Einsamkeit, wenn die Kinder ausziehen: Was jetzt hilft
Jahrelang drehte sich der Alltag um die Familie, nun ist es still. Warum der Auszug der Kinder so wehtun kann und wie aus der Leere eine neue Lebensphase wird.
Die kurze Antwort
Einsamkeit, wenn die Kinder ausziehen, ist eine verständliche Reaktion auf einen großen Einschnitt. Der Alltag, der sich jahrelang um die Familie drehte, wird plötzlich still. Dahinter steckt meist weniger ein Problem als ein Übergang: Eine Rolle verändert sich, eine neue muss erst entstehen. Studien zeigen zudem, dass nur ein Teil der Eltern stark unter dem Auszug leidet.
Was das leere Nest so schwer macht
Mit dem Auszug fallen Routinen weg: gemeinsame Mahlzeiten, Fahrdienste, Gespräche am Küchentisch. Viele merken erst jetzt, wie viel Zeit und Selbstverständnis die Elternrolle gefüllt hat. Eine Übersichtsarbeit von Bougea und Kollegen (2019) beschreibt Gefühle von Trauer, Verlust und Angst sowie Schwierigkeiten, die eigenen Rollen neu zu ordnen. Betroffen sein können Mütter wie Väter.
Oft fällt der Auszug in eine Lebensphase mit weiteren Veränderungen, etwa im Beruf, bei der eigenen Gesundheit oder bei pflegebedürftigen Eltern. Das kann das Gefühl der Leere verstärken.
Nicht alle Eltern erleben es gleich
Das sogenannte Empty-Nest-Syndrom ist seltener, als oft angenommen. In einer Studie von Mitchell und Lovegreen (2009) mit 316 Eltern berichtete nur eine Minderheit davon. Ob es auftrat, hing unter anderem vom kulturellen Hintergrund und von weiteren persönlichen und familiären Umständen ab.
Es kann auch Gutes entstehen. In einer Langzeitstudie über 18 Jahre stieg die Zufriedenheit von Frauen mit ihrer Ehe nach dem Auszug der Kinder, weil sie die gemeinsame Zeit mit dem Partner mehr genossen (Gorchoff und Kollegen, 2008).
Was gegen die Einsamkeit hilft
Den Abschied anerkennen
Traurigkeit über den Auszug heißt nicht, das Kind festhalten zu wollen. Sie darf da sein, auch wenn man sich zugleich über seine Selbstständigkeit freut.
Neue Formen von Kontakt finden
Ein fester Telefontermin oder gelegentliche Besuche geben Halt, ohne das Kind zu bedrängen. Die Beziehung verändert sich, sie endet nicht.
Die frei gewordene Zeit füllen
Freundschaften, ein Ehrenamt, ein Kurs oder ein altes Hobby schaffen neue Begegnungen. In einer Partnerschaft lässt sich die Zweisamkeit bewusst neu gestalten. Wer allein lebt, profitiert besonders von festen Verabredungen, die nicht jedes Mal neu organisiert werden müssen.
Wann Unterstützung sinnvoll ist
Hält die Niedergeschlagenheit über Wochen an, kommen Schlafprobleme, Antriebslosigkeit oder das Gefühl dazu, nicht mehr gebraucht zu werden, ist ein Gespräch in der Hausarztpraxis sinnvoll. Dahinter kann eine Depression stecken. Fühlt sich das Leben insgesamt leer an, hilft der Ratgeber Warum fühle ich mich so leer?. Bei Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 erreichbar, in Österreich unter 142, in der Schweiz die Dargebotene Hand unter 143.
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Häufige Fragen
Ist es normal, so traurig zu sein, wenn das letzte Kind auszieht?
Ja, mit dem Auszug endet ein langer Lebensabschnitt, und Traurigkeit ist darauf eine verständliche Reaktion. Sie kann neben Stolz und Erleichterung bestehen. Nur ein Teil der Eltern erlebt den Übergang als dauerhaft schwer.
Wie oft darf ich mich bei meinem ausgezogenen Kind melden?
Eine feste Regel gibt es nicht. Hilfreich ist, das Kind zu fragen, welcher Rhythmus ihm guttut, etwa ein wöchentliches Telefonat. So bleibt der Kontakt verlässlich, ohne dass er sich nach Kontrolle anfühlt.
Was tun, wenn mein Partner den Auszug der Kinder viel leichter nimmt als ich?
Eltern erleben diesen Übergang oft unterschiedlich, und das ist kein Zeichen mangelnder Liebe zum Kind. Ein offenes Gespräch darüber, was jedem fehlt, hilft, sich gegenseitig zu verstehen. Gemeinsame Pläne für die neue Zeit können beide wieder verbinden.
Wie lange hält das Gefühl der Leere nach dem Auszug der Kinder an?
Eine feste Dauer gibt es nicht, sie hängt von der Lebenssituation und von anderen Belastungen ab. Viele Eltern finden nach einer Übergangszeit neue Routinen und Kontakte. Bleibt die Niedergeschlagenheit über Wochen unverändert, ist ärztlicher Rat sinnvoll.
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Quellen (Auswahl)
- Mitchell & Lovegreen (2009): The empty nest syndrome in midlife families: a multimethod exploration of parental gender differences and cultural dynamics, Journal of Family Issues 30(12) Quelle lesen →
- Gorchoff, John & Helson (2008): Contextualizing change in marital satisfaction during middle age: an 18-year longitudinal study, Psychological Science 19(11) Quelle lesen →
- Bougea, Despoti & Vasilopoulos (2019): Empty-nest-related psychosocial stress: conceptual issues, future directions in economic crisis, Psychiatriki 30(4) Quelle lesen →
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).