Chronische Schmerzen und Fibromyalgie: warum „organisch nichts" nicht „eingebildet" heißt
Die Schmerzforschung kennt seit 2017 eine dritte Kategorie: noziplastischer Schmerz. Was zentrale Sensibilisierung bedeutet, welche Rolle Stress und Schlaf tatsächlich spielen – und was die S3-Leitlinie zu Bewegung, Verhaltenstherapie und Hypnose sagt.
Wer jahrelang Schmerzen hat, für die sich kein eindeutiger Befund findet, hört irgendwann den Satz: „Organisch ist da nichts." Gemeint ist meist: eingebildet. Das ist medizinisch falsch. Die internationale Schmerzforschung hat für genau diese Fälle eine eigene Kategorie geschaffen – und sie beschreibt keinen erfundenen Schmerz, sondern einen anders entstandenen.
Noziplastischer Schmerz: die dritte Kategorie
Die Internationale Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (IASP) führte 2017 den Begriff noziplastischer Schmerz als dritte Hauptkategorie ein – neben dem nozizeptiven Schmerz (aus einer Gewebeschädigung) und dem neuropathischen Schmerz (aus einer Nervenschädigung). Gemeint ist Schmerz, der aus einer veränderten Schmerzverarbeitung entsteht, ohne dass eine ausreichende Gewebe- oder Nervenschädigung nachweisbar wäre. Das Fibromyalgiesyndrom gilt als Prototyp dieser Kategorie.
Das ist der entscheidende Perspektivwechsel: Der Schmerz ist real. Verändert ist nicht das Gewebe, sondern das System, das Schmerz meldet, weiterleitet und bewertet. Ein defekter Rauchmelder bedeutet nicht, dass man sich den Alarm einbildet.
Zentrale Sensibilisierung: wie das System lauter wird
Der zentrale Mechanismus wird als zentrale Sensibilisierung beschrieben. Vereinfacht: Die Verstärkung im schmerzverarbeitenden System ist dauerhaft zu hoch eingestellt. Konkret zeigen sich dabei mehrere Veränderungen, die in der Schmerzforschung messbar sind – abgesenkte Schmerzschwellen, eine verstärkte zeitliche Aufsummierung wiederholter Reize und eine abgeschwächte körpereigene Schmerzhemmung, also der absteigenden Bahnen, die Schmerzsignale normalerweise dämpfen.
Im Alltag äußert sich das als Allodynie – Berührung oder Druck, die eigentlich harmlos sind, tun weh – und als Hyperalgesie, also überstarke Schmerzantwort auf einen tatsächlich schmerzhaften Reiz. Dazu kommen häufig Reizempfindlichkeit gegenüber Licht, Lärm und Gerüchen.
Das Fibromyalgiesyndrom: Definition und Häufigkeit
Das Fibromyalgiesyndrom ist über eine Symptomkombination definiert: chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen über mindestens drei Monate, zusammen mit nicht erholsamem Schlaf und Müdigkeit beziehungsweise körperlicher und geistiger Erschöpfung. Sehr häufig kommen Konzentrations- und Wortfindungsstörungen dazu, die Betroffene oft als „Fibro-Nebel" beschreiben, außerdem Reizdarmbeschwerden, Kopfschmerzen und eine ausgeprägte Wetterfühligkeit.
Zur Häufigkeit gehen die Angaben je nach verwendeten Kriterien auseinander: Übersichten nennen Spannen von etwa ein bis sechs Prozent der Bevölkerung. Frauen erhalten die Diagnose deutlich häufiger.
Die deutsche S3-Leitlinie Fibromyalgiesyndrom (AWMF-Registernummer 145/004, zweite Aktualisierung 2017) macht dabei einen wichtigen Punkt: Das Fibromyalgiesyndrom ist keine Verlegenheitsdiagnose nach dem Motto „wir haben nichts gefunden", sondern eine eigenständige klinische Diagnose mit definierten Kriterien. Relevante Differenzialdiagnosen – unter anderem Schilddrüsenfunktion, Entzündungsparameter, rheumatologische Erkrankungen – sollen abgeklärt werden.
Wo Stress tatsächlich hineinspielt – und wo nicht
Ein ehrlicher Punkt vorweg: Stress „verursacht" Fibromyalgie nicht im Sinne eines einfachen Auslösers. Leitlinie und Übersichtsarbeiten beschreiben ein biopsychosoziales Entstehungsmodell, in dem genetische Faktoren, Infektionen oder Entzündungsereignisse, körperliche Belastungen und psychosoziale Faktoren zusammenwirken.
Was dagegen gut belegt ist, sind die Wechselwirkungen im laufenden Geschehen:
Schlaf und Schmerz
Schlechter Schlaf senkt die Schmerzschwelle am Folgetag – das ist einer der robustesten Befunde der Schmerzforschung. Schmerz wiederum stört den Schlaf. Dieser Kreislauf ist bei fast allen Betroffenen zentral und zugleich einer der wenigen Punkte, an denen sich vergleichsweise gut ansetzen lässt.
Anspannung und Körperwahrnehmung
Anhaltende Anspannung erhöht den Muskeltonus und lenkt die Aufmerksamkeit stärker auf Körpersignale. Beides verstärkt die wahrgenommene Schmerzintensität, ohne dass sich am Gewebe etwas ändern müsste.
Das Angst-Vermeidungs-Modell
Aus Angst vor Schmerz wird Bewegung reduziert. Muskeln und Kondition bauen ab. Dadurch tut schon geringere Belastung weh – was die Angst bestätigt. Dieser Mechanismus erklärt, warum Bewegungstherapie in allen Leitlinien so weit oben steht, obwohl sie zunächst kontraintuitiv wirkt.
Was die S3-Leitlinie empfiehlt
- Aerobes Ausdauertraining in niedriger bis moderater Intensität trägt den höchsten Empfehlungsgrad: etwa zwei- bis dreimal pro Woche, 30 bis 40 Minuten – Walking, Radfahren, Schwimmen, Aquajogging. Entscheidend ist eine sehr langsame Steigerung der Dosis.
- Krafttraining in niedriger bis moderater Intensität sowie Funktionstraining im warmen Wasser.
- Kognitive Verhaltenstherapie, insbesondere bei ausgeprägter psychischer Begleitbelastung.
- Multimodale Therapie – die Kombination aus Bewegung, Psychotherapie und Edukation – bei schweren Verläufen.
- Patientenschulung und Information über das Krankheitsbild als eigenständiger Wirkfaktor. Zu verstehen, was noziplastischer Schmerz bedeutet, entlastet nachweislich.
- Zurückhaltung bei starken Schmerzmitteln, insbesondere Opioiden. Bestimmte Medikamente haben einen zeitlich befristeten Stellenwert – das gehört in ärztliche Hand.
Hypnose und geleitete Imagination: die ehrliche Einordnung
Die S3-Leitlinie führt Hypnose und geleitete Imagination als offene Empfehlung – sie „können erwogen werden", mit deutlich schwächerem Empfehlungsgrad als Ausdauertraining oder kognitive Verhaltenstherapie. Bemerkenswert für unseren Zusammenhang: Die Patientenversion der Leitlinie hält ausdrücklich fest, dass die Techniken nach Anleitung durch eine Therapeutin oder einen Therapeuten selbstständig oder mit Hilfe vorproduzierter Texte – genannt werden CD und MP3-Player – angewendet werden können.
Die zugrunde liegende Datenbasis: Eine systematische Übersicht mit Metaanalyse von Bernardy und Kollegen (BMC Musculoskeletal Disorders, 2011) wertete sechs kontrollierte Studien mit 239 Teilnehmenden aus – bei im Median rund neun Sitzungen – und fand eine Schmerzreduktion gegenüber den Kontrollbedingungen. Eine Aktualisierung von Zech, Hansen, Bernardy und Häuser (European Journal of Pain, 2017) schloss sieben randomisierte Studien mit 387 Teilnehmenden ein.
Ehrlich eingeordnet heißt das: Es sind kleine Studienzahlen. Die Effekte sind vorhanden, aber moderat. Und die untersuchten Verfahren waren angeleitet, nicht reine Selbstanwendung. Wer daraus „Hypnose heilt Fibromyalgie" macht, überdehnt die Daten erheblich.
Was Audio-Hypnose realistisch beitragen kann
Nicht: Schmerzfreiheit, Heilung oder ein Ersatz für Bewegungstherapie, ärztliche Behandlung und Psychotherapie. Bei einem Krankheitsbild, dessen stärkste Leitlinienempfehlung Bewegung ist, wäre jede andere Darstellung unredlich.
Was plausibel möglich ist: eine tägliche, niedrigschwellige Entspannungsroutine, die sich auch an schlechten Tagen umsetzen lässt. Eine Senkung der Grundanspannung, die den Muskeltonus und die Aufmerksamkeit auf Schmerzsignale beeinflusst. Und Unterstützung beim Einschlafen – der Schlaf ist im Schmerz-Kreislauf einer der stärksten Hebel überhaupt. Als begleitender Baustein neben dem, was die Leitlinie an erster Stelle nennt.
Wann ärztliche Abklärung nötig ist
Immer abklären lassen: neu aufgetretene, einseitige oder nachts weckende Schmerzen, sichtbare Gelenkschwellungen oder Rötungen, Fieber, ungewollter Gewichtsverlust, neurologische Ausfälle wie Taubheit oder Schwäche sowie Schmerzen nach einem Unfall. Auch bei bereits gestellter Fibromyalgie-Diagnose gilt: Deutlich veränderte oder neue Beschwerden gehören untersucht und nicht automatisch dem Fibromyalgiesyndrom zugeschrieben.
Audio-Hypnose ersetzt weder Bewegungstherapie noch ärztliche Behandlung. Als tägliche Entspannungsroutine kann sie die Grundanspannung senken und das Einschlafen erleichtern – konzipiert von Ingo Michael Simon (Heilpraktiker für Psychotherapie).
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Ist Fibromyalgie psychisch?
Nein, Fibromyalgie ist kein eingebildeter Schmerz. Die internationale Schmerzgesellschaft IASP führt seit 2017 die Kategorie des noziplastischen Schmerzes: Schmerz durch veränderte Schmerzverarbeitung, ohne ausreichende Gewebe- oder Nervenschädigung. Psychische Belastung und Schlafmangel können die Beschwerden verstärken – sie sind aber nicht die Erklärung für das gesamte Krankheitsbild.
Was bedeutet noziplastischer Schmerz?
Es ist die dritte Hauptkategorie neben nozizeptivem Schmerz (Gewebeschädigung) und neuropathischem Schmerz (Nervenschädigung). Gemeint ist Schmerz, der durch eine veränderte Verarbeitung im Nervensystem entsteht – Stichwort zentrale Sensibilisierung: abgesenkte Schmerzschwellen und abgeschwächte körpereigene Schmerzhemmung. Das Fibromyalgiesyndrom gilt als Prototyp.
Was hilft laut S3-Leitlinie am besten bei Fibromyalgie?
Den höchsten Empfehlungsgrad hat aerobes Ausdauertraining in niedriger bis moderater Intensität, etwa zwei- bis dreimal pro Woche für 30 bis 40 Minuten. Daneben werden Krafttraining, Funktionstraining im Wasser, kognitive Verhaltenstherapie und bei schweren Verläufen eine multimodale Therapie empfohlen. Wichtig ist eine sehr langsame Steigerung der Trainingsdosis.
Was sagt die Leitlinie zu Hypnose bei Fibromyalgie?
Hypnose und geleitete Imagination erhalten eine offene Empfehlung – sie können erwogen werden, mit schwächerem Empfehlungsgrad als Ausdauertraining oder Verhaltenstherapie. Die Patientenversion der Leitlinie nennt ausdrücklich, dass die Techniken nach Anleitung selbstständig oder mit vorproduzierten Audio-Texten angewendet werden können.
Kann Audio-Hypnose Schmerzmittel ersetzen?
Nein. Über Schmerzmedikation entscheidet ausschließlich die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt, und Änderungen gehören dorthin besprochen. Audio-Hypnose ist ein begleitender Baustein zur Stressregulation und Entspannung – kein Analgetikum und kein Ersatz für die medizinische Behandlung.
Warum soll ich mich bewegen, wenn alles wehtut?
Weil das Angst-Vermeidungs-Muster den Schmerz langfristig verstärkt: Weniger Bewegung führt zu Dekonditionierung, dadurch schmerzt schon geringere Belastung – was die Angst bestätigt. Deshalb steht Bewegung in allen Leitlinien vorn. Entscheidend ist die Dosierung: sehr niedrig einsteigen und in kleinen Schritten steigern, nicht sich durch Schmerz hindurchkämpfen.
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Quellen (Auswahl)
- S3-Leitlinie „Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms", 2. Aktualisierung 2017, AWMF-Registernummer 145/004 – einschließlich Patientenversion.
- IASP (2017): Einführung des Begriffs „nociplastic pain" als dritte Schmerzkategorie (International Association for the Study of Pain).
- Bernardy K. et al. (2011): Efficacy of hypnosis/guided imagery in fibromyalgia syndrome – a systematic review and meta-analysis of controlled trials (BMC Musculoskeletal Disorders).
- Zech N., Hansen E., Bernardy K., Häuser W. (2017): Efficacy, acceptability and safety of guided imagery/hypnosis in fibromyalgia – a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials (European Journal of Pain).
- Bernardy K. et al.: Efficacy of cognitive-behavioral therapies in fibromyalgia syndrome – systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials.
- Häuser W. et al.: Psychotherapie und psychologische Verfahren beim Fibromyalgiesyndrom (Der Schmerz, 2017).
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).