Kontakt zur Borderline-Mutter abbrechen: ja oder nein?
Ein Kontaktabbruch zur eigenen Mutter gehört zu den schwersten Entscheidungen überhaupt. Es gibt kein Richtig oder Falsch für alle, aber Fragen, die bei der Entscheidung helfen.
Die kurze Antwort
Ob ein Kontaktabbruch zur Mutter mit Borderline-Persönlichkeitsstörung richtig ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Er kann notwendig sein, wenn Begegnungen immer wieder verletzen, die eigene Gesundheit leidet oder eigene Kinder mitbetroffen sind. Zwischen vollem Kontakt und völliger Funkstille gibt es aber viele Abstufungen. Die Entscheidung gehört allein der erwachsenen Tochter oder dem erwachsenen Sohn.
Warum die Frage so schwer wiegt
Eine systematische Übersicht von 2016 wertete 33 Studien zu Kindern von Müttern mit Borderline-Merkmalen aus. Beschrieben wurden häufiger wenig feinfühliges, überbehütendes und feindseliges Erziehungsverhalten. Die Kinder zeigten häufiger unsichere Bindungsmuster, Schwierigkeiten bei der Gefühlsregulation und depressive Beschwerden. Viele erwachsene Kinder tragen diese Erfahrungen mit sich: Sie sind wachsam, fühlen sich für die Stimmung der Mutter zuständig und zweifeln an ihren eigenen Grenzen.
Fragen, die bei der Entscheidung helfen
- Wie geht es mir vor, während und nach den Kontakten, körperlich und seelisch?
- Werden Grenzen nach einem klaren Gespräch eher respektiert oder regelmäßig übergangen?
- Erleben eigene Kinder Abwertung, Drohungen oder heftige Szenen mit?
- Ist die Mutter in Behandlung, und verändert sich etwas?
- Gibt es Menschen, die bei der Entscheidung zur Seite stehen?
Zwischenwege vor dem endgültigen Schritt
Viele finden eine Lösung, die Nähe begrenzt, ohne alles zu beenden: kürzere Besuche an neutralen Orten, feste Zeiten für Telefonate, Nachrichten statt Anrufe, ein Gesprächsende, sobald es laut wird. Auch eine befristete Pause ist möglich. Wichtig ist, solche Regeln ruhig anzukündigen und dann einzuhalten, ohne sie jedes Mal neu zu verhandeln. Manche erleben schon dadurch spürbare Entlastung, andere merken erst so, dass sie mehr Abstand brauchen.
Wenn der Kontakt endet
Reaktionen wie Vorwürfe, Nachrichten über Dritte oder Krisen sind möglich. Es hilft, vorab zu überlegen, wie darauf reagiert wird. Äußerungen über Suizid sind immer ernst zu nehmen, sie gehören aber in professionelle Hände: Bei akuter Gefahr gilt der Notruf 112, die Telefonseelsorge ist unter 0800 111 0 111 erreichbar, in der Schweiz Die Dargebotene Hand unter 143.
Mit Schuld und Trauer umgehen
Schuldgefühle nach einem Kontaktabbruch sind häufig und kein Beweis für eine falsche Entscheidung. Oft mischt sich Trauer um die Mutter hinein, die man sich gewünscht hätte. Eine Übersichtsarbeit beschreibt, dass Angehörige von Menschen mit Borderline oft stark belastet sind, mit Trauer, Depressivität und Ängsten. Die deutsche S3-Leitlinie bezieht das soziale Umfeld ausdrücklich in die Behandlung ein. Eine eigene Psychotherapie, Selbsthilfegruppen für Angehörige oder Beratung können entlasten. Entspannungsverfahren wie Hypnose können ergänzend die innere Anspannung lindern, nicht als Ersatz für eine Behandlung.
Für Borderline selbst ist störungsspezifische Psychotherapie die Behandlung der Wahl. Dieses Audio-Hypnose-Programm richtet sich auch an erwachsene Kinder selbst: Es kann helfen, Anspannung und kreisende Gedanken rund um die Familie zu beruhigen. Es ersetzt keine Therapie. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Bin ich ein schlechtes Kind, wenn ich den Kontakt abbreche?
Nein. Ein Kontaktabbruch ist oft ein Schutzschritt nach langer Belastung und keine Strafe. Gerade Kinder von Eltern mit Borderline haben häufig früh gelernt, eigene Bedürfnisse zurückzustellen.
Kann ich den Kontakt später wieder aufnehmen?
Ja, ein Kontaktabbruch muss nicht endgültig sein. Manche nehmen nach einer Pause oder nach Veränderungen auf Seiten der Mutter vorsichtig wieder Kontakt auf, oft mit klaren Regeln.
Wie sage ich meiner Mutter, dass ich Abstand brauche?
Am besten kurz, ruhig und ohne Liste von Vorwürfen, mündlich oder schriftlich. Ein Satz wie „Ich brauche gerade Abstand, um gesund zu bleiben“ reicht. Lange Rechtfertigungen eröffnen oft nur neue Diskussionen.
Was ist mit den Enkelkindern?
Kinder sollten vor Abwertung, Drohungen und heftigen Szenen geschützt werden. Ob und wie Kontakt zu den Großeltern stattfindet, entscheiden die Eltern, etwa begleitet und zeitlich begrenzt.
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Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- Eyden, Winsper, Wolke, Broome & MacCallum (2016): A systematic review of the parenting and outcomes experienced by offspring of mothers with borderline personality pathology, Clinical Psychology Review 47
- Bailey & Grenyer (2013): Burden and support needs of carers of persons with borderline personality disorder: a systematic review, Harvard Review of Psychiatry 21(5)
- DGPPN: S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung, AWMF 038-015
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).