Mutter hat Angst, alleine zu sein: Wie Kinder helfen können
Sie ruft mehrmals am Tag an, mag abends nicht allein in der Wohnung sein und fragt, ob sie nicht bei den Kindern wohnen könnte. Was hinter der Angst einer älteren Mutter stecken kann und was wirklich entlastet.
Die kurze Antwort
Hat die Mutter Angst, alleine zu sein, oft nach dem Tod des Vaters, hilft zuerst genaues Hinhören: Geht es um die Sorge vor einem Sturz oder Notfall, um Einsamkeit und Trauer oder um eine Angst, die den ganzen Tag bestimmt? Davon hängt ab, was hilft, vom Hausnotruf über feste Telefonzeiten bis zur ärztlichen Abklärung. Erwachsene Kinder können viel auffangen, aber das Alleinsein nicht ganz abschaffen, und das muss auch niemand.
Wovor sie Angst haben kann
Vor einem Sturz oder Notfall
Viele ältere Menschen fürchten, zu stürzen und nicht gefunden zu werden. Eine Übersichtsarbeit von Scheffer und Kollegen (2008) mit 28 Studien fand Sturzangst je nach Messmethode bei 3 bis 85 Prozent älterer Menschen, häufiger bei Frauen, Hochbetagten und nach einem Sturz. Sie ging mit nachlassender körperlicher und seelischer Leistungsfähigkeit und einem höheren Sturzrisiko einher. Hier helfen ein Hausnotruf und Bewegung, etwa in einer Gruppe für Kraft und Gleichgewicht.
Vor der Leere nach einem Verlust
Fried und Kollegen (2015) verglichen 241 verwitwete ältere Menschen mit 274 Verheirateten. Der Verlust des Partners wirkte vor allem auf das Gefühl der Einsamkeit, das wiederum weitere depressive Beschwerden nach sich zog. Abends und am Wochenende, wenn früher der Partner da war, kann die Leere besonders spürbar sein.
Als eigenständige Angst
Trennungsangst gibt es nicht nur bei Kindern. In einer Auswertung der Weltgesundheitsbefragungen der WHO mit fast 39.000 Erwachsenen aus 18 Ländern begann sie bei 43,1 Prozent der Betroffenen erst nach dem 18. Lebensjahr (Silove und Kollegen, 2015). Bestimmt die Angst den ganzen Tag oder schläft die Mutter kaum noch, gehört das ärztlich abgeklärt.
Was erwachsene Kinder tun können
Feste Anrufzeiten geben mehr Sicherheit als ständige Erreichbarkeit, die beide Seiten erschöpft. Hilfreich ist ein Netz aus Nachbarn, Freundinnen und Angeboten vor Ort, etwa ein Seniorentreff oder ein Besuchsdienst. Das Silbernetz bietet Menschen ab 60 täglich von 8 bis 22 Uhr ein kostenloses, anonymes Gespräch unter 0800 4 70 80 90.
Abgrenzung und Warnzeichen
Wie Verwitwete selbst die Einsamkeit erleben, beschreibt Einsamkeit nach dem Tod des Partners. Woher die Angst vor dem Alleinsein allgemein kommt, erklärt Warum habe ich Angst, allein zu sein?. Isst die Mutter kaum noch, zieht sich ganz zurück oder sagt, sie wolle nicht mehr leben, ist eine baldige ärztliche Abklärung nötig, bei akuter Gefahr der Notruf 112. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 116 123 erreichbar, in Österreich unter 142 und in der Schweiz unter 143.
Das Audio-Programm bei Angst und innerer Unruhe richtet sich an Betroffene selbst. Für die eigene Belastung als Tochter oder Sohn passen eher Programme wie Stress, Schlafstörungen und Selbstwertgefühl: aufeinander aufbauende Hypnosen à 75 Minuten für zu Hause, sofort nach dem Kauf verfügbar, von Ingo Michael Simon erarbeitet und professionell eingesprochen, ohne KI. Alle sind im Jahresabo mit allen 115 Programmen enthalten. Begleitend gedacht, kein Ersatz für Beratung oder Behandlung.
Häufige Fragen
Meine Mutter ruft seit dem Tod meines Vaters ständig an: Wie setze ich Grenzen?
Häufige Anrufe sind in den ersten Monaten der Trauer verständlich. Feste, verlässliche Zeiten, etwa ein Anruf am Morgen und einer am Abend, geben ihr Halt und schützen zugleich die eigene Kraft. Wichtig ist, die Grenze freundlich zu erklären und mit ihr weitere Kontakte aufzubauen.
Sollte meine Mutter zu uns ziehen, weil sie nicht allein sein kann?
Das kann eine gute Lösung sein, sollte aber nicht im ersten Schreck nach einem Verlust entschieden werden. Hilfreich ist, vorher zu klären, wovor genau sie Angst hat, und Zwischenlösungen wie Hausnotruf, Nachbarschaftshilfe oder betreutes Wohnen zu prüfen. Auch die Belastung der eigenen Familie gehört ehrlich auf den Tisch.
Meine Mutter will nachts nicht allein in der Wohnung sein: Was hilft?
Oft steckt dahinter die Sorge, nachts zu stürzen oder krank zu werden, ohne dass es jemand merkt. Ein Hausnotruf, ein Nachtlicht und ein Telefon am Bett können diese Sorge verkleinern. Hält die Angst trotzdem an oder schläft sie kaum noch, ist ein Gespräch in der Hausarztpraxis sinnvoll.
Ist die Angst meiner Mutter noch Trauer oder schon eine Erkrankung?
Angst, Unruhe und Einsamkeit gehören zu vielen Trauerverläufen und lassen meist mit der Zeit nach. Halten starke Sehnsucht und seelischer Schmerz nach dem Verlust mindestens sechs Monate an, gehen deutlich über das kulturell Übliche hinaus und beeinträchtigen den Alltag, beschreibt die ICD-11 eine anhaltende Trauerstörung. Eine Abklärung ist auch früher sinnvoll, wenn Angst oder Niedergeschlagenheit den Alltag bestimmen.
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Quellen (Auswahl)
- Scheffer, Schuurmans, van Dijk, van der Hooft & de Rooij (2008): Fear of falling: measurement strategy, prevalence, risk factors and consequences among older persons, Age and Ageing 37(1) Quelle lesen →
- Fried et al. (2015): From loss to loneliness: the relationship between bereavement and depressive symptoms, Journal of Abnormal Psychology 124(2) Quelle lesen →
- Silove et al. (2015): Pediatric-onset and adult-onset separation anxiety disorder across countries in the World Mental Health Survey, American Journal of Psychiatry 172(7) Quelle lesen →
- Silbernetz e. V.: Silbertelefon für Menschen ab 60: Erreichbarkeit und Angebot Quelle lesen →
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).