Bipolarer Partner zieht sich zurück: Was tun?
Wenn ein bipolarer Partner verstummt, steckt meist eine depressive Phase dahinter und keine Entscheidung gegen die Beziehung. Was jetzt hilft und wo die eigene Grenze liegt.
Rückzug ist meist ein Zeichen der Krankheitsphase
Zieht sich ein Partner mit bipolarer Störung zurück, antwortet kaum noch oder wirkt gleichgültig, steckt häufig eine depressive Phase dahinter und keine Entscheidung gegen die Beziehung. Hilfreich ist, Kontakt anzubieten, ohne zu drängen, auf Warnzeichen zu achten und die eigene Belastung nicht zu übergehen.
Die Depression ist oft die längere Seite der Erkrankung
Viele verbinden die bipolare Störung vor allem mit der Manie. Im Langzeitverlauf überwiegt aber oft die andere Seite: In einer amerikanischen Verlaufsstudie über durchschnittlich knapp 13 Jahre hatten Menschen mit Bipolar-I-Störung in rund 32 Prozent der Wochen depressive Symptome, in knapp 9 Prozent manische oder hypomanische. Rückzug ist deshalb für viele Paare eine vertraute Erfahrung.
Warum der Partner schweigt oder ignoriert
Antrieb und Energie fehlen
In der Depression kostet schon eine kurze Nachricht Kraft. Was von außen wie Ignorieren aussieht, ist oft Erschöpfung. Auch Freude und Zuneigung lassen sich in dieser Zeit schwer spüren, obwohl die Bindung weiter besteht.
Scham nach einer Manie
Folgt die Depression auf eine manische Phase, können Scham und Schuld hinzukommen: über Worte, Ausgaben oder Entscheidungen aus der Hochphase. Rückzug ist dann manchmal auch ein Versuch, nicht noch mehr Schaden anzurichten.
Schutz vor Reizen
Gespräche, Fragen und Erwartungen können sich überwältigend anfühlen. Stille ist dann eher Selbstschutz als Ablehnung.
Was jetzt hilft
- Kontakt anbieten statt einfordern: kurze, freundliche Nachrichten ohne Antwortpflicht, etwa „Ich bin da, wenn du magst“.
- Kleine Schritte: eine gemeinsame Mahlzeit, ein kurzer Spaziergang, regelmäßige Schlafzeiten.
- Behandlung unterstützen: ermutigen, die behandelnde Praxis zu informieren. Ein vereinbarter Krisenplan gilt auch für depressive Phasen.
- Nicht alles schlucken: Verletzungen dürfen später, in einer stabilen Phase, ruhig angesprochen werden.
Wann sofort Hilfe nötig ist
Spricht der Partner von Hoffnungslosigkeit, davon, nicht mehr leben zu wollen, oder ordnet er auffällig seine Angelegenheiten, ist sofort Hilfe nötig. Die Gedanken offen ansprechen, die behandelnde Praxis einschalten und bei akuter Gefahr den Notruf 112 wählen, in der Schweiz 144. Rund um die Uhr erreichbar: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 (Deutschland), Die Dargebotene Hand 143 (Schweiz).
Die eigene Last ernst nehmen
Eine Studie mit 500 Angehörigen fand, dass depressive Episoden der Erkrankten mit einer größeren Belastung der Angehörigen einhergingen, Phasen gehobener Stimmung dagegen nicht. Erschöpfung, Grübeln und innere Unruhe sind also verständlich. Austausch in Angehörigengruppen, eigene Freiräume und Entspannungsverfahren wie Hypnose können helfen, selbst stabil zu bleiben. Um Rückzug bei einer Depression ohne manische Phasen geht es im Beitrag Depressiver Partner zieht sich zurück.
Auch Angehörige brauchen Erholung. Das Audio-Hypnose-Programm bei bipolarer Störung setzt auf Entspannung und einen ruhigeren Umgang mit Stress, Erschöpfung und innerer Unruhe. Es behandelt keine bipolare Störung und ersetzt keine ärztliche Behandlung. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Warum ignoriert mich mein bipolarer Partner?
Meist steckt eine depressive Phase dahinter, in der Antrieb und Energie fehlen. Schweigen ist dann eher Erschöpfung oder Selbstschutz als eine Ablehnung der Beziehung.
Soll ich einem bipolaren Partner Raum geben?
Ja, aber ohne den Kontakt ganz abreißen zu lassen. Kurze Zeichen der Verbundenheit ohne Antwortpflicht helfen meist mehr als lange Gespräche oder völlige Funkstille.
Wie lange dauert der Rückzug in der Depression?
Das hängt von der Dauer der depressiven Phase und von der Behandlung ab. Eine verlässliche Einschätzung im Einzelfall kann nur die behandelnde Praxis geben.
Wann muss ich Hilfe holen?
Sofort, wenn der Partner von Suizid spricht, hoffnungslos wirkt oder Abschied zu nehmen scheint. Bei akuter Gefahr gilt der Notruf 112, die Telefonseelsorge ist unter 0800 111 0 111 erreichbar.
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Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- Judd et al. (2002): The long-term natural history of the weekly symptomatic status of bipolar I disorder, Archives of General Psychiatry 59(6)
- Ostacher et al. (2008): Correlates of subjective and objective burden among caregivers of patients with bipolar disorder, Acta Psychiatrica Scandinavica 118(1)
- DGBS & DGPPN: S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen, AWMF 038-019
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).