Warum lache ich in ernsten Situationen?
Nervöses Lachen ist peinlich, aber verbreitet und meist harmlos. Es ist selten ein Zeichen von Gefühllosigkeit, sondern ein Ventil für Anspannung.
Lachen ist nicht immer Freude
Bei einer Trauerfeier, mitten in einem ernsten Gespräch, während jemand eine schlechte Nachricht überbringt: Plötzlich muss man lachen. Das ist peinlich, aber verbreitet und meistens harmlos. Lachen in ernsten Momenten ist in der Regel kein Zeichen von Gefühllosigkeit, sondern eine Reaktion auf Anspannung. Der Körper sucht einen Ausweg für eine Erregung, die gerade keinen anderen Ausgang findet.
Ein bekanntes Phänomen aus der Forschung
Schon in den berühmten Gehorsamkeitsexperimenten von Stanley Milgram fiel es auf. Versuchspersonen, die glaubten, einem anderen Menschen schmerzhafte Stromschläge zu versetzen, begannen nervös zu lachen. In seinem Bericht von 1963 beschrieb Milgram dieses Lachen als auffälliges Zeichen innerer Anspannung, 14 der 40 Teilnehmer zeigten es deutlich, bei einigen steigerte es sich zu regelrechten Lachanfällen. Ausgerechnet die belastendste Situation löste es aus.
Warum der Körper so reagiert
Ein Ventil für Spannung
Lachen geht mit kräftigem, stoßweisem Ausatmen und dem Lösen von Muskelspannung einher. In einer Lage, in der man weder weglaufen noch etwas ändern kann, wirkt es wie ein Überdruckventil.
Ein Signal an andere
Lachen ist ursprünglich ein soziales Signal. In angespannten Momenten kann es unbewusst ausdrücken: „Ich bin keine Bedrohung“, oder versuchen, die Stimmung zu entschärfen.
Abstand zu überwältigenden Gefühlen
Die Psychologen Dacher Keltner und George Bonanno untersuchten Menschen, deren Partner sechs Monate zuvor gestorben war. Wer im Gespräch über die verstorbene Person echt lachte, berichtete weniger Ärger und hatte mehr Abstand zu belastenden Gefühlen. Lachen in ernsten Momenten kann also auch ein gesunder Versuch sein, Schmerz für einen Augenblick auszuhalten.
Wann es zum Problem wird
Unangenehm wird nervöses Lachen vor allem, wenn andere es als Respektlosigkeit missverstehen oder wenn die Angst, wieder loszulachen, selbst zur Anspannung wird. Dann entsteht ein Kreislauf: Je mehr man sich zusammenreißt, desto stärker drängt das Lachen.
Ärztlich abklären lassen sollte man Lach- oder Weinanfälle, die ohne passendes Gefühl auftreten, sich kaum stoppen lassen und neu sind, besonders nach einem Schlaganfall, einer Kopfverletzung oder bei einer neurologischen Erkrankung.
Was hilft
- nicht verbissen dagegen ankämpfen: Der Druck lässt eher nach, wenn er nicht zusätzlich bekämpft wird.
- kurz erklären: „Entschuldigung, das ist die Nervosität“ beugt Missverständnissen vor.
- den Körper beschäftigen: langsam ausatmen, die Füße fest auf den Boden drücken, den Blick auf einen Punkt richten.
Ist nervöses Lachen Teil einer allgemein hohen Anspannung, können Entspannungsverfahren wie Hypnose helfen, die Grundspannung zu senken, begleitend und nicht als Ersatz für eine psychotherapeutische Behandlung.
Das Audio-Hypnose-Programm bei Angst und innerer Unruhe unterstützt dabei, die innere Anspannung zu senken, begleitend und nicht als Ersatz für eine Behandlung. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Bin ich gefühllos, wenn ich auf einer Beerdigung lachen muss?
Nein. Lachen in belastenden Momenten ist meist eine Reaktion auf Anspannung und kein Zeichen fehlenden Mitgefühls. Forschung an trauernden Menschen zeigt sogar, dass echtes Lachen helfen kann, Schmerz für einen Moment auszuhalten.
Wie stoppe ich einen Lachanfall in einer ernsten Situation?
Langsam und lang ausatmen, die Füße fest auf den Boden drücken und den Blick auf einen festen Punkt richten. Ein kurzer Satz wie „Das ist die Nervosität“ nimmt zusätzlich Druck heraus.
Warum wird es schlimmer, je mehr ich mich zusammenreiße?
Der Versuch, das Lachen zu unterdrücken, erhöht die Anspannung, und genau diese Anspannung treibt das Lachen an. Gelassenheit gegenüber dem Lachen hilft deshalb oft mehr als Kontrolle.
Wann gehört unkontrollierbares Lachen in ärztliche Hände?
Wenn Lach- oder Weinanfälle neu auftreten, nicht zum Gefühl passen und sich kaum stoppen lassen, besonders nach einem Schlaganfall, einer Kopfverletzung oder bei einer neurologischen Erkrankung. Dann ist eine neurologische Abklärung sinnvoll.
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Quellen (Auswahl)
- Milgram (1963): Behavioral study of obedience, Journal of Abnormal and Social Psychology 67(4)
- Keltner & Bonanno (1997): A study of laughter and dissociation: distinct correlates of laughter and smiling during bereavement, Journal of Personality and Social Psychology 73(4)
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).