Schwächt Stress das Immunsystem?
Kurzer Stress macht den Körper wachsam, lang anhaltender Stress zehrt an der Abwehr. Der Unterschied erklärt viele Infekte in belastenden Zeiten.
Die kurze Antwort
Ja, vor allem anhaltender Stress kann die Immunabwehr schwächen. Eine große Auswertung von 30 Jahren Forschung zeigt: Kurzer, akuter Stress aktiviert das Immunsystem eher, lang andauernder Stress dagegen beeinträchtigt viele seiner Funktionen. Wer über Wochen oder Monate unter Druck steht, ist deshalb anfälliger für Infekte.
Akuter und chronischer Stress
Kurzer Stress
Bei Belastung schüttet der Körper Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol aus. Sie wirken nicht nur auf Herz, Kreislauf und Stoffwechsel, sondern auch direkt auf Immunzellen, die Rezeptoren für diese Hormone tragen. Psyche und Abwehr sind also biologisch eng verbunden. Wie sich das auswirkt, hängt vor allem von der Dauer der Belastung ab.
Eine Prüfung, ein Vortrag oder eine Schrecksekunde versetzen den Körper in Alarmbereitschaft. Für kurze Zeit werden bestimmte Abwehrzellen mobilisiert. Evolutionär ergibt das Sinn: Wer kämpfen oder fliehen muss, könnte sich verletzen.
Lang andauernder Stress
Pflege eines Angehörigen, Arbeitslosigkeit, Dauerkonflikte oder Überlastung im Beruf wirken anders. Die Metaanalyse von Segerstrom und Miller fand, dass chronischer Stress fast alle gemessenen Immunfunktionen dämpfte. Ein Grund ist das Stresshormon Cortisol, das bei Dauerbelastung Entzündungs- und Abwehrprozesse verändert.
Mehr Erkältungen bei mehr Stress
In einem bekannten Experiment wurden gesunde Freiwillige gezielt mit Erkältungsviren in Kontakt gebracht. Wer zuvor mehr psychischen Stress angegeben hatte, erkrankte häufiger. Der Zusammenhang blieb auch bestehen, als andere Einflüsse wie Rauchen oder Alter berücksichtigt wurden.
Das heißt nicht, dass jeder Infekt eine Stressfolge ist oder dass man sich krank denkt. Viren und Bakterien bleiben die Ursache. Stress beeinflusst aber, wie gut der Körper sich gegen sie wehrt und wie schnell er sich erholt. Gerade Menschen, die über lange Zeit Verantwortung für andere tragen, etwa pflegende Angehörige, gelten in der Forschung als besonders belastet.
Typische Anzeichen
- häufige Erkältungen, die länger dauern
- Lippenherpes oder Gürtelrose in belastenden Phasen
- langsamere Wundheilung
- Erschöpfung und schlechter Schlaf
Was die Abwehr unterstützt
Gegen Stress gibt es keine Pille, wohl aber Gewohnheiten, die nachweislich guttun:
- Schlaf: Zu wenig Schlaf schwächt die Abwehr zusätzlich.
- Bewegung: Moderate, regelmäßige Bewegung wirkt günstig, extreme Belastung eher nicht.
- Soziale Kontakte: Unterstützung durch andere puffert Stress ab.
- Entspannung: Atemübungen, Meditation, Progressive Muskelentspannung oder Hypnose senken die Stressreaktion.
- Ernährung: abwechslungsreich, mit viel Gemüse und Obst.
Wann zum Arzt?
Sehr häufige oder schwere Infekte, Fieber ohne erkennbaren Grund, ungewollter Gewichtsverlust oder Nachtschweiß sollten ärztlich abgeklärt werden. Dahinter können andere Ursachen als Stress stecken.
Das Audio-Hypnose-Programm zur Stärkung des Immunsystems setzt auf Tiefenentspannung und Stressabbau, begleitend zu ärztlicher Versorgung und gesunder Lebensweise. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
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Warum werde ich krank, wenn der Stress nachlässt?
Viele erleben Infekte im Urlaub oder am Wochenende. Eine gängige Erklärung ist, dass sich das Immunsystem nach einer Phase hoher Belastung umstellt und der Körper Beschwerden deutlicher zeigt. Wissenschaftlich gut belegt ist dieses Phänomen allerdings noch nicht.
Wie lange muss Stress dauern, um das Immunsystem zu schwächen?
Kurzer Stress über Minuten bis Stunden aktiviert die Abwehr eher. Belastungen, die über Wochen, Monate oder Jahre anhalten, werden dagegen mit einer geschwächten Abwehr in Verbindung gebracht.
Kann Entspannung das Immunsystem stärken?
Entspannungsverfahren senken die Stressreaktion und damit einen Faktor, der die Abwehr belastet. Ein direkter Schutz vor Infekten ist damit nicht garantiert, sie sind aber ein sinnvoller Baustein neben Schlaf, Bewegung und Ernährung.
Bekommt man durch Stress Herpes?
Stress löst das Herpesvirus nicht aus, kann aber dazu beitragen, dass ein bereits im Körper schlummerndes Virus wieder aktiv wird. Deshalb treten Lippenherpes und Gürtelrose häufig in belastenden Zeiten auf.
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Quellen (Auswahl)
- Segerstrom & Miller (2004): Psychological stress and the human immune system: a meta-analytic study of 30 years of inquiry, Psychological Bulletin 130(4)
- Cohen, Tyrrell & Smith (1991): Psychological stress and susceptibility to the common cold, New England Journal of Medicine 325(9)
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).