Selbstzweifel im neuen Job: Warum sie am Anfang so häufig sind und was hilft
Selbstzweifel in den ersten Monaten eines neuen Jobs sind sehr verbreitet und sagen wenig darüber aus, ob man der Aufgabe gewachsen ist. Klare Erwartungen, aktives Nachfragen und frühe Rückmeldung helfen beim Ankommen.
Die kurze Antwort
Selbstzweifel in den ersten Wochen und Monaten eines neuen Jobs sind sehr verbreitet, denn Abläufe, Erwartungen und Menschen sind noch fremd. Sie sagen wenig darüber aus, ob man der Aufgabe gewachsen ist. Hilfreich ist, die Unsicherheit als Teil der Einarbeitung zu sehen, Erwartungen früh zu klären und sich aktiv Rückmeldung zu holen.
Warum der Anfang so verunsichert
Bauer und Kollegen (2007) werteten 70 Stichproben von Menschen in einer neuen Stelle aus. Wie gut sich jemand einlebte, hing vor allem an drei Dingen: zu wissen, was erwartet wird, sich die Aufgaben zuzutrauen und sich im Team angenommen zu fühlen. Aktives Nachfragen trug dazu bei. All das wächst erst mit der Zeit. Wenn es in den ersten Wochen fehlt, ist das kein persönliches Versagen, sondern der übliche Stand der Einarbeitung.
Dazu kommt die Probezeit. Nach § 622 BGB kann während einer vereinbarten Probezeit von höchstens sechs Monaten mit einer Frist von zwei Wochen gekündigt werden. Das erzeugt Druck, die Frist gilt aber für beide Seiten: Auch man selbst prüft in dieser Zeit, ob die Stelle passt.
Das Hochstapler-Gefühl
Clance und Imes (1978) beschrieben erfolgreiche Frauen, die trotz guter Leistungen überzeugt waren, nicht wirklich fähig zu sein und andere getäuscht zu haben. Sie nannten das Impostor- oder Hochstapler-Phänomen. Bravata und Kollegen (2020) fanden in 62 Studien, dass es bei Männern wie Frauen und in allen Altersgruppen vorkommt, je nach Messverfahren bei 9 bis 82 Prozent der Befragten. Es ist keine Diagnose, ging aber häufig mit Angst, depressiven Beschwerden und Burnout einher.
Schritt für Schritt
- Erwartungen klären: In den ersten Wochen fragen: „Woran merke ich nach drei Monaten, dass ich gut eingearbeitet bin?“ Ein klares Ziel ersetzt vage Sorgen.
- Fragen sammeln: Offene Punkte notieren und gebündelt stellen. Fragen ist am Anfang ausdrücklich erwünscht.
- Rückmeldung aktiv holen: Nicht bis zum Probezeitgespräch warten, sondern nach einigen Wochen kurz nachfragen, was gut läuft und was anders sein soll.
- Fortschritte festhalten: Einmal pro Woche aufschreiben, was inzwischen selbstverständlich ist, was vor einem Monat noch neu war.
- Fair vergleichen: Wer seit Jahren im Team ist, ist kein Maßstab für die dritte Woche. Mehr dazu unter Warum vergleiche ich mich ständig mit anderen?.
Wenn die Zweifel älter sind als der Job
Begleitet das Gefühl, weniger wert zu sein als andere, schon lange und in vielen Lebensbereichen, steht unter Minderwertigkeitskomplex, woher es kommen kann. Halten Schlafprobleme, Grübeln oder Niedergeschlagenheit über Wochen an, ist ein Gespräch in der hausärztlichen oder psychotherapeutischen Praxis sinnvoll.
Wer im neuen Job an sich zweifelt und üben möchte, den eigenen Fähigkeiten mehr zu vertrauen, kann das Audio-Programm Selbstwertgefühl nutzen: aufeinander aufbauende Hypnosen à 75 Minuten für zu Hause, sofort nach dem Kauf verfügbar, von Ingo Michael Simon geschrieben und professionell eingesprochen, ohne KI. Am meisten Spielraum bietet das Jahresabo mit allen 115 Programmen, etwa zusammen mit Stress und Schlafstörungen. Begleitend gedacht, für Selbstzweifel im Job wissenschaftlich nicht belegt und kein Ersatz für psychotherapeutische Behandlung.
Häufige Fragen
Ist es normal, sich nach Wochen im neuen Job noch überfordert zu fühlen?
Ja, das ist häufig. Studien zur Einarbeitung zeigen, dass Klarheit über die eigene Rolle, Zutrauen und das Gefühl, dazuzugehören, erst mit der Zeit wachsen. Je nach Stelle dauert es oft mehrere Monate, bis sich Abläufe selbstverständlich anfühlen.
Wie erfahre ich, ob ich die Probezeit bestehe?
Am verlässlichsten durch direktes Nachfragen, etwa nach der Hälfte der Probezeit in einem kurzen Gespräch mit der Führungskraft. Die Frage „Was soll ich bis zum Ende der Probezeit noch verbessern?“ liefert konkrete Hinweise statt Rätselraten. Fehlende Kritik bedeutet dabei meist eher Zufriedenheit als Unzufriedenheit.
Ich habe Angst, dass im neuen Job auffällt, dass ich gar nicht so gut bin: Ist das das Hochstapler-Syndrom?
Diese Angst ist typisch für das sogenannte Impostor-Phänomen. Es ist keine Diagnose, kommt aber auch bei sehr erfahrenen und erfolgreichen Menschen vor. Hilfreich ist, Rückmeldungen und erreichte Ergebnisse schriftlich festzuhalten und sie gegen das Gefühl zu halten.
Soll ich in der Probezeit kündigen, wenn die Selbstzweifel nicht weggehen?
Selbstzweifel allein sind meist kein guter Grund, denn sie lassen in vielen Fällen nach, wenn die Abläufe vertrauter werden. Anders ist es, wenn Aufgaben, Team oder Arbeitsbedingungen auf Dauer nicht passen. Die Entscheidung lieber in Ruhe und mit etwas Abstand treffen als nach dem schlechtesten Tag der Woche.
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Quellen (Auswahl)
- Bauer et al. (2007): Newcomer adjustment during organizational socialization: a meta-analytic review of antecedents, outcomes, and methods, Journal of Applied Psychology 92(3) Quelle lesen →
- Clance & Imes (1978): The imposter phenomenon in high achieving women: dynamics and therapeutic intervention, Psychotherapy: Theory, Research & Practice 15(3) Quelle lesen →
- Bravata et al. (2020): Prevalence, predictors, and treatment of impostor syndrome: a systematic review, Journal of General Internal Medicine 35(4) Quelle lesen →
- Bürgerliches Gesetzbuch: § 622 Kündigungsfristen bei Arbeitsverhältnissen, Absatz 3 Probezeit Quelle lesen →
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).