose-Programm bei Borderline läuft online im Browser, ist als Begleitung zu einer Psychotherapie gedacht und ersetzt keine Behandlung.
Das Audio-Hypnose-Programm bei Borderline ist für stabile Phasen gedacht und begleitet eine störungsspezifische Psychotherapie. In akuter Hochanspannung ist es nicht geeignet, dann helfen Skills. Es ersetzt keine Behandlung. Einzeln oder im Jahresabo, online im Browser.
Häufige Fragen
Kann man Borderline haben, obwohl man eine gute Kindheit hatte?
Ja. Borderline entsteht aus einem Zusammenspiel von Veranlagung, Erfahrungen und Umwelt. Viele Betroffene haben schwere Belastungen erlebt, aber nicht alle. Eine angeborene starke Gefühlsempfindlichkeit und spätere Belastungen in Jugend oder Beziehungen können ebenfalls eine große Rolle spielen.
Ist Borderline vererbbar?
Vererbt wird nicht die Störung selbst, sondern eher eine Neigung zu starken Gefühlen und Impulsivität. Zwillingsstudien schätzen den Anteil der Gene an Borderline-Merkmalen auf etwa 40 Prozent oder mehr. Ob sich daraus eine Störung entwickelt, hängt auch von Erfahrungen und Umwelt ab.
Sind meine Eltern schuld an meinem Borderline?
Nein, so einfach ist es nicht. Auch liebevolle Eltern können mit einem sehr empfindsamen Kind überfordert sein, ohne etwas absichtlich falsch zu machen. Für die Behandlung ist die Frage nach Schuld weniger wichtig als das Lernen neuer Fähigkeiten im Umgang mit Gefühlen.
Kann Borderline auch erst im Erwachsenenalter entstehen?
Die Merkmale zeigen sich meist in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter. Manchmal werden sie erst durch Belastungen wie Trennungen, Verluste oder Überforderung deutlich. Eine fachliche Abklärung hilft, die Beschwerden einzuordnen.
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Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- Crowell, Beauchaine & Linehan (2009): A biosocial developmental model of borderline personality: Elaborating and extending Linehan's theory, Psychological Bulletin 135(3), 495-510 Quelle lesen →
- Distel, Trull, Derom et al. (2008): Heritability of borderline personality disorder features is similar across three countries, Psychological Medicine 38(9), 1219-1229 Quelle lesen →
- Torgersen, Lygren, Øien et al. (2000): A twin study of personality disorders, Comprehensive Psychiatry 41(6), 416-425 Quelle lesen →
- Zanarini, Williams, Lewis et al. (1997): Reported pathological childhood experiences associated with the development of borderline personality disorder, American Journal of Psychiatry 154(8), 1101-1106 Quelle lesen →
- DGPPN u. a. (2022): S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung, AWMF-Register 038-015 Quelle lesen →
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wenden Sie sich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).