Warum bekomme ich als Beifahrer Panik?
Am Steuer ruhig, auf dem Beifahrersitz in Alarm: Das ist kein Widerspruch. Die Panik hat meist mehr mit fehlender Kontrolle zu tun als mit dem Fahrstil der anderen.
Die kurze Antwort
Als Beifahrer fehlt das, was am Steuer beruhigt: die Kontrolle. Man spürt jede Bremsung und jede Kurve, kann aber nicht eingreifen, und genau dieses Ausgeliefertsein deutet das Angstsystem als Gefahr. Mit dem Fahrstil der anderen Person hat die Panik oft weniger zu tun als mit dem eigenen Gefühl, nichts steuern zu können.
Warum der Beifahrersitz so anders ist
Kontrolle abgeben
Wer selbst fährt, sieht eine Kurve kommen, bremst rechtzeitig und weiß, was als Nächstes passiert. Auf dem Beifahrersitz kommt alles ein wenig überraschend. Viele Menschen, die selbst gern und sicher fahren, erleben genau deshalb neben anderen Anspannung bis hin zur Panik.
Der Körper als Alarmgeber
Herzklopfen, flacher Atem, ein enger Hals: Nach dem kognitiven Modell der Panik von David Clark entsteht eine Panikattacke, wenn solche Körperzeichen als Gefahr gedeutet werden. Der Gedanke „Gleich passiert etwas“ verstärkt die Anspannung, und die stärkere Anspannung scheint den Gedanken zu bestätigen. Im Auto kommt hinzu, dass man nicht einfach aussteigen kann.
Frühere Erfahrungen
Ein Beinahe-Unfall, eine Fahrt mit einer riskant fahrenden Person oder eine erste Panikattacke im Auto können sich einprägen. Fahrangst entsteht aber nicht nur nach Unfällen. Oft genügt die Erwartung, dass es wieder passieren könnte.
Was während der Fahrt hilft
- Langsam ausatmen: die Ausatmung länger als die Einatmung, das bremst den Puls.
- Den Blick weit nach vorn richten: wer die Straße weit vorausschaut, wird von Bremsungen weniger überrascht.
- Absprachen treffen: etwa ein vereinbartes Wort für eine Pause, ohne Diskussion während der Fahrt.
- Die Hände lösen: Festklammern am Griff oder Mitbremsen im Fußraum halten den Körper im Alarm.
Hilfreich kann auch sein, die Fahrt vorher gemeinsam zu besprechen: Strecke, Pausen, ungefähre Dauer. Je weniger unvorhersehbar die Fahrt ist, desto weniger Grund hat das Angstsystem, Alarm zu schlagen. Wer selbst gern fährt, kann auf langen Strecken abwechseln, ohne die Mitfahrt ganz aufzugeben.
Warum Vermeiden die Angst vergrößert
Wer nur noch selbst fährt oder Mitfahrten absagt, verschafft sich kurz Ruhe, lernt aber nie, dass die Fahrt gut ausgeht. Die S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen empfiehlt bei Panik und Agoraphobie kognitive Verhaltenstherapie mit Konfrontation. Dabei werden Mitfahrten schrittweise geübt, von kurzen Strecken mit einer vertrauten Person bis zur Autobahn. Fachleute für Expositionstherapie empfehlen zudem, Sicherheitsverhalten wie das Festklammern nach und nach wegzulassen.
Wann Hilfe sinnvoll ist
Wenn Panikattacken auch in anderen Situationen auftreten oder der Alltag sich zunehmend nach der Angst richtet, ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung sinnvoll. Entspannungsverfahren wie Hypnose können begleitend helfen, die Grundanspannung vor Fahrten zu senken, ersetzen aber keine Behandlung.
Das Audio-Hypnose-Programm bei Panikattacken unterstützt dabei, die Grundanspannung vor Fahrten zu senken, begleitend und nicht als Ersatz für eine Behandlung. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Ist Panik als Beifahrer ein Zeichen für Misstrauen gegenüber dem Fahrer?
Nicht unbedingt. Häufig geht es weniger um die Person am Steuer als um das eigene Gefühl, keine Kontrolle zu haben. Das ehrlich anzusprechen, entlastet oft beide Seiten.
Warum habe ich als Beifahrer Angst, obwohl ich selbst gern fahre?
Am Steuer kann man Gefahren vorhersehen und selbst reagieren. Auf dem Beifahrersitz fällt beides weg, und das Angstsystem reagiert auf diesen Verlust an Kontrolle.
Hilft es, während der Fahrt die Augen zu schließen?
Kurzfristig wirkt es manchmal beruhigend, langfristig hält es die Angst aber eher aufrecht. Hilfreicher ist ein ruhiger, weiter Blick nach vorn und eine langsame Ausatmung.
Wann sollte ich mir wegen der Angst Hilfe holen?
Wenn Mitfahrten ganz vermieden werden, die Angst sich auf andere Situationen ausbreitet oder starke Panikattacken auftreten. Eine kognitive Verhaltenstherapie mit schrittweisem Üben gilt dann als Mittel der Wahl.
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Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- Bandelow et al. (2021): Deutsche S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen, Version 2, AWMF 051-028
- Clark (1986): A cognitive approach to panic, Behaviour Research and Therapy 24(4)
- Taylor, Deane & Podd (2002): Driving-related fear: a review, Clinical Psychology Review 22(5)
- Craske et al. (2014): Maximizing exposure therapy: an inhibitory learning approach, Behaviour Research and Therapy 58
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).