Kann man Bulimie selbst heilen?
Der Wunsch, es allein zu schaffen, ist verständlich. Was Selbsthilfe leisten kann, wo ihre Grenzen liegen und wann sofort Hilfe nötig ist.
Die kurze Antwort
Ganz allein, ohne jede Begleitung, gelingt der Ausstieg aus einer Bulimie nur selten, und das ist keine Schwäche, sondern liegt in der Natur dieser Erkrankung. Was es aber gibt, ist angeleitete Selbsthilfe: ein strukturiertes Programm auf Basis der kognitiven Verhaltenstherapie, das Sie selbst durcharbeiten, begleitet von einer Fachperson. Die S3-Leitlinie zu Essstörungen nennt diesen Weg als möglichen ersten Schritt der Behandlung. Eine ärztliche Untersuchung gehört trotzdem von Anfang an dazu, weil Bulimie den Körper ernsthaft belasten kann.
Warum es allein so schwer ist
Bulimie hält sich durch einen Kreislauf selbst am Laufen: strenges Diäthalten, Hunger und Anspannung, ein Essanfall, Scham, Erbrechen und danach der Vorsatz, noch strenger zu sein. Von innen fühlt sich dieser Kreislauf oft wie Kontrolle an, obwohl er die Kontrolle immer weiter schwächt. Von außen fällt es leichter, ihn zu erkennen und an der richtigen Stelle zu unterbrechen. Deshalb ist Begleitung so wertvoll.
Was angeleitete Selbsthilfe bedeutet
Gemeint ist kein Durchhalten aus eigener Kraft. Sie arbeiten mit einem Buch oder einem Online-Programm, das Schritt für Schritt aufgebaut ist, und haben regelmäßige kurze Termine mit einer Therapeutin oder Ärztin, die den Weg begleitet. Eine Cochrane-Übersicht von Perkins und Kollegen fand Hinweise, dass solche Selbsthilfe die Beschwerden im Vergleich zur Wartezeit verringern und als erster Behandlungsschritt nützlich sein kann. Reicht das nicht aus, folgt eine Psychotherapie.
Was dabei typischerweise geübt wird
- Regelmäßig essen: Feste Mahlzeiten und kleine Zwischenmahlzeiten über den Tag verteilt. Lange Hungerphasen gehören zu den stärksten Auslösern für Essanfälle.
- Ein Protokoll führen: Was, wann, in welcher Stimmung. So werden Muster sichtbar, ohne Bewertung.
- Auslöser erkennen: Einsamkeit, Anspannung, Streit, ein Blick auf die Waage.
- Alternativen planen: Was können Sie in den schwierigen Minuten tun, statt zu essen oder zu erbrechen?
- Strenge Diätregeln lockern: Verbotene Lebensmittel halten den Kreislauf aus Verzicht und Kontrollverlust am Laufen.
Warnzeichen: Dann bitte sofort ärztlich abklären
- Herzstolpern, Herzrasen, Schwindel oder Ohnmacht
- Muskelkrämpfe oder starke Schwäche, mögliche Zeichen eines Kaliummangels
- Blut im Erbrochenen oder starke Schmerzen im Bauch oder in der Brust
- Erbrechen mehrmals täglich oder zusätzlich Abführmittel und Entwässerungsmittel
- Gedanken, nicht mehr leben zu wollen
Bei Lebensgefahr wählen Sie den Notruf 112. Bei Suizidgedanken ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 erreichbar. Vertrauliche Beratung zu Essstörungen bietet das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (früher BZgA) unter 0221 89 20 31. Auch Angehörige können sich dort beraten lassen.
Sie müssen das nicht allein schaffen
Viele Betroffene schämen sich lange und erzählen niemandem davon. Dabei ist Bulimie gut behandelbar, und der erste Schritt kann ein einziges Gespräch mit der Hausärztin sein. Warum frühe Hilfe so wichtig ist, erklärt der Ratgeber Warum ist Bulimie so gefährlich? Entspannungsverfahren wie Audio-Hypnose können eine Behandlung begleiten, ersetzen sie aber nicht.
Das Audio-Hypnose-Programm Bulimie unterstützt Sie ergänzend dabei, Anspannung zu senken und in schwierigen Momenten mehr innere Ruhe zu finden. Es ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Kann man Bulimie ohne Therapie überwinden?
Ganz ohne Begleitung gelingt das selten. Angeleitete Selbsthilfe auf Basis der kognitiven Verhaltenstherapie, begleitet von einer Fachperson, kann laut S3-Leitlinie ein erster Schritt sein. Eine ärztliche Untersuchung gehört immer dazu.
Was ist angeleitete Selbsthilfe bei Bulimie?
Ein strukturiertes Selbsthilfeprogramm als Buch oder online, das Sie selbst durcharbeiten, mit regelmäßigen kurzen Terminen bei einer Therapeutin oder Ärztin. Reicht das nicht aus, folgt eine Psychotherapie.
Wann ist Bulimie ein Notfall?
Bei Herzstolpern, Ohnmacht, starken Muskelkrämpfen, Blut im Erbrochenen oder Suizidgedanken. Dann sofort ärztliche Hilfe holen oder den Notruf 112 wählen.
Wo bekomme ich anonyme Beratung zu Essstörungen?
Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (früher BZgA) berät vertraulich unter 0221 89 20 31. Bei Suizidgedanken ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 erreichbar.
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Quellen (Auswahl)
- DGPM/DGPPN u.a.: S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung der Essstörungen, AWMF 051-026
- Perkins et al. (2006): Self-help and guided self-help for eating disorders, Cochrane Database of Systematic Reviews, CD004191
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).