Hämorrhoiden und Beckenboden-Anspannung: der unterschätzte Zusammenhang
Hämorrhoiden hat jeder, ein Hämorrhoidalleiden nicht. Was die S3-Leitlinie konservativ empfiehlt, was eine Studie von 2025 über Toilettenzeit und Smartphone zeigt und welche Rolle ein dauerhaft angespannter Beckenboden spielt.
Über Hämorrhoiden spricht kaum jemand gern, und genau das ist Teil des Problems: Beschwerden werden verschleppt, Blutungen selbst gedeutet, Symptome jahrelang mit Salben aus der Werbung behandelt. Dabei ist das Krankheitsbild gut untersucht, und einer der interessantesten Faktoren ist nicht die Ernährung, sondern das, was auf der Toilette und im Beckenboden passiert.
Hämorrhoiden hat jeder, Hämorrhoidalleiden nicht
Hämorrhoiden sind kein Krankheitszeichen, sondern ein normales anatomisches Gebilde: ein gut durchblutetes Schwellkörperpolster am Ende des Enddarms, das zur Feinabdichtung beiträgt. Erst wenn dieses Gewebe vergrößert ist und Beschwerden macht, spricht man vom Hämorrhoidalleiden.
Die deutsche S3-Leitlinie Hämorrhoidalleiden (AWMF-Registernummer 081/007, Deutsche Gesellschaft für Koloproktologie) beschreibt ein stadiengerechtes Vorgehen über die Grade I bis IV. Behandelt werden sollen nur vergrößerte Hämorrhoiden, die tatsächlich Symptome verursachen. Grad I und II sind die Domäne konservativer und minimalinvasiver Verfahren, Grad III und IV erfordern in der Regel eine Operation.
Zur Häufigkeit kursieren sehr unterschiedliche Zahlen, weil sie stark davon abhängen, ob befragt oder untersucht wird. Angaben bis zu rund 70 Prozent der Erwachsenen im Lauf des Lebens sind verbreitet. In einer 2025 in PLOS ONE publizierten Untersuchung an 125 Erwachsenen, die zur Vorsorgekoloskopie kamen, fanden sich endoskopisch bei 43 Prozent Hämorrhoiden.
Der unterschätzte Faktor: die Zeit auf der Toilette
Genau diese Studie ist für unser Thema aufschlussreich. Chethan Ramprasad und das Team des Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston erfassten das Toilettenverhalten der Teilnehmenden. Das Ergebnis: Wer das Smartphone mit auf die Toilette nahm, hatte ein um etwa 46 Prozent höheres Risiko für Hämorrhoiden (p = 0,044). 37 Prozent der Smartphone-Nutzenden saßen länger als fünf Minuten pro Toilettengang, gegenüber nur 7,1 Prozent der Nichtnutzenden.
Die Autorinnen und Autoren vermuten als entscheidenden Mechanismus nicht in erster Linie das Pressen, sondern die verlängerte Sitzzeit in einer Position, in der der Beckenboden über der Toilettenöffnung nicht unterstützt wird. Der venöse Rückfluss aus dem Polstergewebe ist dabei über längere Zeit behindert.
Ehrlich eingeordnet: Das ist eine einzelne Beobachtungsstudie mit kleiner Stichprobe, kein Kausalitätsbeweis. Aber sie passt zu dem, was Koloproktologen seit Jahrzehnten raten, und sie liefert erstmals Zahlen zu einer Gewohnheit, die praktisch alle haben.
Beckenboden-Anspannung und Stuhlentleerungsstörung
Hier liegt der eigentliche Anspannungsaspekt. Beim normalen Stuhlgang muss sich der Beckenboden, insbesondere die Puborektalisschlinge und der äußere Schließmuskel, entspannen, während sich der Bauchraumdruck erhöht. Bei der Beckenbodendyssynergie (auch Anismus genannt) passiert das Gegenteil: Der Beckenboden kontrahiert paradox, statt loszulassen.
Die Folge ist ein Teufelskreis: Der Stuhl kommt nicht heraus, also wird stärker gepresst. Das Pressen erhöht den Druck auf das Hämorrhoidalpolster. Die Entleerung bleibt unvollständig, das Gefühl „da ist noch etwas" führt zu erneuten, längeren Toilettengängen, und der Druck wirkt wieder und wieder.
Dass funktionelle Störungen bei Hämorrhoidenpatienten häufig sind, ist in der koloproktologischen Literatur beschrieben; eine Untersuchung fand bei rund 69 Prozent der Betroffenen assoziierte Erkrankungen, wobei Fehl- und Dyskoordination der Entleerung überwogen. Für die Behandlung der Beckenbodendyssynergie gilt Biofeedback-Training als Mittel der Wahl; berichtet werden Gesamterfolgsraten um etwa 67 Prozent.
Wo Stress tatsächlich hineinspielt
Der Beckenboden ist Teil der Haltungs- und Reaktionsmuskulatur. Unter Anspannung, Ärger oder Angst steigt der Tonus dort mit, bei vielen Menschen unbemerkt, ähnlich wie beim Kiefer oder beim Schultergürtel. Wer unter Dauerdruck steht, hält in aller Regel auch unten fester.
Dazu kommen drei Alltagsmechanismen, die in Belastungsphasen typisch sind:
- Unterdrückter Stuhldrang, weil kein Termin dazwischenpasst oder die Toilettensituation unangenehm ist. Der Stuhl wird härter, die Entleerung schwerer.
- Eile auf der Toilette: wer sich nicht die Zeit nimmt, presst statt zu warten.
- Veränderte Ernährung und Trinkmenge, weniger Bewegung, unregelmäßiger Rhythmus.
Stress verursacht also kein Hämorrhoidalleiden. Er kann aber über Muskeltonus und Verhalten genau die Bedingungen schaffen, unter denen es entsteht oder sich verschlimmert.
Was die Leitlinie konservativ empfiehlt
- Stuhlregulation als Basis: ballaststoffreiche Ernährung, ausreichend Flüssigkeit, bei Bedarf Quellmittel wie Flohsamenschalen. Ziel ist weicher, geformter Stuhl, nicht Durchfall.
- Nicht pressen. Das ist die zentrale Verhaltenskorrektur der Leitlinie.
- Toilettenzeit kurz halten. Keine Lektüre, kein Smartphone. Wenn nach wenigen Minuten nichts kommt: aufstehen und später wiederkommen.
- Topische Präparate mit Lokalanästhetika oder Corticosteroiden können Beschwerden lindern, zeitlich begrenzt und nicht als Dauerlösung.
- Stadiengerechte Verfahren bei anhaltenden Beschwerden: Sklerosierung und Gummibandligatur bei Grad I und II, operative Verfahren bei Grad III und IV.
Ein praktischer Hinweis, der in der Leitlinie nicht steht, aber in der Proktologie gängig ist: Eine leichte Erhöhung der Füße auf einem kleinen Hocker bringt den Oberkörper in eine günstigere Winkelposition und erleichtert vielen Menschen die Entleerung ohne Pressen.
Was Audio-Hypnose leisten kann, und was nicht
Was sie nicht kann: vergrößerte Hämorrhoiden verkleinern, eine Blutung stoppen, eine Ligatur oder Operation ersetzen oder eine Abklärung überflüssig machen. Es gibt keine Studien, die eine Wirkung von Hypnose auf das Hämorrhoidalleiden selbst zeigen, diese Aussage gehört an dieser Stelle klar hin.
Was plausibel möglich ist, betrifft die Anspannungsseite: das allgemeine Tonusniveau senken, zu dem der Beckenboden gehört. Die Körperwahrnehmung schärfen, sodass unbewusstes Festhalten überhaupt bemerkbar wird, die Grundlage jedes Entspannungstrainings. Und die Ruhe fördern, die nötig ist, um den Toilettengang nicht unter Zeitdruck zu absolvieren. Ein begleitender Baustein zur Stressregulation neben Stuhlregulation, Verhaltensänderung und, wo nötig, proktologischer Behandlung.
Wann Sie unbedingt ärztlich abklären lassen müssen
Jede Blutung aus dem Enddarm gehört untersucht, ohne Ausnahme. Das ist der wichtigste Satz dieses Artikels. Blut im Stuhl selbst als Hämorrhoiden zu deuten ist einer der folgenschwersten Fehler überhaupt, weil Darmkrebs und andere ernsthafte Erkrankungen dieselbe Symptomatik machen können. Weitere Zeichen, die immer in ärztliche Hände gehören: veränderte Stuhlgewohnheiten über Wochen, ungewollter Gewichtsverlust, Schleimabgang, anhaltende Schmerzen, tastbare Knoten, Stuhlschmieren oder Inkontinenz. Scham ist ein schlechter Ratgeber, proktologische Untersuchungen sind Routine und dauern wenige Minuten.
Audio-Hypnose verkleinert keine Hämorrhoiden und ersetzt keine proktologische Abklärung. Als begleitender Baustein zur Stressregulation kann sie Tonus und Zeitdruck im Alltag senken, konzipiert von Ingo Michael Simon (Diplom-Pädagoge, Heilpraktiker für Psychotherapie).
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Können Stress und Anspannung Hämorrhoiden verursachen?
Nicht direkt. Der Beckenboden gehört aber zur Muskulatur, die unter Anspannung unbemerkt mitzieht, und in Belastungsphasen kommen typische Verhaltensmuster dazu: unterdrückter Stuhldrang, Eile auf der Toilette, weniger Bewegung, veränderte Ernährung. Damit schafft Stress indirekt die Bedingungen, unter denen ein Hämorrhoidalleiden entsteht oder sich verschlechtert.
Was ist eine Beckenbodendyssynergie?
Beim normalen Stuhlgang muss sich der Beckenboden entspannen. Bei der Beckenbodendyssynergie, auch Anismus genannt, kontrahiert er stattdessen paradox. Die Entleerung gelingt nicht, es wird stärker gepresst, der Druck auf das Hämorrhoidalgewebe steigt. Als Behandlung der ersten Wahl gilt Biofeedback-Training; berichtet werden Erfolgsraten um etwa 67 Prozent.
Ist das Smartphone auf der Toilette wirklich ein Risiko?
Eine 2025 in PLOS ONE veröffentlichte Untersuchung an 125 Erwachsenen mit Vorsorgekoloskopie fand bei Smartphone-Nutzung auf der Toilette ein um rund 46 Prozent höheres Hämorrhoiden-Risiko. 37 Prozent der Nutzenden saßen länger als fünf Minuten, gegenüber 7,1 Prozent der Nichtnutzenden. Als Mechanismus wird die verlängerte Sitzzeit ohne Unterstützung des Beckenbodens vermutet. Es ist eine kleine Beobachtungsstudie, aber sie passt zur langjährigen proktologischen Empfehlung, die Toilettenzeit kurz zu halten.
Was empfiehlt die S3-Leitlinie konservativ?
Stuhlregulation als Basis: ballaststoffreiche Ernährung, ausreichend Flüssigkeit, bei Bedarf Quellmittel wie Flohsamenschalen. Dazu die zentrale Verhaltenskorrektur, beim Stuhlgang nicht zu pressen. Topische Präparate mit Lokalanästhetika oder Corticosteroiden können Beschwerden zeitlich begrenzt lindern. Behandelt werden sollen nur vergrößerte Hämorrhoiden, die auch Symptome machen.
Hilft Hypnose gegen Hämorrhoiden?
Es gibt keine Studien, die eine Wirkung von Hypnose auf das Hämorrhoidalleiden selbst zeigen, und vergrößerte Hämorrhoiden werden dadurch nicht kleiner. Sinnvoll einordnen lässt sich Audio-Hypnose als begleitender Baustein zur Stressregulation: allgemeines Anspannungsniveau senken, Körperwahrnehmung für unbewusstes Festhalten schärfen und den Zeitdruck aus dem Alltag nehmen.
Muss ich bei Blut im Stuhl zum Arzt?
Ja, ausnahmslos. Blut im Stuhl darf niemals selbst als Hämorrhoiden gedeutet werden, weil Darmkrebs und andere ernsthafte Erkrankungen dieselben Symptome verursachen können. Ebenfalls abklären lassen: veränderte Stuhlgewohnheiten über Wochen, ungewollter Gewichtsverlust, Schleimabgang, anhaltende Schmerzen, tastbare Knoten oder Stuhlschmieren.
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Quellen (Auswahl)
- S3-Leitlinie Hämorrhoidalleiden, AWMF-Registernummer 081/007, Deutsche Gesellschaft für Koloproktologie (publiziert 2019, Fassung 2021).
- Ramprasad C. et al. (2025): Smartphone-Nutzung auf der Toilette und Hämorrhoiden, Querschnittsuntersuchung an 125 Erwachsenen mit Vorsorgekoloskopie (PLOS ONE, DOI 10.1371/journal.pone.0329983).
- Übersichtsarbeiten zur Bedeutung der Stuhlentleerungsstörung beim Hämorrhoidalleiden (coloproctology).
- DGVS-Leitlinienkapitel und Übersichtsarbeiten zu Biofeedback bei Beckenbodendyssynergie und obstruktivem Defäkationssyndrom.
- Wienert V. et al.: Die Prävalenz von Hämorrhoiden bei Erwachsenen (coloproctology, 2012).
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).