Borderliner, wenn sie ignoriert werden: Was passiert, wenn man Kontakt reduziert?
Ignoriert zu werden trifft bei Borderline die Angst, verlassen zu werden. Viele Nachrichten, Wut oder plötzlicher Rückzug sind häufige Folgen. Abstand bleibt erlaubt und verletzt weniger, wenn er angekündigt wird.
Die kurze Antwort
Wer einen Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung ignoriert oder den Kontakt plötzlich stark reduziert, trifft meist einen wunden Punkt: die Angst, verlassen zu werden. Häufige Reaktionen sind viele Nachrichten, Wut und Vorwürfe oder ein abrupter Rückzug. Abstand ist trotzdem erlaubt. Er wirkt weniger verletzend, wenn er angekündigt wird, statt wortlos zu geschehen.
Warum Ignorieren so stark wirkt
Schon kurze Erfahrungen, ignoriert zu werden, lösen bei den meisten Menschen Traurigkeit und Ärger aus. Bei Borderline ist dieses Erleben oft verstärkt. In einem Experiment von Renneberg und Kollegen (2012) spielten Menschen mit Borderline ein virtuelles Ballspiel. Sie fühlten sich schneller ausgeschlossen als die Vergleichsgruppe, und zwar auch dann, wenn sie regelmäßig angespielt wurden. Ausschluss löste bei ihnen Ärger aus.
Weinbrecht und Kollegen (2018) fanden dieses Muster ebenfalls. Erst wenn die Teilnehmenden häufiger als die anderen den Ball bekamen, fühlten sie sich nicht mehr ausgeschlossen. Im Alltag heißt das: Was für den einen nur eine Pause ist, kann für den anderen wie ein Abschied wirken.
Was passieren kann, wenn man Kontakt reduziert
Mehr Kontaktversuche: Anrufe, lange Nachrichten oder Nachfragen über Freunde, oft in kurzer Folge.
Wut und Abwertung: Vorwürfe, der andere sei kalt oder habe nie geliebt.
Gegenrückzug: Die Person bricht selbst den Kontakt ab, um dem befürchteten Verlassenwerden zuvorzukommen.
Krisen: Selten kommen Andeutungen von Selbstverletzung oder Suizid hinzu. Diese gehören immer in professionelle Hände.
Abstand nehmen, ohne zu verletzen
- Ankündigen statt verschwinden: Ein kurzer Satz wie „Ich brauche ein paar Wochen Ruhe und melde mich am Monatsende“ ist klarer als Schweigen.
- Einen Kanal festlegen: Zum Beispiel nur Nachrichten, keine Anrufe in der Nacht. So bleibt erkennbar, wie man erreichbar ist.
- Nicht auf jede Nachricht reagieren: Was angekündigt wurde, darf gelten. Rechtfertigungen laden eher zu neuen Diskussionen ein.
- Zusagen einhalten: Wer eine Rückmeldung verspricht, sollte sie geben. Das schafft Verlässlichkeit, auch bei Abstand.
- Für sich sorgen: Schuldgefühle nach dem Rückzug sind häufig. Gespräche mit Vertrauten oder einer Beratungsstelle helfen beim Einordnen.
Wann sofort Hilfe nötig ist
Bei konkreten Suizidankündigungen nicht abwarten: Notruf 112, TelefonSeelsorge 0800 111 0 111 (DE), Dargebotene Hand 143 (CH). Hilfe zu holen heißt nicht, den eigenen Abstand aufzugeben. Wer sich selbst dauerhaft überfordert fühlt, findet in Angehörigengruppen und Beratungsstellen Unterstützung, auch ohne dass die betroffene Person mitkommt. Geht der Kontaktabbruch nicht von einem selbst, sondern vom Menschen mit Borderline aus, passt Warum brechen Borderliner den Kontakt ab?
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Häufige Fragen
Ist es grausam, einen Borderliner zu ignorieren?
Abstand zu brauchen ist nicht grausam, auch nicht in einer Beziehung mit einem Menschen mit Borderline. Verletzend wirkt vor allem wortloses Schweigen, das als Strafe oder Abschied verstanden werden kann. Eine kurze Ankündigung mit Zeitrahmen macht den Unterschied.
Warum schreibt er oder sie mir so oft, seit ich mich zurückgezogen habe?
Viele Menschen mit Borderline erleben Rückzug als drohenden Verlust, und viele Nachrichten sind ein Versuch, diese Angst zu beruhigen. Hilfreich ist, die angekündigte Regel freundlich zu wiederholen, statt auf jede Nachricht einzeln einzugehen.
Beruhigt sich die Situation, wenn ich den Kontakt eine Weile reduziere?
Häufig lässt die Anspannung nach einigen Tagen nach, eine Garantie gibt es aber nicht. Manche ziehen sich dann selbst zurück oder melden sich, als sei nichts gewesen. Wie es weitergeht, hängt auch davon ab, ob die Pause klar angekündigt wurde und ob die Person therapeutische Unterstützung hat.
Was tun, wenn nach meinem Rückzug Suiziddrohungen kommen?
Solche Äußerungen immer ernst nehmen und Hilfe einschalten: bei akuter Gefahr den Notruf 112, sonst die TelefonSeelsorge oder bestehende Behandler. Die Verantwortung für die Krise liegt damit bei Fachleuten. Den eigenen Abstand muss niemand deshalb aufgeben.
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Quellen (Auswahl)
- Renneberg et al. (2012): Perception of social participation in borderline personality disorder, Clinical Psychology & Psychotherapy 19(6) Quelle lesen →
- Weinbrecht, Niedeggen, Roepke & Renneberg (2018): Feeling excluded no matter what? Bias in the processing of social participation in borderline personality disorder, NeuroImage: Clinical 19 Quelle lesen →
- Williams (2007): Ostracism, Annual Review of Psychology 58 Quelle lesen →
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).