Tinnitus bei Migräne: Hängt das zusammen?
Menschen mit Migräne haben etwa doppelt so oft einen Tinnitus. Warum das so ist, wird noch erforscht.
Die kurze Antwort
Ja, Menschen mit Migräne haben deutlich häufiger einen Tinnitus als Menschen ohne Migräne. Manche bemerken, dass das Ohrgeräusch während einer Attacke stärker hervortritt. Wie genau beides zusammenhängt, ist noch nicht geklärt. Fachleute vermuten, dass das Gehirn bei Migräne Sinnesreize insgesamt empfindlicher verarbeitet. Ein neues Ohrgeräusch sollte trotzdem eigenständig untersucht werden.
Was Studien zeigen
In einer US-amerikanischen Bevölkerungsstudie mit 12.962 Erwachsenen gaben 34,6 Prozent der Menschen mit Migräne einen Tinnitus an, aber nur 16,9 Prozent der übrigen. Auch nach Berücksichtigung anderer Einflüsse blieb die Wahrscheinlichkeit etwa doppelt so hoch. Die Angaben beruhten allerdings auf Selbstauskünften.
Eine Auswertung von Krankenkassendaten aus Taiwan verglich 1.056 Menschen mit Migräne mit 4.224 Menschen ohne. In der Migränegruppe war das Risiko für eine Tinnitus-Diagnose im Verlauf gut dreimal so hoch. Die Autoren sprechen von einer möglichen „cochleären Migräne“, die das Innenohr mitbetrifft. Belegt ist dieses Konzept noch nicht.
Wie die Attacke das Ohr erreichen kann
Empfindliche Reizverarbeitung
Während einer Migräneattacke sind viele Menschen licht- und geräuschempfindlich. Wenn das Gehirn Sinnesreize stärker gewichtet, kann auch ein Ohrgeräusch deutlicher in den Vordergrund treten. Welche Wege im Einzelnen beteiligt sind, ist noch Gegenstand der Forschung.
Vestibuläre Migräne
Eine besondere Form ist die vestibuläre Migräne, bei der wiederkehrende Schwindelattacken im Vordergrund stehen. Ohrgeräusche gehören nicht zu ihren offiziellen Diagnosekriterien. Eine Übersichtsarbeit fand in den ausgewerteten Studien dennoch bei rund 40 Prozent der Betroffenen einen Tinnitus. Auch Druck im Ohr und Hörveränderungen werden beschrieben. Weil sich die Beschwerden mit dem Morbus Menière überschneiden, gehört die Abklärung in erfahrene Hände.
Was im Alltag hilft
- Tagebuch führen: Notieren, ob das Geräusch vor, während oder nach einer Attacke stärker ist. Das erleichtert die ärztliche Einschätzung.
- Migräne behandeln lassen: Eine gute Akutbehandlung und bei häufigen Attacken eine Vorbeugung können die Zahl belastender Tage senken.
- Auslöser kennen: Schlafmangel, ausgelassene Mahlzeiten oder Stress gehen bei vielen Attacken voraus. Mehr dazu im Beitrag über Migräneauslöser.
Für einen dauerhaft belastenden Tinnitus empfiehlt die S3-Leitlinie Aufklärung und tinnitusspezifische kognitive Verhaltenstherapie. Entspannungsverfahren wie Hypnose können begleitend helfen, Anspannung abzubauen. Wer Kopfschmerzen allgemein mit dem Ohrgeräusch erlebt, findet im Beitrag zu Tinnitus und Kopfschmerzen weitere Hinweise.
Warnzeichen
Ein plötzlich einsetzender, heftigster Kopfschmerz, Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen, die anders sind als die gewohnte Aura, sind ein Notfall: sofort den Notruf 112 wählen. Zeitnah HNO-ärztlich abklären lassen sollte man einen plötzlichen Hörverlust, einen neuen einseitigen Tinnitus oder Drehschwindel.
Das Audio-Programm bei Tinnitus kann helfen, zwischen den Attacken Anspannung abzubauen und gelassener auf das Ohrgeräusch zu reagieren: aufeinander aufbauende Hypnosen à 75 Minuten für zu Hause, sofort nach dem Kauf verfügbar. Es ist auch im Jahresabo mit allen 115 Programmen enthalten, etwa zusammen mit Stress und Schlafstörungen. Begleitend gedacht, kein Ersatz für ärztliche Abklärung. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Ist ein Ohrgeräusch nur während der Attacke bedenklich?
Verschwindet das Geräusch mit der Attacke wieder, ist das meist kein Alarmzeichen. Es lohnt sich aber, es in der ärztlichen Sprechstunde zu erwähnen. Bleibt es danach bestehen, betrifft nur ein Ohr oder kommt ein Hörverlust hinzu, sollte es HNO-ärztlich untersucht werden.
Hilft eine Migräneprophylaxe auch gegen den Tinnitus?
Dazu gibt es kaum belastbare Studien. Eine Vorbeugung ist bei häufigen Attacken ohnehin sinnvoll und kann belastende Tage verringern. Ob das Ohrgeräusch davon mitprofitiert, ist individuell verschieden.
Woran erkennt man eine vestibuläre Migräne?
Typisch sind wiederkehrende Schwindelattacken bei Menschen mit Migräne, die zeitlich mit Migränezeichen wie Kopfschmerz, Licht- oder Lärmempfindlichkeit zusammenfallen. Andere Ursachen des Schwindels müssen ausgeschlossen sein. Die Diagnose stellen Neurologie oder HNO-Heilkunde.
Welche Fachrichtung ist zuständig?
Für Ohr und Gehör ist die HNO-Praxis die erste Adresse, für die Migräne die Hausarzt- oder Neurologiepraxis. Kommen Schwindelattacken hinzu, arbeiten beide Fachrichtungen oft zusammen. Ein Kopfschmerz- und Ohrtagebuch hilft allen Beteiligten.
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Quellen (Auswahl)
- Goshtasbi et al. (2021): Tinnitus and subjective hearing loss are more common in migraine: a cross-sectional NHANES analysis, Otology and Neurotology 42(9) Quelle lesen →
- Hwang et al. (2018): Association of tinnitus and other cochlear disorders with a history of migraines, JAMA Otolaryngology Head and Neck Surgery 144(8) Quelle lesen →
- García, Madrigal & Castillo-Bustamante (2021): Vestibular migraine and tinnitus: a challenging narrative, Cureus 13(6) Quelle lesen →
- Hesse, Kastellis & Mazurek (2022): S3-Leitlinie zu chronischem Tinnitus überarbeitet, HNO Nachrichten 52(5), AWMF 017-064 Quelle lesen →
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).