Meine Mutter hat Panikattacken: Wie erwachsene Kinder helfen
Herzrasen, Atemnot, ein panischer Anruf mitten in der Nacht, und danach traut sie sich kaum noch allein zum Einkaufen. Wie Töchter und Söhne helfen, ohne der Angst ungewollt mehr Raum zu geben.
Die kurze Antwort
Hat die eigene Mutter Panikattacken, helfen erwachsene Kinder am meisten, wenn sie in der Attacke ruhig bleiben, auf eine gründliche ärztliche Abklärung drängen und Mut zur Behandlung machen. Panikstörungen lassen sich behandeln, auch im höheren Alter. Weniger hilfreich ist es, ihr auf Dauer alles abzunehmen, was Angst macht, denn Vermeidung hält die Angst eher aufrecht.
Bei Älteren zuerst den Körper prüfen
Laut der deutschen S3-Leitlinie zu Angststörungen (AWMF 051-028) treten Angststörungen am häufigsten zwischen 30 und 50 Jahren auf und sind nach dem 65. Lebensjahr seltener. Umso wichtiger ist bei neuen Beschwerden einer älteren Mutter die körperliche Abklärung. Die Leitlinie sieht vor, vor der Diagnose etwa Herz- und Lungenerkrankungen auszuschließen. Treten Herzrasen, Brustenge oder Atemnot zum ersten Mal oder anders als sonst auf, gilt der Notruf 112. Woran sich beides unterscheiden lässt, erklärt Panikattacke oder Herzinfarkt?.
Wenn der Anruf mitten in der Nacht kommt
Oft erleben erwachsene Kinder die Panik der Mutter am Telefon, manchmal aus vielen Kilometern Entfernung. Dann helfen eine ruhige Stimme, kurze Sätze und gemeinsames langsames Atmen: „Ich bin am Telefon, das ist die Panik, sie geht vorbei.“ Für den Ernstfall lohnt eine vorher besprochene Absprache: Wann ruft sie selbst den Notruf, wer aus der Nachbarschaft hat einen Schlüssel, wo liegt der Medikamentenplan?
Hilfe ja, Schonung auf Dauer nein
Aus Liebe übernehmen Töchter und Söhne oft Einkauf, Arztwege oder Busfahrten, weil die Mutter davor Angst hat. Fachleute nennen das familiäre Anpassung. Eine Übersichtsarbeit von Lebowitz, Panza und Bloch (2016) über 121 Arbeiten fand, dass solche Anpassung bei Angststörungen häufig ist und mit stärkeren Beschwerden und schlechteren Behandlungsergebnissen zusammenhängt. Besser ist es, Schritte gemeinsam zu gehen, etwa erst zu zweit, dann allein mit einem Anruf danach.
Behandlung im höheren Alter
Manche älteren Mütter halten Psychotherapie für nichts mehr in ihrem Alter. Eine kleine randomisierte Studie von Hendriks und Kollegen (2010) mit 49 Menschen ab 60 Jahren mit Panikstörung zeigte: Kognitive Verhaltenstherapie und das Medikament Paroxetin führten beide zu deutlich mehr Besserung als eine Wartezeit. Die Autoren halten größere Studien für nötig. Die Leitlinie nennt die kognitive Verhaltenstherapie als psychotherapeutisches Verfahren mit der besten Evidenz.
Abgrenzung und Unterstützung
Wie Partner eine Attacke im gemeinsamen Alltag begleiten, beschreibt Partner hat Panikattacken: Was tun?. Allgemeine Sofortmaßnahmen stehen in Was hilft bei Panikattacken sofort?. Wer selbst kaum noch zur Ruhe kommt, erreicht die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 116 123, in Österreich unter 142 und in der Schweiz unter 143.
Das Audio-Programm bei Panikattacken richtet sich an Betroffene selbst. Für die eigene Belastung als Tochter oder Sohn passen eher Programme wie Stress, Schlafstörungen und Selbstwertgefühl: aufeinander aufbauende Hypnosen à 75 Minuten für zu Hause, sofort nach dem Kauf verfügbar, von Ingo Michael Simon erarbeitet und professionell eingesprochen, ohne KI. Alle sind im Jahresabo mit allen 115 Programmen enthalten. Begleitend gedacht, kein Ersatz für Beratung oder Behandlung.
Häufige Fragen
Meine Mutter ruft bei jeder Panikattacke an: Muss ich sofort hinfahren?
Nicht unbedingt, wenn die Attacken ärztlich abgeklärt sind und sich anfühlen wie sonst. Dann reicht oft ein ruhiges Telefonat, bis die Welle abklingt. Neue Beschwerden, Brustschmerz, Atemnot oder Verwirrtheit sind dagegen ein Fall für den Notruf 112 und nicht für die eigene Autofahrt.
Meine Mutter nimmt seit Jahren Beruhigungstabletten: Ist das ein Problem?
Die deutsche Leitlinie rät wegen des Abhängigkeitsrisikos von Benzodiazepinen bei Angststörungen ab und nennt bei Älteren zusätzlich die Sturzgefahr. Absetzen sollte die Mutter solche Mittel aber nie eigenmächtig, sondern nur nach ärztlichem Plan. Ein gemeinsamer Termin in der Hausarztpraxis kann helfen, das Thema ruhig anzusprechen.
Seit dem Tod meines Vaters hat meine Mutter Panikattacken: Hängt das zusammen?
Das ist möglich, denn ein Verlust bringt oft starke Anspannung, Schlafmangel und neue Ängste mit sich. Ob eine Panikstörung, eine Depression oder eine erschwerte Trauer dahintersteht, kann nur eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung klären. Wichtig ist, die Trauer mit anzusprechen und nicht nur die Attacken.
Was tun, wenn meine Mutter wegen der Angst nicht mehr aus dem Haus geht?
Wer nach Panikattacken Orte meidet, entwickelt manchmal eine Agoraphobie, also Angst vor Situationen, aus denen Flucht oder Hilfe schwer erscheint. Dann ist eine Behandlung besonders wichtig, denn Vermeidung hält die Angst eher aufrecht. Begleitete kleine Schritte, etwa der Weg zum Briefkasten, sind ein Anfang, ersetzen aber keine Therapie.
Verwandte Themen
Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- DGPPN, DKPM u. a. (2021): S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen, Version 2, AWMF 051-028 Quelle lesen →
- Bandelow et al. (2022): The German Guidelines for the treatment of anxiety disorders: first revision, European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience 272(4) Quelle lesen →
- Lebowitz, Panza & Bloch (2016): Family accommodation in obsessive-compulsive and anxiety disorders: a five-year update, Expert Review of Neurotherapeutics 16(1) Quelle lesen →
- Hendriks et al. (2010): A randomized controlled study of paroxetine and cognitive-behavioural therapy for late-life panic disorder, Acta Psychiatrica Scandinavica 122(1) Quelle lesen →
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).