Angst vor Spritzen und Blutabnahme: Was hilft?
Schon der Gedanke an die Nadel lässt Ihre Knie weich werden, vielleicht sind Sie schon einmal umgekippt. Diese Angst ist häufig, hat eine körperliche Besonderheit und lässt sich gut behandeln.
Angst vor Spritzen und Blutabnahme: Was hilft? Die kurze Antwort
Angst vor Spritzen und Blutabnahme ist häufig und kein Grund zur Scham. Eine Besonderheit: Manche Menschen werden dabei ohnmächtig, weil Blutdruck und Puls nach einem kurzen Anstieg plötzlich abfallen. Dagegen hilft die Anspannungstechnik „Applied Tension“, die Sie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen nur nach ärztlicher Rücksprache anwenden sollten. Sagen Sie dem Praxisteam Bescheid, lassen Sie sich im Liegen behandeln und üben Sie schrittweise.
Warum diese Angst anders ist
Bei den meisten Ängsten steigt in der gefürchteten Situation der Puls, der Blutdruck geht hoch, der Körper macht sich bereit zur Flucht. Bei der Angst vor Blut, Spritzen und Verletzungen passiert bei vielen Betroffenen etwas Zusätzliches: Nach dem ersten Anstieg sinken Puls und Blutdruck plötzlich ab. Dann wird es schwarz vor Augen, es wird übel, der Schweiß bricht aus, im Extremfall kommt es zur Ohnmacht. Fachleute sprechen von einer vasovagalen Reaktion.
Diese Form der Angst wird im Diagnosesystem DSM-5 als eigener Untertyp der spezifischen Phobie geführt, als Blut-Spritzen-Verletzungs-Typ. Sie tritt oft in Familien gehäuft auf und beginnt häufig in der Kindheit. Wichtig zu wissen: Die Ohnmacht ist eine körperliche Reaktion, kein Zeichen von Schwäche.
Warum habe ich solche Angst vor der Nadel?
Die Angst hat oft mehrere Wurzeln. Viele Betroffene erinnern sich an schmerzhafte oder beängstigende Erlebnisse beim Arzt in der Kindheit, etwa wenn sie festgehalten wurden. Andere haben erlebt, wie ein Elternteil beim Blutabnehmen umkippte, und dabei gelernt, dass Spritzen gefährlich sind. Bei manchen steht der Schmerz im Vordergrund, bei anderen der Ekel vor Blut oder das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Und wer einmal ohnmächtig geworden ist, fürchtet oft vor allem, dass es wieder passiert. Diese Angst vor der Angst kann stärker werden als die Furcht vor dem Stich selbst.
Die Anspannungstechnik
Weil der Blutdruck bei dieser Angst abfällt, ist reine Entspannung im entscheidenden Moment nicht ideal. Der schwedische Psychologe Lars-Göran Öst hat deshalb mit Kollegen in den 1980er-Jahren die Methode „Applied Tension“ entwickelt (Öst und Sterner, 1987) und später in einer Vergleichsstudie mit 30 Betroffenen geprüft (Öst, Fellenius und Sterner, 1991). Sie gilt als Standardbaustein bei dieser Phobie. Das Grundprinzip:
- Setzen Sie sich bequem hin.
- Spannen Sie die großen Muskeln in Armen, Beinen und Rumpf gleichzeitig an und halten Sie die Spannung einige Sekunden, bis Sie eine Wärme im Gesicht spüren.
- Lassen Sie die Spannung los, ohne ganz zu erschlaffen, und warten Sie einen Moment.
- Wiederholen Sie das mehrmals hintereinander.
Üben Sie die Technik vorher in Ruhe zu Hause, am besten angeleitet von einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten, bevor Sie sie in der Praxis einsetzen. Bei der Blutabnahme spannen Sie den Arm, aus dem Blut genommen wird, nicht an, sondern nur die übrigen Muskeln. Wenn Sie Kopfschmerzen bekommen, spannen Sie weniger stark an. Die Übung erhöht kurzzeitig den Blutdruck. Bei Herzerkrankungen, Herzrhythmusstörungen, hohem Blutdruck oder in der Schwangerschaft wenden Sie sie deshalb nur nach Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt an.
Vor dem Termin
- Normal essen und trinken: Ein leerer Magen und zu wenig Flüssigkeit begünstigen Kreislaufprobleme. Fragen Sie nach, ob Sie nüchtern bleiben müssen.
- Offen ansprechen: Sagen Sie gleich bei der Anmeldung: „Ich habe große Angst vor Spritzen und werde manchmal ohnmächtig.“ Das Praxisteam kennt das gut.
- Im Liegen: Bitten Sie darum, die Blutabnahme oder Impfung im Liegen zu machen. So kann der Kreislauf kaum absacken.
- Betäubung: Fragen Sie in der Praxis oder Apotheke nach einer betäubenden Creme oder einem Pflaster, wenn der Einstich selbst Ihnen besonders zu schaffen macht.
- Begleitung: Eine vertraute Person kann Sicherheit geben.
Während der Blutabnahme
- Schauen Sie weg, wenn Ihnen das hilft. Das ist völlig in Ordnung.
- Atmen Sie ruhig weiter und halten Sie nicht die Luft an. Achten Sie aber darauf, nicht zu schnell zu atmen.
- Nutzen Sie die Anspannungstechnik mit den Beinen und dem freien Arm.
- Melden Sie sich sofort, wenn Ihnen schwindelig oder übel wird. Dann kann das Team Sie hinlegen und die Beine hochlagern.
- Bleiben Sie danach noch einige Minuten sitzen oder liegen, bevor Sie aufstehen.
Schrittweise die Angst verringern
Langfristig hilft es, sich der Angst in kleinen Schritten zu stellen. Ein möglicher Ablauf, jeweils kombiniert mit der Anspannungstechnik:
- Das Wort „Spritze“ lesen, Bilder von Spritzen und Blutabnahmen anschauen.
- Kurze Videos von Blutabnahmen ansehen.
- Eine verpackte Spritze in die Hand nehmen.
- Einen Termin vereinbaren, bei dem Sie sich zunächst nur im Liegen Blutdruck messen lassen.
- Eine Blutabnahme im Liegen, mit Anspannungstechnik.
Bleiben Sie auf jeder Stufe, bis die Angst merklich nachlässt. Bei starker Phobie ist eine Verhaltenstherapie sinnvoll. Die Behandlung ist oft vergleichsweise kurz.
Angst vor Spritzen beim Zahnarzt
Die Betäubungsspritze beim Zahnarzt ist für viele besonders schwierig, weil sie im Gesicht gesetzt wird und man im Stuhl halb liegt. Sprechen Sie die Angst offen an. Viele Praxen tragen vorher ein Betäubungsgel auf die Schleimhaut auf, damit der Einstich weniger zu spüren ist. Vereinbaren Sie ein Handzeichen für eine Pause. Auch hier hilft die Anspannungstechnik mit Beinen und Armen, wenn Sie zu Kreislaufproblemen neigen.
Warum es sich lohnt
Viele Menschen mit dieser Angst schieben Untersuchungen, Impfungen oder Zahnbehandlungen jahrelang auf. Das kann für die Gesundheit ernste Folgen haben, etwa wenn Erkrankungen spät erkannt werden. Schon kleine Fortschritte machen notwendige Arzttermine leichter. Wenn auch der Zahnarzt für Sie schwierig ist, lesen Sie Panik beim Zahnarzt.
Wann eine Abklärung sinnvoll ist
Wenn Sie auch in Situationen ohne Blut oder Spritzen ohnmächtig werden, etwa beim Aufstehen, bei Belastung oder ohne erkennbaren Anlass, lassen Sie das ärztlich abklären. Dahinter können Kreislauf- oder Herzrhythmusstörungen stecken, die eine eigene Behandlung brauchen.
Wo ein Audio-Programm ergänzen kann und wo nicht
Viele Betroffene haben schon Tage vor dem Termin Angst, schlafen schlecht und malen sich den Moment aus. Für diese Erwartungsangst kann eine regelmäßige Entspannungsübung zu Hause hilfreich sein. Direkt bei der Blutabnahme ist bei Ohnmachtsneigung dagegen die Anspannungstechnik die bessere Wahl, nicht tiefe Entspannung. Das Audio-Hypnose-Programm bei Angst und innerer Unruhe läuft online im Browser, ist als Begleitung gedacht und ersetzt keine Verhaltenstherapie.
Viele leiden schon Tage vor dem Termin unter der Angst. Das Audio-Hypnose-Programm bei Angst und innerer Unruhe kann Sie zu Hause gegen diese Erwartungsangst begleiten. Beim Termin selbst ist bei Ohnmachtsneigung die Anspannungstechnik die bessere Wahl. Es ersetzt keine Verhaltenstherapie. Einzeln oder im Jahresabo, online im Browser.
Häufige Fragen
Wie heißt die Angst vor Spritzen?
Fachlich spricht man von einer spezifischen Phobie vom Blut-Spritzen-Verletzungs-Typ. Umgangssprachlich wird auch der Begriff Trypanophobie verwendet. Sie ist häufig und gut behandelbar.
Warum werde ich bei der Blutabnahme ohnmächtig?
Bei manchen Menschen sinken Puls und Blutdruck beim Anblick von Blut oder Nadeln nach einem kurzen Anstieg plötzlich ab. Das Gehirn bekommt kurz zu wenig Blut, es wird schwarz vor Augen. Hinlegen und die Anspannungstechnik helfen dagegen.
Hilft es, bei der Blutabnahme wegzuschauen?
Ja, das ist für viele eine einfache und sinnvolle Hilfe. Langfristig kann es trotzdem lohnen, sich schrittweise an Bilder von Spritzen zu gewöhnen, damit die Angst insgesamt kleiner wird.
Kann ich mich im Liegen impfen lassen?
Ja, darum dürfen Sie bitten. Gerade wenn Sie zu Ohnmacht neigen, ist das sinnvoll. Sagen Sie dem Praxisteam vorher Bescheid, dann wird meist eine Liege vorbereitet.
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Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- Öst & Sterner (1987): Applied tension: a specific behavioral method for treatment of blood phobia, Behaviour Research and Therapy 25(1), 25-29 Quelle lesen →
- Öst, Fellenius & Sterner (1991): Applied tension, exposure in vivo, and tension-only in the treatment of blood phobia, Behaviour Research and Therapy 29(6), 561-574 Quelle lesen →
- American Psychiatric Association (2013): Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Fifth Edition (DSM-5), Specific Phobia
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wenden Sie sich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).