Warum gehen Narzissten fremd?
Ein Seitensprung sagt oft mehr über die Bedürfnisse des anderen als über den eigenen Wert. Was die Forschung zeigt und was Betroffenen jetzt hilft.
Bestätigung wiegt schwerer als Bindung
Menschen mit ausgeprägt narzisstischen Zügen gehen oft fremd, weil Bestätigung von außen für ihr Selbstwertgefühl wichtiger sein kann als die Treue zu einem Menschen. Studien zeigen, dass vor allem ein Anspruchsdenken im sexuellen Bereich und wenig Einfühlung in den Partner mit Untreue zusammenhängen. Für die betroffene Partnerin oder den Partner heißt das: Der Seitensprung sagt mehr über die Bedürfnisse des anderen als über den eigenen Wert.
Was hinter der Untreue stecken kann
Bewunderung als Treibstoff
Narzisstisches Erleben ist stark auf Bestätigung angewiesen. In einer längeren Beziehung kehrt Alltag ein, die anfängliche Bewunderung wird leiser. Ein neuer Mensch bringt das Gefühl zurück, begehrt und besonders zu sein.
Liebe als Spiel
In fünf Studien fanden Campbell und Kollegen, dass Narzissmus vor allem mit einem spielerischen Liebesstil zusammenhängt: wenig Verbindlichkeit, viel Interesse an Alternativen, Wunsch nach Macht und Unabhängigkeit. Die Angaben der Partner bestätigten dieses Bild.
Anspruch statt Einfühlung
McNulty und Widman begleiteten frisch verheiratete Paare über mehrere Jahre. Untreue hing dort mit „sexuellem Narzissmus“ zusammen, also etwa dem Gefühl, ein Recht auf Sex zu haben, und wenig Einfühlung in den Partner. Der Zusammenhang blieb auch bestehen, wenn allgemeine narzisstische Eigenschaften und die Zufriedenheit in der Ehe berücksichtigt wurden.
Züge sind keine Diagnose
Die genannten Untersuchungen erfassen narzisstische Eigenschaften per Fragebogen bei ganz normalen Menschen, nicht eine Persönlichkeitsstörung. Nicht jeder, der fremdgeht, ist ein Narzisst, und nicht jeder Mensch mit narzisstischen Zügen ist untreu. Eine Diagnose aus der Ferne hilft wenig. Entscheidend ist, was in der eigenen Beziehung geschieht.
Warum es so tief verletzt
Besonders schmerzhaft wird es, wenn auf die Entdeckung keine echte Reue folgt, sondern Abwertung, Schuldumkehr („Du hast mich ja dazu gebracht“) oder das Kleinreden des Geschehenen. Viele Betroffene beginnen dann, an der eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Dieser zweite Schmerz wiegt oft schwerer als der Seitensprung selbst.
Was jetzt schützt
- Fakten notieren, wenn die eigene Erinnerung infrage gestellt wird.
- Einen Test auf sexuell übertragbare Infektionen machen lassen, auch wenn es unangenehm ist.
- Vertraute Menschen einbeziehen, statt allein zu grübeln.
- Entscheidungen über Trennung oder Neuanfang nicht im ersten Schock treffen.
- Beratung oder Psychotherapie nutzen, wenn Schlaf, Arbeit oder Selbstwert dauerhaft leiden.
Bei Gedanken an Suizid hilft die Telefonseelsorge rund um die Uhr: 0800 111 0 111 (Deutschland) oder 143 (Die Dargebotene Hand, Schweiz). Entspannungsverfahren wie Hypnose können helfen, Gedankenkreisen und Anspannung nach einem Vertrauensbruch zu lindern. Bei starker Belastung ersetzen sie keine Therapie.
Das Audio-Hypnose-Programm bei Liebeskummer ist als begleitende Entspannungsroutine gedacht. Eine bestimmte Wirkung ist nicht zugesichert, und es ersetzt keine Psychotherapie. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Gehen alle Narzissten fremd?
Nein. Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen narzisstischen Zügen und Untreue, aber keinen Automatismus. Eine wichtige Rolle scheinen vor allem Anspruchsdenken und fehlende Einfühlung zu spielen.
Bereut ein Narzisst das Fremdgehen?
Manche Menschen mit narzisstischen Zügen zeigen nach einer Entdeckung Reue, nicht selten steht aber die Angst vor Gesichtsverlust oder Trennung im Vordergrund. Ob die Reue echt ist, zeigt sich weniger in Worten als in dauerhaft verändertem Verhalten.
Bin ich schuld, dass mein Partner fremdgegangen ist?
Nein. Die Entscheidung zur Untreue trifft der Mensch, der sie begeht, auch wenn es in der Beziehung Probleme gab. Wer die Schuld zugeschoben bekommt, darf das als Teil eines Musters erkennen.
Kann die Beziehung nach dem Fremdgehen halten?
Das hängt davon ab, ob die untreue Seite Verantwortung übernimmt und bereit ist, an sich zu arbeiten, etwa in einer Paar- oder Einzeltherapie. Ohne echte Veränderung ist das Risiko hoch, dass sich das Muster wiederholt.
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Quellen (Auswahl)
- McNulty & Widman (2014): Sexual narcissism and infidelity in early marriage, Archives of Sexual Behavior 43(7) Quelle lesen →
- Campbell, Foster & Finkel (2002): Does self-love lead to love for others? A story of narcissistic game playing, Journal of Personality and Social Psychology 83(2) Quelle lesen →
- Bach et al. (2022): The ICD-11 classification of personality disorders: a European perspective on challenges and opportunities, Borderline Personality Disorder and Emotion Dysregulation 9 Quelle lesen →
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).