Warum werden Schmerzen chronisch?
Chronischer Schmerz ist mehr als ein Akutschmerz, der zu lange dauert. Nervensystem, Verhalten und Lebensumstände wirken zusammen, und genau dort setzt die Behandlung an.
Wenn der Schmerz seine Warnfunktion verliert
Akuter Schmerz schützt: Er meldet eine Verletzung und klingt ab, wenn sie heilt. Als chronisch gilt Schmerz, wenn er länger als drei Monate anhält oder immer wiederkehrt. Dann liegt die Ursache oft nicht mehr allein im Gewebe, sondern zunehmend darin, wie Nervensystem, Gedanken und Verhalten mit dem Schmerz umgehen. Mehrere Mechanismen greifen dabei ineinander.
Für die internationale Klassifikation ICD-11 hat die Internationale Schmerzgesellschaft IASP chronischen Schmerz neu eingeordnet. Sie unterscheidet Schmerz als Folge einer anderen Erkrankung von chronischem primärem Schmerz, bei dem der Schmerz selbst als Erkrankung gilt.
Das Nervensystem wird empfindlicher
Anhaltende Schmerzsignale können Nervenzellen in Rückenmark und Gehirn dauerhaft erregbarer machen. Fachleute sprechen von zentraler Sensibilisierung, umgangssprachlich vom Schmerzgedächtnis. Reize, die früher kaum auffielen, tun dann weh, und der Schmerz kann sich auf größere Bereiche ausbreiten. Beschrieben ist dieser Mechanismus bei verschiedenen Beschwerden, etwa bei Fibromyalgie oder bestimmten Muskel- und Gelenkschmerzen.
Angst und Schonung als Kreislauf
Das Angst-Vermeidungs-Modell der Psychologen Johan Vlaeyen und Steven Linton beschreibt einen zweiten Weg. Am Anfang steht oft Katastrophisieren, also Gedanken wie „Da ist bestimmt etwas kaputt“ oder „Das wird nie wieder gut“. Wer Schmerz so als Zeichen einer ernsten Schädigung deutet, bekommt Angst vor Bewegung und schont sich. Die Muskulatur baut ab, die Aufmerksamkeit richtet sich immer stärker auf den Körper, Aktivitäten fallen weg. Das verstärkt Schmerz und Beeinträchtigung.
Wer den Schmerz dagegen als unangenehm, aber ungefährlich einordnet, bleibt eher aktiv. Nach dem Modell ist das der Weg, auf dem sich viele Menschen erholen.
Körper, Psyche und Umfeld
Chronischer Schmerz lässt sich deshalb selten auf eine einzige Ursache zurückführen. Das biopsychosoziale Modell beschreibt, wie körperliche Faktoren, seelische Belastungen wie Niedergeschlagenheit oder Dauerstress und soziale Umstände wie Konflikte am Arbeitsplatz zusammenwirken. Das bedeutet nicht, dass der Schmerz eingebildet ist. Er ist real, wird aber von mehreren Seiten verstärkt oder gelindert.
Was hilft
Weil mehrere Ebenen beteiligt sind, setzt die multimodale Schmerztherapie auf mehreren gleichzeitig an: ärztliche Behandlung, aktivierende Bewegungstherapie und psychologische Schmerzbewältigung, abgestimmt in einem Team. Eine Cochrane-Übersicht mit 41 Studien zu chronischen Rückenschmerzen fand, dass solche Programme Schmerz und Beeinträchtigung stärker verringerten als die übliche Versorgung, wenn auch in moderatem Ausmaß.
Entspannungsverfahren wie Hypnose können helfen, Anspannung und die Aufmerksamkeit auf den Schmerz zu verringern, als Ergänzung, nicht als Ersatz für eine ärztliche Behandlung.
Wann ärztlich abklären
Neue Schmerzen mit Fieber, ungewolltem Gewichtsverlust, Lähmungen, Taubheitsgefühlen oder Störungen beim Wasserlassen gehören umgehend in ärztliche Hände.
Das Audio-Hypnose-Programm bei chronischen Schmerzen setzt auf Tiefenentspannung und einen veränderten Umgang mit dem Schmerz, ergänzend zur ärztlichen und multimodalen Behandlung. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
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Ab wann gelten Schmerzen als chronisch?
Nach der internationalen Einteilung gelten Schmerzen als chronisch, wenn sie länger als drei Monate anhalten oder immer wiederkehren. Entscheidend ist aber nicht nur die Dauer, sondern auch, wie stark sie den Alltag bestimmen.
Gibt es ein Schmerzgedächtnis?
Umgangssprachlich ja. Gemeint ist die zentrale Sensibilisierung: Nervenzellen in Rückenmark und Gehirn werden durch anhaltende Schmerzsignale empfindlicher und verstärken Reize. Das Nervensystem bleibt dabei veränderbar, genau darauf setzt die Behandlung.
Sind chronische Schmerzen psychisch bedingt?
Sie sind echt und nicht eingebildet. Seelische Faktoren wie Angst, Niedergeschlagenheit oder Dauerstress können sie aber verstärken und aufrechterhalten. Deshalb bezieht eine gute Behandlung Körper und Psyche mit ein.
Ist Schonung bei anhaltenden Schmerzen sinnvoll?
Bei frischen Verletzungen kurzzeitig, auf Dauer eher nicht. Anhaltende Schonung kann Muskeln schwächen und die Angst vor Bewegung verstärken. Günstiger ist meist dosierte, schrittweise gesteigerte Aktivität, am besten ärztlich oder physiotherapeutisch begleitet.
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Quellen (Auswahl)
- Treede et al. (2019): Chronic pain as a symptom or a disease: the IASP Classification of Chronic Pain for the International Classification of Diseases (ICD-11), Pain 160(1)
- Woolf (2011): Central sensitization: implications for the diagnosis and treatment of pain, Pain 152(3 Suppl)
- Vlaeyen & Linton (2000): Fear-avoidance and its consequences in chronic musculoskeletal pain: a state of the art, Pain 85(3)
- Kamper et al. (2015): Multidisciplinary biopsychosocial rehabilitation for chronic low back pain: Cochrane systematic review and meta-analysis, BMJ 350:h444
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).