Warum habe ich Angst, allein zu sein?
Die Angst vor dem Alleinsein hat verschiedene Wurzeln: Bindung, die Stille mit sich selbst oder die Sorge, im Ernstfall ohne Hilfe zu sein. Wer die eigene erkennt, weiß, wo er ansetzen kann.
Die kurze Antwort
Hinter der Angst vor dem Alleinsein stecken meist drei verschiedene Ängste: die Angst, einen nahen Menschen zu verlieren, die Angst vor der Stille mit den eigenen Gedanken und die Angst, im Notfall ohne Hilfe zu sein. Welche davon im Vordergrund steht, entscheidet darüber, was hilft.
Das Bedürfnis nach Nähe ist angeboren
Nach der Bindungstheorie sucht schon ein Kleinkind bei Gefahr die Nähe seiner Bezugsperson. Die Psychologen Cindy Hazan und Phillip Shaver zeigten 1987, dass sich ähnliche Bindungsmuster in Liebesbeziehungen Erwachsener wiederfinden. Ängstlich gebundene Menschen beschrieben ihre Beziehungen häufiger mit Eifersucht, starken Hochs und Tiefs und dem Wunsch nach enger Verschmelzung.
Das Bedürfnis nach Nähe ist also keine Schwäche. Schwierig wird es erst, wenn die Angst vor dem Verlust das Leben bestimmt.
Die drei Gesichter der Angst
Verlustangst
Wer unsicher gebunden ist, erlebt auch kurze Trennungen schnell als Bedrohung. Ein unbeantworteter Anruf löst dann Alarm aus. Ist die Angst vor der Trennung von Partner oder Kindern übermäßig und hält über Monate an, kann nach der ICD-11 eine Trennungsangststörung vorliegen. Diese Diagnose gibt es inzwischen ausdrücklich auch für Erwachsene.
Allein mit den eigenen Gedanken
Manche fürchten weniger das Fehlen anderer als die Stille. In Experimenten um den Psychologen Timothy Wilson empfanden viele Teilnehmende schon 6 bis 15 Minuten allein und ohne Beschäftigung als unangenehm. In einem Versuch verpassten sich 67 Prozent der Männer und 25 Prozent der Frauen in dieser Zeit lieber selbst einen leichten Stromschlag. Ständige Ablenkung kann auch ein Ausweichen vor Grübeleien oder Gefühlen sein, die in der Ruhe auftauchen.
Angst, im Notfall allein zu sein
Bei manchen richtet sich die Angst auf die Frage, was passiert, wenn plötzlich etwas geschieht und niemand da ist. Die S3-Leitlinie zu Angststörungen nennt die Angst vor dem Alleinsein als häufiges Merkmal der Agoraphobie, die oft mit Panikattacken einhergeht. Die Anwesenheit einer Begleitperson verringert die Angst dann deutlich.
Nicht dasselbe wie Einsamkeit
Angst vor dem Alleinsein und Einsamkeit hängen zusammen, sind aber nicht gleich. Wie Einsamkeit auf die Gesundheit wirkt und was nach einer Trennung hilft, steht in eigenen Beiträgen weiter unten.
Was hilft
- Alleinsein in kleinen, geplanten Schritten üben, statt es zu meiden
- Stille nicht sofort füllen, sondern beobachten, welche Gedanken auftauchen
- Halt auf mehrere Menschen und Tätigkeiten verteilen statt auf eine Person
- bei Verlustangst feste Absprachen treffen, statt ständig nachzufragen
- bei Panikattacken, Trennungsangst oder starkem Leidensdruck psychotherapeutische Hilfe suchen
Entspannungsverfahren wie Hypnose können helfen, die Anspannung beim Alleinsein zu senken, begleitend und nicht als Ersatz für eine Therapie.
Das Audio-Hypnose-Programm bei Angst und innerer Unruhe unterstützt dabei, die Anspannung in Momenten des Alleinseins zu senken. Begleitend, nicht als Ersatz für ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
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Wie heißt die Angst vor dem Alleinsein?
Manchmal ist von Autophobie oder Monophobie die Rede. Eine eigene Diagnose ist das nicht: Je nach Hintergrund wird die Angst als Trennungsangst, als Teil einer Agoraphobie oder im Zusammenhang mit unsicheren Bindungsmustern eingeordnet.
Ist Verlustangst in Beziehungen normal?
Ein gewisses Maß ist normal und zeigt, dass einem ein Mensch wichtig ist. Problematisch wird es, wenn die Angst ständige Kontrolle, Klammern oder Eifersucht auslöst oder schon kurze Trennungen kaum auszuhalten sind.
Können Erwachsene eine Trennungsangst haben?
Ja. Die ICD-11 kennt die Trennungsangststörung ausdrücklich auch bei Erwachsenen. Im Mittelpunkt steht dann meist die Sorge um den Partner, die Partnerin oder die eigenen Kinder.
Was tun, wenn die Angst abends allein unerträglich wird?
Einen vertrauten Menschen anrufen oder anschreiben, den Abend mit einer festen Tätigkeit strukturieren und das Grübeln nicht im Bett austragen. Wer akut jemanden zum Reden braucht, erreicht die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111, in der Schweiz die Dargebotene Hand unter 143.
Verwandte Themen
Quellen (Auswahl)
- Hazan & Shaver (1987): Romantic love conceptualized as an attachment process, Journal of Personality and Social Psychology 52(3)
- Wilson et al. (2014): Just think: The challenges of the disengaged mind, Science 345(6192)
- WHO (2019): ICD-11, 6B05 Separation anxiety disorder
- DGPPN u.a.: S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen, AWMF 051-028
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).