Was hilft bei Fibromyalgie?
Bewegung, Verhaltenstherapie und Geduld: Die Leitlinie setzt klare Prioritäten. Medikamente spielen eine Nebenrolle, und auch Hypnose hat ihren ehrlich begrenzten Platz.
Die kurze Antwort
Am besten belegt ist Bewegung: regelmäßiges, sanft dosiertes Ausdauertraining. Dazu kommen kognitive Verhaltenstherapie, meditative Bewegungsformen wie Tai-Chi, Qigong und Yoga sowie bei starken Beschwerden die Kombination mehrerer Verfahren. Medikamente spielen eine Nebenrolle und werden nur zeitlich befristet eingesetzt. So ordnet es die deutsche S3-Leitlinie zum Fibromyalgiesyndrom ein, deren Fassung von 2017 derzeit überarbeitet wird.
Was die Leitlinie stark empfiehlt
- Ausdauertraining mit geringer bis mittlerer Intensität, etwa zügiges Gehen, Radfahren, Tanzen oder Aquajogging, zwei- bis dreimal pro Woche für mindestens 30 Minuten
- Funktionstraining sowie Wasser- und Trockengymnastik
- meditative Bewegung wie Tai-Chi, Qigong oder Yoga
- kognitive Verhaltenstherapie, die den Umgang mit Schmerz, Stress und Schonverhalten verändert
- multimodale Therapie: mindestens ein aktivierendes Verfahren, kombiniert mit Schulung oder Psychotherapie
Die europäische Rheumatologie-Fachgesellschaft EULAR kam zum selben Kern: Als einzige Maßnahme erhielt Bewegung dort eine starke Empfehlung. Achtsamkeitstraining allein reicht laut deutscher Leitlinie dagegen nicht, es sollte nicht als einzige Therapie eingesetzt werden. Welche Bausteine passen, wird am besten gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt entschieden, unter Berücksichtigung eigener Vorlieben und Begleiterkrankungen.
Klein anfangen statt ganz aussetzen
Viele Betroffene fürchten, dass Bewegung die Schmerzen verstärkt, und schonen sich. Kurzfristig ist das verständlich, langfristig bauen dadurch Kraft und Ausdauer ab. Sinnvoll ist, mit wenigen Minuten zu beginnen und langsam zu steigern. An schlechten Tagen lieber kürzer trainieren als gar nicht.
Für die Langzeitbehandlung rät die Leitlinie zu Verfahren, die sich selbstständig durchführen lassen: angepasstes Ausdauer- oder Krafttraining, Dehnen und Wärmeanwendungen.
Medikamente: befristet und gezielt
Niedrig dosiertes Amitriptylin sollte laut Leitlinie zeitlich befristet empfohlen werden. Duloxetin kommt bei gleichzeitiger Depression oder generalisierter Angststörung infrage, Pregabalin bei generalisierter Angststörung. Von starken Opioiden rät die Leitlinie ausdrücklich ab, ebenso von klassischen entzündungshemmenden Schmerzmitteln (NSAR). Die Auswahl gehört in ärztliche Hand.
Und Hypnose?
Hypnose und geleitete Imagination „können erwogen werden“, heißt es in der Leitlinie. Das ist eine offene Empfehlung: Grundlage waren fünf kleine Studien mit zusammen 146 Teilnehmenden. Im Vergleich zu Kontrollgruppen ging der Schmerz deutlich zurück, auf die Lebensqualität zeigte sich kein signifikanter Effekt, und die Qualität der Evidenz gilt als gering. Ehrlich eingeordnet ist Hypnose ein ergänzender Baustein für Entspannung und besseren Schlaf, kein Ersatz für Bewegung und ärztliche Behandlung.
Wann ärztliche Abklärung nötig ist
Neue oder deutlich veränderte Beschwerden, geschwollene Gelenke, Fieber, ungewollter Gewichtsverlust, Taubheitsgefühle oder Lähmungen gehören untersucht, auch wenn die Diagnose Fibromyalgie schon feststeht. Nicht jeder neue Schmerz ist automatisch Teil der Fibromyalgie.
Das Audio-Hypnose-Programm bei Fibromyalgie setzt auf Tiefenentspannung und einen ruhigeren Umgang mit dem Schmerz, begleitend zu Bewegung und ärztlicher Behandlung. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Welcher Sport ist bei Fibromyalgie am besten?
Am besten belegt ist Ausdauertraining mit geringer bis mittlerer Intensität, etwa zügiges Gehen, Radfahren, Aquajogging oder Wassergymnastik. Auch Tai-Chi, Qigong und Yoga werden empfohlen. Wichtiger als die Sportart ist die Regelmäßigkeit.
Welche Medikamente helfen bei Fibromyalgie?
Die Leitlinie nennt niedrig dosiertes Amitriptylin sowie bei bestimmten Begleiterkrankungen Duloxetin oder Pregabalin, jeweils zeitlich befristet. Starke Opioide und klassische Entzündungshemmer werden nicht empfohlen.
Kann Hypnose bei Fibromyalgie helfen?
Kleine Studien fanden eine Schmerzlinderung, die Leitlinie spricht deshalb eine offene Empfehlung aus: Hypnose kann erwogen werden. Sie eignet sich als Ergänzung zu Bewegung und Behandlung, nicht als Ersatz.
Was tun an schlechten Tagen?
Nicht ganz pausieren, sondern die Dosis verkleinern: ein kurzer Spaziergang, sanftes Dehnen, Wärme. Solche selbstständig durchführbaren Maßnahmen empfiehlt die Leitlinie für die Langzeitbehandlung.
Ist Fibromyalgie heilbar?
Eine Heilung im Sinne einer ursächlichen Therapie gibt es bisher nicht. Die Beschwerden lassen sich aber oft deutlich lindern. Die S3-Leitlinie zum Fibromyalgiesyndrom setzt vor allem auf angepasstes Ausdauertraining, Funktionstraining und bei starker seelischer Belastung auf Psychotherapie. Medikamente spielen eine eher untergeordnete, zeitlich begrenzte Rolle.
Ist Fibromyalgie eine Autoimmunerkrankung?
Nach heutigem Stand wird sie nicht als Autoimmunerkrankung eingeordnet. Es gibt erste Laborhinweise, dass Antikörper an der Schmerzverarbeitung beteiligt sein könnten (Goebel et al. 2021), gesichert ist das nicht. Sicher ist: Fibromyalgie verursacht keine Entzündung und keine Schäden an Gelenken oder Muskeln. Im Mittelpunkt steht eine veränderte Schmerzverarbeitung.
Ist Fibromyalgie Rheuma?
Umgangssprachlich wird sie oft zum Weichteilrheuma gezählt und häufig in der Rheumatologie diagnostiziert. Eine entzündlich-rheumatische Erkrankung wie die rheumatoide Arthritis ist sie aber nicht. Die Abgrenzung ist wichtig, weil sich die Behandlung grundlegend unterscheidet.
Ist Fibromyalgie vererbbar?
Es gibt eine familiäre Häufung: Nahe Verwandte von Betroffenen erkranken deutlich häufiger. Vererbt wird vermutlich eine Empfindlichkeit der Schmerzverarbeitung, keine Erkrankung an sich. Ob sie sich ausprägt, hängt auch von Faktoren wie Dauerstress, Schlafmangel und belastenden Erfahrungen ab.
Welcher Arzt ist bei Fibromyalgie zuständig?
Erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis. Zur Abgrenzung entzündlicher Erkrankungen folgt oft eine rheumatologische Abklärung. Bei langem Verlauf sind Schmerztherapeuten oder eine multimodale Schmerztherapie sinnvoll, bei seelischer Belastung zusätzlich Psychotherapie.
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Quellen (Auswahl)
- Goebel et al. (2021): Passive transfer of fibromyalgia symptoms from patients to mice, Journal of Clinical Investigation 131(13)
- Deutsche Schmerzgesellschaft u.a. (2017): S3-Leitlinie Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms, 2. Aktualisierung, AWMF 145-004
- Macfarlane et al. (2017): EULAR revised recommendations for the management of fibromyalgia, Annals of the Rheumatic Diseases 76(2)
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).