Warum verletzen Borderliner Menschen, die sie lieben?
Die Verletzungen entstehen meist aus überwältigenden Gefühlen, nicht aus Berechnung. Das erklärt sie, entschuldigt sie aber nicht, und Angehörige dürfen sich schützen.
Die kurze Antwort
Menschen mit einer Borderline-Störung verletzen andere meist nicht aus Berechnung, sondern weil starke Gefühle schneller und heftiger kommen und schwerer zu steuern sind. Gerade die Nähe zu geliebten Menschen weckt die Angst, verlassen zu werden, und diese Angst kann in Wut, Vorwürfe oder Rückzug umschlagen. Das erklärt die Verletzungen, es entschuldigt sie aber nicht, und Angehörige dürfen sich schützen.
Warum es gerade die Nächsten trifft
Bei Fremden steht wenig auf dem Spiel, bei Partnerin, Partner, Eltern oder engen Freunden dagegen viel. Eine knappe Nachricht, ein abgesagtes Treffen oder ein müder Blick können als Zeichen der Ablehnung erlebt werden. Das Gefühl ist dann so überwältigend, dass Worte fallen, die später bereut werden.
Hinzu kommt ein Schwarz-Weiß-Erleben: Ein Mensch kann in kurzer Zeit vom wichtigsten Halt zur Quelle allen Schmerzes werden. Wie dieser Umschwung entsteht, beschreibt der Beitrag über das plötzliche Wegstoßen naher Menschen.
Was es nicht bedeutet
Die Verletzungen sind kein Beweis dafür, dass keine Liebe da ist. Viele Betroffene leiden selbst stark unter ihren Ausbrüchen und schämen sich danach. Zugleich gilt: Nicht jedes verletzende Verhalten ist Borderline, und eine Diagnose kann nur eine Fachperson stellen. Ein Etikett aus dem Internet hilft selten weiter.
Für Angehörige ist oft am schwersten, dass auf heftige Vorwürfe wenig später wieder große Nähe folgen kann. Dieses Wechselbad ist kräftezehrend, und es ist verständlich, wenn Vertrauen dabei Schaden nimmt.
Wie Angehörige sich schützen können
- Klare Grenzen: Ruhig benennen, was nicht akzeptiert wird, etwa Beschimpfungen, und was dann geschieht, zum Beispiel ein Gesprächsende. Und es dann auch umsetzen.
- Nicht im Sturm diskutieren: Auf dem Höhepunkt der Gefühle erreichen Argumente wenig. In einem ruhigen Moment gelingt ein Gespräch eher.
- Gefühle anerkennen, Verhalten nicht: „Ich sehe, dass du verletzt bist. Trotzdem lasse ich mich nicht anschreien.“
- Eigene Unterstützung suchen: In einer Studie zum Angehörigenprogramm „Family Connections“ berichteten Teilnehmende danach von weniger Belastung und Trauer und mehr Gefühl von Handlungsfähigkeit.
Wann es um Sicherheit geht
Bei körperlicher Gewalt oder Drohungen hat der eigene Schutz Vorrang, unabhängig von jeder Diagnose. In akuter Gefahr hilft die Polizei unter 110. Äußert der geliebte Mensch Suizidgedanken, ist rasche fachliche Hilfe nötig: Notruf 112, die Telefonseelsorge ist unter 0800 111 0 111 erreichbar, in der Schweiz die Dargebotene Hand unter 143.
Es gibt wirksame Hilfe
Borderline ist behandelbar. Die S3-Leitlinie empfiehlt störungsspezifische Psychotherapie, etwa die Dialektisch-Behaviorale Therapie, die gezielt den Umgang mit starken Gefühlen trainiert. Angehörige können ermutigen, den Weg gehen müssen Betroffene selbst. Entspannungsverfahren können begleitend zu mehr innerer Ruhe beitragen, ersetzen aber keine Therapie.
Das Audio-Hypnose-Programm bei Borderline setzt auf Entspannung und Stabilisierung im Alltag, begleitend zur psychotherapeutischen Behandlung, nicht als Ersatz. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Verletzen Borderliner absichtlich?
Meist nicht im Sinne eines Plans. Die Verletzungen entstehen eher aus überwältigenden Gefühlen und der Angst vor Verlassenwerden. Verantwortung für das eigene Verhalten tragen Betroffene trotzdem.
Muss ich als Angehöriger alles aushalten?
Nein. Grenzen zu setzen ist kein Verrat, sondern schützt beide Seiten. Wer sich dauerhaft erschöpft oder bedroht fühlt, darf Abstand nehmen und sich selbst Unterstützung holen.
Wie spreche ich das Verhalten an?
Am besten in einem ruhigen Moment, nicht während eines Streits. Hilfreich sind Ich-Botschaften, die das eigene Erleben beschreiben, statt den anderen zu bewerten oder eine Diagnose zu stellen.
Kann sich das Verhalten durch Therapie ändern?
Ja. Störungsspezifische Psychotherapien wie die Dialektisch-Behaviorale Therapie zielen genau auf den Umgang mit starken Gefühlen und Beziehungskonflikten. Veränderung braucht allerdings Zeit und die Bereitschaft der betroffenen Person.
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Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- DGPPN (2022): S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung, AWMF 038-015
- Hoffman et al. (2005): Family Connections: A program for relatives of persons with borderline personality disorder, Family Process 44(2)
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).