Warum kann ich mir nichts merken?
Namen, Termine, der Grund, warum man in die Küche gegangen ist: Wer ständig etwas vergisst, macht sich schnell Sorgen. Meist ist nicht das Gedächtnis das Problem, sondern die Aufmerksamkeit.
Meist liegt es an der Aufmerksamkeit
Namen vergessen, den Schlüssel suchen, im Zimmer stehen und nicht mehr wissen, was man wollte: Dahinter steckt meist kein kranker, sondern ein überlasteter Kopf. Was wir behalten wollen, muss zuerst mit Aufmerksamkeit aufgenommen werden. Häufige Gründe für Vergesslichkeit im Alltag sind deshalb Ablenkung, Stress und zu wenig Schlaf.
Die häufigsten Ursachen
Ablenkung und Multitasking
Eine Studie der Stanford University, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Nature, zeigte: Wenn die Aufmerksamkeit kurz vor dem Erinnern abschweifte, erkennbar an Hirnströmen und Pupillenweite, vergaßen die Teilnehmenden häufiger. Wer im Alltag viel zwischen mehreren Medien gleichzeitig wechselte, schnitt im Mittel schlechter ab, teils erklärbar durch mehr solcher Aussetzer.
Zu wenig Schlaf
Im Schlaf festigt das Gehirn, was tagsüber aufgenommen wurde. Die Übersichtsarbeit von Björn Rasch und Jan Born fasst zahlreiche Studien zusammen, die zeigen: Schlaf nach dem Lernen verbessert das Behalten. Wer dauerhaft zu wenig schläft, ist tagsüber zudem unaufmerksamer.
Stress und Überlastung
Unter Druck kreisen die Gedanken um Sorgen und Aufgaben und belegen die Aufmerksamkeit, die zum Einprägen gebraucht wird. Stresshormone erschweren zudem das Abrufen: In einer Studie von Dominique de Quervain verschlechterte Cortison in einer Dosis, die akutem Stress entspricht, das Erinnern zuvor gelernter Wörter.
Stimmung
Auch Depressionen und Angststörungen gehen häufig mit Merk- und Konzentrationsproblemen einher. Bessert sich die Stimmung, bessert sich oft auch das Gedächtnis.
Medikamente
Manche Arzneimittel, etwa bestimmte Schlaf- und Beruhigungsmittel, können die Merkfähigkeit dämpfen. Wer eine Veränderung nach Beginn eines neuen Medikaments bemerkt, sollte das ärztlich ansprechen und nichts eigenmächtig absetzen.
Was im Alltag hilft
- bewusst hinsehen: beim Ablegen des Schlüssels kurz innehalten und es innerlich benennen
- eine Sache zur Zeit: Benachrichtigungen aus, nur ein Fenster offen
- feste Plätze: für Schlüssel, Brille und Handy
- Schlaf schützen: regelmäßige Zeiten, für die meisten Erwachsenen mindestens sieben Stunden
- Notizen: Aufschreiben entlastet den Kopf
Wann ärztlich abklären?
Ein Arztbesuch ist sinnvoll, wenn die Vergesslichkeit über Monate zunimmt, Angehörige sie bemerken oder Vertrautes plötzlich schwerfällt, etwa der Weg nach Hause oder das Bedienen bekannter Geräte. Die S3-Leitlinie Demenzen empfiehlt bei solchen Beschwerden eine Basisdiagnostik, zu der unter anderem Blutwerte wie Vitamin B12 und Schilddrüsenwerte gehören. Auch Depressionen oder Nebenwirkungen von Medikamenten können das Gedächtnis beeinträchtigen und sind behandelbar.
Plötzliche Gedächtnislücken zusammen mit Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen sind ein Notfall: Notruf 112.
Entspannungsverfahren wie Hypnose können helfen, Anspannung und Gedankenkreisen zu verringern, die Aufmerksamkeit binden. Eine direkte Verbesserung des Gedächtnisses ist dadurch nicht belegt.
Das Audio-Hypnose-Programm für Konzentration und Leistungssteigerung setzt an Anspannung, Gedankenkreisen und Schlafqualität an. Ein begleitender Baustein, kein Ersatz für Schlaf oder ärztliche Abklärung. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Ist Vergesslichkeit mit 30 oder 40 normal?
Gelegentliches Vergessen von Namen, Terminen oder Gegenständen ist in jedem Alter normal, besonders bei Stress und Schlafmangel. Auffällig wird es, wenn die Vergesslichkeit über Monate deutlich zunimmt oder den Alltag spürbar einschränkt.
Kann Stress das Gedächtnis dauerhaft schädigen?
Vorübergehender Stress beeinträchtigt vor allem Aufmerksamkeit und Abruf, das bessert sich meist wieder, wenn die Belastung nachlässt. Anhaltende Überlastung sollte man trotzdem ernst nehmen und ärztlich ansprechen, wenn die Beschwerden bleiben.
Welche Mangelzustände verursachen Gedächtnisprobleme?
Ein Vitamin-B12-Mangel und eine Schilddrüsenunterfunktion gehören zu den bekannten, behandelbaren Ursachen. Deshalb werden diese Werte bei der ärztlichen Abklärung von Gedächtnisstörungen standardmäßig bestimmt.
Woran erkenne ich den Unterschied zu Demenz?
Bei alltäglicher Vergesslichkeit fällt einem das Vergessene meist später wieder ein, und man bemerkt die Lücken selbst. Bei einer beginnenden Demenz nehmen die Probleme stetig zu, betreffen auch vertraute Abläufe und fallen oft zuerst Angehörigen auf. Die Unterscheidung gehört in ärztliche Hände.
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Quellen (Auswahl)
- Madore et al. (2020): Memory failure predicted by attention lapsing and media multitasking, Nature 587
- Rasch & Born (2013): About sleepʼs role in memory, Physiological Reviews 93(2)
- de Quervain et al. (2000): Acute cortisone administration impairs retrieval of long-term declarative memory in humans, Nature Neuroscience 3(4)
- DGN/DGPPN: S3-Leitlinie Demenzen, AWMF 038-013
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).