Was ist eine komplexe PTBS?
Die komplexe PTBS umfasst die Kernsymptome einer PTBS und zusätzlich anhaltende Probleme mit Gefühlen, Selbstbild und Beziehungen. Sie entsteht meist nach lang andauernder Traumatisierung und ist behandelbar, oft in mehreren Schritten.
Eine eigene Diagnose seit der ICD-11
Die komplexe posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS) ist in der ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation als eigene Diagnose geführt, Code 6B41. Sie umfasst alle Kernsymptome einer PTBS und zusätzlich drei tiefgreifende Probleme: mit Gefühlen, mit dem Selbstbild und mit Beziehungen. Meist entsteht sie nach lang andauernden oder wiederholten Traumatisierungen, denen man kaum entkommen konnte.
Was sie von der PTBS unterscheidet
Bei beiden Diagnosen treten Wiedererleben, Vermeidung und ein anhaltendes Gefühl der Bedrohung auf. Was das im Einzelnen bedeutet, erklärt der Beitrag PTBS verstehen. Bei der komplexen Form kommen drei Merkmale hinzu, die Fachleute als Störungen der Selbstorganisation bezeichnen:
- Gefühlsregulation: Gefühle schießen schnell hoch und lassen sich schwer beruhigen, oder es stellt sich eine innere Taubheit ein.
- Selbstbild: das anhaltende Gefühl, wertlos, besiegt oder beschädigt zu sein, oft begleitet von Scham und Schuld.
- Beziehungen: Nähe fällt schwer, Beziehungen lassen sich kaum aufrechterhalten, viele ziehen sich zurück.
Diese Merkmale sind nicht an einzelne Auslöser gebunden, sondern prägen den Alltag in vielen Lebensbereichen.
Wodurch sie entsteht
Typische Hintergründe sind Missbrauch oder Misshandlung in der Kindheit, häusliche Gewalt über lange Zeit, Folter oder Krieg. Nicht jeder Mensch mit solchen Erfahrungen erkrankt. Die deutsche S3-Leitlinie nennt Häufigkeiten zwischen 0,5 Prozent (Betroffene innerhalb eines Monats, Deutschland) und bis zu 13 Prozent im Laufe des Lebens (Großbritannien).
Abgrenzung zu Borderline
Die komplexe PTBS wird leicht mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung verwechselt, beide können auch gemeinsam vorkommen. Bei Borderline stehen eher ein schwankendes Selbstbild, starke Angst vor dem Verlassenwerden und impulsives Handeln im Vordergrund. Bei der komplexen PTBS ist das Selbstbild eher durchgehend negativ, und Nähe wird eher gemieden. Die Unterscheidung gehört in fachkundige Hände.
Wie sie behandelt wird
Die überarbeitete S3-Leitlinie PTBS von 2026 widmet der komplexen PTBS erstmals ein eigenes Kapitel. Sie empfiehlt eine Psychotherapie, die traumafokussierte Techniken zur Verarbeitung der Erinnerungen mit Techniken zur Gefühlsregulation, zur Stärkung des Selbstwerts und zur Arbeit an Beziehungsmustern verbindet. Ein Vorgehen in mehreren Phasen sollte einer rein traumafokussierten Behandlung vorgezogen werden. Die Qualität der Studienlage stuft die Leitlinie dabei noch als niedrig ein.
Anlaufstellen sind Hausarztpraxen, psychotherapeutische Praxen und Traumaambulanzen. Was in akuten Momenten des Wiedererlebens hilft, beschreibt der Beitrag Was tun bei PTBS-Flashbacks?
Welche Rolle Hypnose spielen kann
Hypnose ist keine Behandlung der komplexen PTBS und ersetzt keine Traumatherapie. Als Entspannungsverfahren kann sie begleitend helfen, Anspannung zu senken und den Schlaf zu verbessern, am besten abgesprochen mit der behandelnden Therapeutin oder dem Therapeuten.
In einer akuten Krise: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 (Deutschland), Die Dargebotene Hand 143 (Schweiz), bei Lebensgefahr Notruf 112, in der Schweiz 144.
Das Audio-Hypnose-Programm bei posttraumatischer Belastung setzt auf Entspannung und innere Stabilität. Es ist keine Traumatherapie und sollte bei komplexer PTBS nur begleitend und in Absprache mit der Behandlung genutzt werden. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Programm bei PTBS → Alle Programme im Jahresabo →Häufige Fragen
Ist komplexe PTBS dasselbe wie Borderline?
Nein, es sind zwei verschiedene Diagnosen, die sich überschneiden und auch gemeinsam auftreten können. Bei der komplexen PTBS stehen ein durchgehend negatives Selbstbild und Rückzug aus Nähe im Vordergrund, bei Borderline eher ein schwankendes Selbstbild und Angst vor dem Verlassenwerden.
Seit wann gibt es die Diagnose komplexe PTBS?
Als eigene Diagnose wurde sie mit der ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation eingeführt, die seit 2022 in Kraft ist. Im amerikanischen Diagnosesystem DSM-5 gibt es sie nicht als eigenständige Diagnose.
Wie lange dauert die Behandlung einer komplexen PTBS?
Das ist sehr unterschiedlich. Häufig dauert sie länger als nach einem einzelnen belastenden Ereignis, weil sie in mehreren Phasen verläuft. Die S3-Leitlinie hält auch eine Therapie in höherer Frequenz, also mehrmals pro Woche, für möglich.
Kann man eine komplexe PTBS selbst behandeln?
Selbsthilfe kann Alltag und Schlaf stabilisieren, ersetzt aber keine Traumatherapie. Erste Anlaufstelle kann die Hausarztpraxis sein, die an psychotherapeutische Praxen oder Traumaambulanzen weitervermittelt. In einer Krise helfen die Telefonseelsorge 0800 111 0 111 und in der Schweiz die Dargebotene Hand 143.
Verwandte Themen
Quellen (Auswahl)
- WHO (2019): ICD-11, 6B41 Complex post traumatic stress disorder
- DeGPT u.a. (2026): S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung, Version 7.0, AWMF 155-001
- Maercker et al. (2022): Complex post-traumatic stress disorder, The Lancet 400(10345)
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).