Warum habe ich Angst vor der Zukunft?
Nicht die Zukunft selbst macht Angst, sondern das Nichtwissen. Wer Ungewissheit schwer erträgt, versucht sie mit Sorgen zu füllen, und hält die Angst genau dadurch am Leben.
Die kurze Antwort
Angst vor der Zukunft entsteht, wenn das Gehirn Ungewissheit wie eine Bedrohung behandelt. Was kommt, lässt sich nicht wissen, und manche Menschen ertragen dieses Nichtwissen schwerer als andere. Sie versuchen, die Lücke mit Grübeln und Planen zu füllen. Das beruhigt kurz und verstärkt die Angst auf Dauer.
Ungewissheit als Kern
Der kanadische Psychologe Nicholas Carleton hat die Forschung zur Angst vor dem Unbekannten zusammengefasst. Er vermutet darin eine, womöglich sogar die grundlegende Angst hinter vielen Angststörungen. Fachleute sprechen von Intoleranz gegenüber Ungewissheit: Offene Fragen fühlen sich unerträglich an, selbst wenn ein schlechtes Ende unwahrscheinlich ist.
Das „Was, wenn …?“ kommt dann nicht einmal, sondern immer wieder. Die Kette reicht vom Arbeitsplatz über die Gesundheit bis zur Weltlage. Jede Antwort wirft eine neue Frage auf, und völlige Sicherheit stellt sich nie ein.
Warum Sorgen sich so nützlich anfühlen
Die Arbeitsgruppe um Michel Dugas beschrieb 1998 ein Modell, in dem die Intoleranz gegenüber Ungewissheit Sorgen antreibt. Hinzu kommen die Überzeugung, Sorgen würden schützen oder vorbereiten, eine entmutigte Haltung gegenüber Problemen und das gedankliche Ausweichen vor konkreten Bildern der Befürchtung.
Das Tückische: Weil das Befürchtete meist nicht eintritt, scheint das Sorgen gewirkt zu haben. So lernt das Gehirn, weiterzumachen.
Normale Sorge oder Angststörung?
Zukunftssorgen in unsicheren Zeiten sind verständlich. Von einer generalisierten Angststörung sprechen Fachleute, wenn übermäßige Sorgen um mehrere Lebensbereiche wie Familie, Gesundheit, Geld oder Arbeit über Monate an den meisten Tagen kreisen, begleitet von Anspannung, Unruhe, Konzentrations- oder Schlafproblemen. Typisch sind laut S3-Leitlinie auch Sorgen über das eigene Sorgen. Viele Betroffene wissen, dass ihre Befürchtungen übertrieben sind, und können sie trotzdem nicht abstellen.
Was hilft
Sorgen einen festen Platz geben
In einer Studie des Psychologen Thomas Borkovec gingen die täglichen Sorgen zurück, wenn Teilnehmende sie auf eine feste Sorgenzeit an einem festen Ort verschoben. Außerhalb dieser Zeit gilt: bemerken, notieren, vertagen.
Sorgen in Probleme übersetzen
Bei jeder Sorge hilft die Frage: Ist das ein Problem, das sich jetzt lösen lässt? Wenn ja, einen ersten konkreten Schritt festlegen. Wenn nein, den Gedanken als Sorge benennen und in die Sorgenzeit verschieben.
Ungewissheit in kleinen Dosen üben
Nicht jede Entscheidung absichern, nicht jede Nachricht sofort prüfen, bewusst etwas Kleines ungeplant lassen. So macht das Gehirn die Erfahrung, dass Offenes auszuhalten ist.
Fachliche Hilfe
Bei einer generalisierten Angststörung empfiehlt die S3-Leitlinie kognitive Verhaltenstherapie, die unter anderem am Umgang mit Sorgen und Ungewissheit ansetzt. Applied Relaxation, ein gezielt eingeübtes Entspannungsverfahren, nennt sie als möglichen Zusatzbaustein. Hypnose kann begleitend helfen, die körperliche Anspannung zu senken, ersetzt aber keine Behandlung.
Das Audio-Hypnose-Programm bei Angst und innerer Unruhe setzt auf regelmäßig geübte Tiefenentspannung, um die körperliche Anspannung zu senken. Begleitend, nicht als Ersatz für ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
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Ist Zukunftsangst eine Krankheit?
Nicht an sich. Sorgen um die Zukunft sind eine normale Reaktion, besonders in unsicheren Zeiten. Behandlungsbedürftig wird es, wenn die Sorgen über Monate an den meisten Tagen kreisen, kaum zu stoppen sind und Schlaf, Konzentration oder Alltag deutlich beeinträchtigen.
Was bedeutet Intoleranz gegenüber Ungewissheit?
Gemeint ist die Neigung, offene Situationen als kaum erträglich zu erleben, unabhängig davon, wie wahrscheinlich ein schlechter Ausgang ist. Sie gilt als ein zentraler Motor von Sorgen und lässt sich in einer Verhaltenstherapie gezielt bearbeiten.
Hilft es, alles genau durchzuplanen?
Planung entlastet, solange sie zu Entscheidungen führt. Wird daraus ein endloses Durchspielen von Möglichkeiten, hält das die Angst eher am Leben, weil ein Rest Ungewissheit immer bleibt.
Wann sollte ich mir Hilfe holen?
Wenn die Sorgen über Wochen an den meisten Tagen kreisen, Schlaf und Konzentration leiden oder Freude und Antrieb verloren gehen. Erste Anlaufstellen sind die Hausarztpraxis oder eine psychotherapeutische Praxis. In akuten Krisen hilft die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111, in der Schweiz die Dargebotene Hand unter 143.
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Quellen (Auswahl)
- Carleton (2016): Fear of the unknown: One fear to rule them all?, Journal of Anxiety Disorders 41
- Dugas et al. (1998): Generalized anxiety disorder: a preliminary test of a conceptual model, Behaviour Research and Therapy 36(2)
- Borkovec et al. (1983): Stimulus control applications to the treatment of worry, Behaviour Research and Therapy 21
- DGPPN u.a.: S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen, AWMF 051-028
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).